zum Hauptinhalt

Kultur: Feuer auf dem Wasser

Mit dem kann man Pferde stehlen: der norwegische Schriftsteller Per Petterson

Stand:

Es muss an dem Land liegen, aus dem der 1952 geborene Schriftsteller Per Petterson stammt, an Norwegen, und daran, dass er keine Krimis schreibt, sondern Literatur. Möglicherweise auch daran, dass seine Romane eine souveräne Stille ausstrahlen, eine sanfte Schwermut (die aber was Glamouröses hat!); Romane, in denen die Natur eine tragende Rolle spielt, und die deshalb gern als antiurban missverstanden werden. Jedenfalls gab es kein großes Tamtam, keine trommelnden Fernsehliteraturkritiker, als letztes Frühjahr Per Pettersons großartiger Roman „Pferde stehlen“ erschien. Ein paar wohlwollende Rezensionen in den Feuilletons, das schon, aber dann drängten schon wieder die nächsten neuen Bücher in die Buchhandlungen.

„Pferde stehlen“ hätte es verdient, ein steady seller zu werden, nicht zuletzt weil er von ewig Gültigem handelt: von Alter, Einsamkeit und Tod, von Liebe, Familie und Freundschaft, von Verrat und Krieg, von verlorener und wiedergefundener Zeit. All das vor dem Hintergrund einer Natur, der es in ihrem ständigen Werden und Vergehen (zumindest bislang noch) völlig egal ist, was den Menschen widerfährt und wie sie mit ihrem eigenen Werden und Vergehen umgehen. Der Roman erzählt von dem 67-jährigen Trond Sander, der sich nach dem Tod seiner Frau in einem kleinen Ort an der Grenze zu Schweden zurückgezogen hat, um hier seinen Lebensabend zu verbringen: „Mein ganzes Leben habe ich mich danach gesehnt, an einem Ort wie diesem zu sein. Auch in schönsten Zeiten, und die waren nicht selten. (...) Ich hatte Glück. Doch auch dann, zum Beispiel inmitten einer Umarmung, wenn mir jemand Worte ins Ohr flüsterte, die ich gern hörte, konnte ich mich plötzlich weit weg sehnen an einen Ort, an dem es einfach nur still war.“

Und es ist still. Doch der Zufall will es, dass Sander einen Nachbarn hat, den er aus seiner Jugend kennt, einen jetzt ebenfalls alten Mann, der damals im Alter von zehn Jahren seinen Zwillingsbruder beim Spielen mit einem geladenen Gewehr umgebracht hat. Schon wird es des Öfteren laut in Sanders Inneren, setzen seine Erinnerungen ein an die Zeit, als er 15 war, 1948, als er seinen Vater zum letzten Mal sah und er im Gegenzug dessen Lebensgeschichte erstmals vollständig erfährt: Der Vater brachte im von den Nazis besetzten Norwegen politisch Verfolgte über einen Fluss ins sichere Schweden. Nach und nach entfaltet sich so in einem ständigen Vor und Zurück das Leben von Sander und das seines Vaters: still, unaufgeregt, frei von Dramatik, obwohl viel Dramatisches passiert. Und geschrieben in einer von Ina Kronsberger umsichtig ins Deutsche gebrachten Prosa, die rhythmisch und flüssig ist, die nüchtern und wahr ist, und die die technischen Details einer Heuernte oder das Verschiffen von Holzstämmen in ein genauso helles Licht zu tauchen vermag wie Gedanken über den Tod: „War man tot, so war man tot, doch in der winzigen Sekunde davor: Ob man da begriff, daß es vorbei war, und wie sich das anfühlte? Es gab eine schmale Öffnung, wie eine Tür, die einen winzigen Spalt breit offenstand, und gegen die ich mich stemmte, denn ich wollte hinein, und die Sonnenstrahlen leuchteten golden durch meine Lider, und dann glitt ich plötzlich hinein, und einen winzigen Augenblick lang fühlte ich mich ganz sicher, und es machte mir überhaupt keine Angst, machte mich nur traurig, und ich war verwundert darüber, wie still es war.“

Immerhin fasst Pettersons Verlag, der 1999 mit „Sehnsucht nach Sibirien“ erstmals einen Roman des gelernten Bibliothekars veröffentlichte, jetzt mit einem weiteren Roman nach, um Petterson doch noch ein größeres Publikum zu verschaffen: „Im Kielwasser“ heißt dieser Roman, der in Norwegen 2000 erschien, drei Jahre vor „Pferde stehlen“. „Im Kielwasser“ ist Pettersons autobiografischstes Buch, es basiert auf dem Brandunglück der zwischen Oslo und dem dänischen Frederikshavn verkehrenden Fähre „Scandinavian Star“ am 7. April 1990. Dabei starben 158 Passagiere, darunter Pettersons Eltern und zwei seiner Geschwister. Auch Arvid, Pettersons Held, hat seine Eltern bei dem Brand auf der Fähre verloren, und sechs Jahre später kämpfen Arvid und sein Bruder mit den Folgen dieses Unglücks: „Ich war nur Körper, ich hatte keine Worte, genausowenig wie er, und wieviel wir auch sagten, so war stets Luft zwischen dem, was wir sagten, und dem, was wir taten“. Es ist eine beklemmende, aber unsentimentale Geschichte, die Petterson erzählt, durchsetzt mit Erinnerungen Arvids an seine Jugend und vor allem auch seinen Vater: „Ich war auf dem Weg aus der Kindheit heraus, fort von meinem Vater und von allem, wofür er stand, von allem, was er nicht war, und das hatte Zeit gekostet, aber ich fühlte mich furchtlos ...“ Bei aller Trauerarbeit fährt diese Geschichte nie ganz auf den Grund, sondern sie zeigt auch, wie kurz die Verbindung zwischen Schmerz und Humor sein kann, wie viele Möglichkeiten das Leben trotz allem bietet, zumindest wenn man es geschafft hat, wie es am Ende heißt, „gereinigt und auf Null gestellt“ zu sein.

Per Petterson : Im Kielwasser. Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger. Hanser Verlag, München 2007. 190 S., 19,90 €. Per Petterson liest heute in Berlin, 19 Uhr 30, Museum Dahlem, Lansstraße 8.

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
false
isPaid:
console.debug({ userId: "", verifiedBot: "false", botCategory: "" })