Film über Hatun Sürücu im Kino : „Ich war ein Ehrenmord“

Die Berliner Deutschtürkin Hatun Sürücü wurde mit 23 Jahren von ihren Brüdern ermordet. Der Spielfilm „Nur eine Frau“ erzählt auch wie der Fall weiterging.

Die Berlinerin Aynur (Almila Bazraaçak) flieht erst vor ihrem gewalttätigen Ehemann und später vor dem Terror ihrer Brüder.
Die Berlinerin Aynur (Almila Bazraaçak) flieht erst vor ihrem gewalttätigen Ehemann und später vor dem Terror ihrer Brüder.Foto: Mathias Bothor

Von wegen Ehrenmord. Diese kulturrelativistische Vokabel, die – auch in Anführungsstriche gesetzt – immer noch von der Verharmlosung spricht, mit der Teile der Öffentlichkeit und Justiz den Mord von Frauen durch Männer betrachten. Sherry Hormanns Drama „Nur eine Frau“ macht gleich zu Beginn klar, was diese Chronik eines unangekündigten Todes wirklich ist: eine Hinrichtung, eine Demonstration der Macht.

„Ich war ein Ehrenmord“, kommentiert die lakonische Ich-Erzählerin die Originalbilder von Hatun Sürücüs zugedecktem Leichnam aus dem Off. „Der erste, der so richtig fett Presse hatte.“ Das haut rein! Der Kniff setzt den richtigen Ton. Hatun Sürücü, die sich selbst Aynur nennt, erzählt die Geschichte ihrer Ermordung selber und spießt damit zugleich den Euphemismus ihrer Bezeichnung auf. Und reklamiert damit die Deutungshoheit über ihr Schicksal. Noch nicht mal in Feo Aladags schweigsam-packender Tragödie „Die Fremde“, in der Sibel Kekilli 2010 eine junge Frau spielte, deren Schicksal stark an das der Berliner Deutschtürkin Sürücü erinnerte, wurde der Vorsatz, die Planung des von der Familie begangenen Verbrechens so schmerzhaft klar wie in den nun folgenden 90 Minuten.

Das liegt auch daran, dass Hormann, die sich bereits 2009 mit dem Waris-Dirie-Film „Wüstenblume“ als Biografin einer Rebellin empfohlen hat, und ihr Drehbuchautor Florian Oeller auf Prozessakten und Recherchen der Reporter Matthias Deiß und Jo Goll zurückgreifen konnten, die dem Mord eine Fernsehdokumentation und ein Buch widmeten.

„4 Blocks“-Star Almila Bazraaçak verkörpert Hatun Sürücü

In „Nur eine Frau“ verkörpert die aus der Neukölln-Serie „4 Blocks“ bekannte Almila Bazraaçak Hatun Aynur Sürücü. Und wie sie das tut. So lebenslustig, warm und widerständig, wie die aus einer streng religiösen Familie sunnitischer Kurden stammende Kreuzbergerin wirklich gewesen sein muss. Per Rückblende sieht man die Gymnasiastin Aynur acht Jahre zuvor über die Oranienstraße schlendern. Kopftuch auf dem Haupt und Hip-Hop auf den Ohren. Sie ist 15. Die Welt liegt hell und weit vor ihr.

Mit der Zwangsverheiratung an einen Cousin in der Türkei beginnt das Drama. Sie entkommt dem gewalttätigen Ehemann mitsamt ihrem Baby und kehrt nach Berlin zurück. Die Familie nimmt sie widerwillig auf, bald häufen sich die Konflikte – besonders mit den um den Familienruf besorgten Brüdern, die sie mit Hass und Verachtung überziehen und sexuell nötigen. Als die alleinerziehende Aynur schließlich auszieht, jobbt, die Schule nachholt, eine Lehre macht, das Kopftuch ablegt und sich einen Freund zulegt, ist das Maß weiblicher Regelverstöße voll.

Auch andere, liberale Berliner Muslime sind zu sehen

Ja, „Nur eine Frau“ vertritt eine Haltung. Der Film gibt dem Mordopfer, dessen Tod im Alter von 23 Jahren eine deutschlandweite Debatte über Integration ausgelöst hat, eine Stimme und zeigt ihre Subjektive. Trotzdem kommt der durch Fotos, Originalmaterial und Zwischentexte, die die Regeln des Bundeskriminalamts für sogenannte Ehrenmorde zitieren, temporeich strukturierte Film (Montage: Bettina Böhler) ohne inhaltliche Stereotype aus.

Dass das muslimisch-patriarchale Familienleben der Sürücüs kein Berliner Standard ist, wird durch andere muslimische Figuren verdeutlicht. Auch durch den Lieblingsbruder Aram (Armin Wahedi), einen liberalen Jurastudenten. Zu sehen ist aber auch, wie sich die anfangs noch vom Vater auf Linie gebrachten Macho-Brüder in der Moschee und in Abgrenzung zur deutschen Mehrheitsgesellschaft radikalisieren.

Nur ein visuelles Stereotyp wirkt übertrieben. Nämlich die Unterteilung in Aynurs lebendige Berliner Welt, für die Kamerafrau Judith Kaufmann lichtdurchlässige Bilder findet, und den düsteren, graublauen Look der ihr wie ein Gefängnis erscheinenden elterlichen Wohnung.

Dass es Aynur trotz des Terrors der Brüder, die sie als „Hure“ beschimpfen und ihr auflauern, sogar mit ihrem kleinen Sohn Can immer wieder dahin zurückzieht, betrachtet man mit zunehmender Verzweiflung. So groß wie die Kraft, mit der sich Aynur aus dem familiären Würgegriff befreit, so übermächtig ist auch ihre traditionelle Prägung und das Bedürfnis, vom Vater und der von Meral Pinri als Traditionalistin ohne Pardon verkörperten Mutter geliebt zu werden. Und dass tragischerweise noch zu einem Zeitpunkt, als ihr Tod schon beschlossen zu sein scheint, wie sich hinterher in den Gerichtsszenen herausstellt.

„Nur eine Frau“ wird hoffentlich Schulstoff

Zum Glück ist nicht der Tod das Ende dieses bis zur Rotzigkeit lakonischen, kein bisschen sentimentalen Films über die Kämpferin Hatun Aynur Sürücü, sondern ein Auszug des ersten Prozesses, der den Brüdern gemacht wurde. Zwei von ihnen wurden zuletzt 2017 in Istanbul erneut aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Eine Nachricht, die noch lebhaft in Erinnerung ist. Ebenso wie 2018 die seltsame Benennung einer Autobahnbrücke nach ihr. Weniger präsent ist 14 Jahre nach der Tat, dass die türkischstämmige Kronzeugin und ihre Mutter damals ins Zeugenschutzprogramm gingen. Und dass die Sürücüs das Sorgerecht für Aynurs Sohn anstrebten, was deren Freunde mit Ach und Krach verhinderten.

Aber nicht nur wegen dieser Erinnerungsarbeit wird „Nur eine Frau“ hoffentlich filmischer Schulstoff. Die Zeit, die seit den Schüssen an der Bushaltestelle in Tempelhof vergangen ist, hat das Selbstvertrauen junger Deutschtürkinnen wachsen lassen. Und genau wie das Kopftuch für die einen nach wie vor als Symbol patriarchaler Unterdrückung fungiert, wirkt es für die anderen inzwischen als Zeichen kultureller und religiöser Selbstbestimmung. Aber die Themen Zwangsheirat und familiäre Gewalt sind seither nicht aus der Welt. Im Gegenteil. Wo Fundamentalismus und Patriarchat gedeihen, wachsen auch sie. In Berlin und anderswo.

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