Festtage der Staatsoper Unter den Linden : Erste Töne, letzte Lieder

Staatsopern-Festtage Berlin: Aida Garifullina springt für Anna Netrebko ein – und das Opernkinderorchester gibt sein Debüt.

Auch Mozart war elf Jahre alt, als er die Ouvertüre zu "Apollo et Hyacinthus" schuf: Das Opernkinderorchester spielte sie in der Staatsoper. 
Auch Mozart war elf Jahre alt, als er die Ouvertüre zu "Apollo et Hyacinthus" schuf: Das Opernkinderorchester spielte sie in der...Foto: Peter Adamik

Eigentlich ist das als Forderung ja unmöglich – aber vielleicht sollte Anna Netrebko häufiger ihre Auftritte absagen. Aus zwei Gründen. Zum einen ist es für das Publikum eine Übung in Demut. Weil solche Absagen klarmachen, dass große Kunst nicht buchbar ist wie eine Urlaubsreise mit Geld-Zurück-Garantie. Dass die menschliche Stimme keine Maschine ist, keine Jukebox, die man auf Knopfdruck ein- und ausschaltet. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass man die Momente, in denen es gelingt, erst recht zu schätzen weiß. 

Zudem bekommen auf diese Weise tolle, weniger bekannte Musikerinnen oder Sänger oft unverhofft ein Podium. Wie am Freitag Aida Garifullina beim Konzert der Staatskapelle zu den österlichen Festtagen der Staatsoper Unter den Linden. Die Russin erhält viel respektvollen, auch dankbaren Applaus in der Philharmonie. Sie hat Mut bewiesen und ist für ihre Landsfrau Anna Netrebko eingesprungen, die wegen einer Kehlkopfentzündung kurzfristig passen musste.

Es hat sich ausgezahlt. Die beiden Frauenfiguren von Verdi, denen Garifullina ihre Stimme leiht, Gilda und Violetta, erblühen in vollem Leben. Wie selbstverständlich erklimmt sie die Spitzen in der Arie „Gualtier Maldè... caro nome che il mio cor“ aus „Rigoletto“, verweilt oben in fulminanter Stimmfülle. Mit leisem Murmeln, untermalt nur von den Stimmführern der Streicher, leitet sie „Addio del passato“ aus „La traviata“ ein, dabei ein Passaggio benutzend, das nicht ganz bruchlos fließt und eine hörbare Stufe enthält – was aber den Reiz eher noch erhöht.

Jetzt könnte man natürlich einwenden, dass diese vitale, sich kraftvoll verströmende Stimme weder zu einem schwärmerisch-pubertierenden Mädchen wie Gilda passt noch zu einer tuberkulosekranken, todesnahen Kurtisane wie Violetta. Aber man kann sich auch einfach an dieser Sängerin erfreuen.

Der Rundfunkchor gestaltet die zweite Hälfte des Verdi-Abends

Daniel Barenboim am Pult der Staatskapelle findet an diesem Abend eher selten Zwischentöne, gibt sich fortissimoverliebt und steuert gezielt die krachledernen Momente der Partitur an. Schon in der Ouvertüre zu „I vespri siciliani“, ebenso im Preludio zu „Forza del destino“ vor der Pause. Dort lassen die zu allem entschlossenen Bläserakkorde, unterbrochen von bedeutungsschweren Generalpausen, gleich zu Beginn keinen Zweifel daran, dass es das Schicksal übel meint mit den Protagonisten.

Die Opernsängerin Aida Garifullina sprang kurzfristig für die erkrankte Anna Netrebko ein.
Die Opernsängerin Aida Garifullina sprang kurzfristig für die erkrankte Anna Netrebko ein.Foto: Decca/Simon Fowler

Der Rundfunkchor Berlin (Einstudierung: Gijs Leenaars), bereits vor der Pause mit einem andachtsvoll gesungenen Gefangenenchor präsent, prägt die zweite Hälfte dieses reinen Verdi-Abends. Die „Quattro pezzi sacri“, komponiert zwischen 1887 und 1896, teils zwischen „Otello“ und „Falstaff“, gelten als das finale Werk des Italieners, als seine „vier letzten Lieder“. Ganz a capella das erste Stück, „Ave Maria“, lebens- und glaubensdurchpulst trotz der Tatsache, dass Verdi es eher für eine scholastische Spielerei hielt. Voller Licht und Schatten das „Stabat Mater“, am berührendsten dann das „Laudi alla vergine Maria“: nur vier chorische Frauenstimmen, voller Fragilität und luzider Transparenz.

Demgegenüber fällt das finale „Te Deum“ ab. In seinen vertrackten gregorianischen Strukturen bleibt sogar der Rundfunkchor momentweise hängen, und Barenboim wirkt t eher konzeptlos. Wirklich hörbar wird nicht, wo er in diesem allerletzten Lied hinwill, dass Verdi von den vieren am meisten geschätzt hat.

Dafür wird am nächsten Tag ganz und gar deutlich, wo die Staatsoper mit ihrem Opernkinderorchester hinwill; sie hat ihm einen prominenten Platz bei den Festtagen eingeräumt. Der ganze Saal vibriert vor Freude und Glück, und so viele allerjüngste Musikerinnen und Musiker auf dem Podium zu sehen, macht tatsächlich gute Laune. Sie kommen aus den Berliner Musikschulen, Mitglieder der Staatskapelle haben sie als Mentoren unter die Fittiche genommen.

Das Projekt geht auf eine Idee von Staatsopernintendant Matthias Schulz zurück. Seit September 2018 probt dieses blutjunge Ensemble zusammen. Moderator Rolando Villazón heizt die Stimmung mit deutsch-spanischem Sprachmix und unbestrittenem Komikertalent noch weiter an, er präsentiert Zahlenspiele: Zwischen sechs und 13 Jahre sind die Musiker, im Durchschnitt also elf. Auch Mozart war elf Jahre, als er die Ouvertüre zu „Apollo et Hyacinthus“ schrieb. Und er selbst, sagt Villazón, sei 47, macht in der Quersumme – genau. Was soll da noch schiefgehen?

Das Durchschnittsalter der jungen Musiker: elf Jahre

Der Jubel ist allerdings ein bisschen entkoppelt vom tatsächlichen musikalischen Ergebnis. Was nur verständlich ist. Diese Art der Nachwuchsförderung ist ungemein wichtig, sie kann gar nicht genug gelobt werden. Solche Auftritte heben das Selbstbewusstsein des Nachwuchses, machen es wahrscheinlicher, dass einige von ihnen später Profimusiker werden.

Am Anfang, bei „Apollo et Hyacinthus“ und im Duett von Pamina (Serena Sáenz) und Papageno (Villazón himself), klappt alles prima, die Streicher spielen präzise und wendig. Kleine Ungleichzeitigkeiten glättet Dirigent Max Renne souverän aus. Später, beim Abendsegen aus Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel“ („Das Märchen kennen wir in Mexiko auch, es heißt dort ,Hansel and Gretel’ “, freut sich Villazón) und vollends dann bei Sergej Prokofjews „Peter und der Wolf“ kommt es zu Ermüdungserscheinungen. Die Spannung lässt nach, das Opernkinderorchester klingt jetzt gedämpft und etwas schlapp.

Bitte unbedingt weitermachen! 

Dies nicht zu erwähnen hieße, den jungen Musikern einen Bärendienst zu erweisen. Bei Prokofjew hat Renne den Stab an Daniel Barenboim übergeben, der, wie er selbst sagt, erst spät ins Projekt eingestiegen ist. Bitte unbedingt weitermachen! Dieser Samstagvormittag ist ein einziges Versprechen.

Noch bei den Festtagen der Staatsoper Unter den Linden zu hören: Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“ (heute, Sonntag, 16 Uhr) und Sergej Prokofjews „Die Verlobung im Kloster“ (Montag, 19.30 Uhr)

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