Filmessay über Chile : Die stillen Zeugen der Diktatur

In „Die Kordillere der Träume“ ergründet Patricio Guzmán die imposante Gebirgskette der Anden und verbindet sie metaphorisch mit den politischen Erschütterungen des Landes.

Esther Buss
Die Anden, das Nationalheiligtum Chiles.
Die Anden, das Nationalheiligtum Chiles.Foto: imago images/Westend61

Als junger Filmemacher hatte Patricio Guzmán kein Interesse für die Cordillera de los Andes, jene imposante Gebirgskette, die 80 Prozent der Oberfläche Chiles ausmacht. Anders als die neue Gesellschaft, mit deren Aufbau seine Generation während der kurzen Regierungszeit von Salvador Allende beschäftigt war, hatten die Anden nichts Revolutionäres. 

Sie standen einfach da, massiv und ungerührt vom politischen Erdbeben, das Chile bald erschüttern sollte. Guzmáns Blick veränderte sich im Pariser Exil, in das er 1973 flüchtete. „Wir erträumten uns Chile aus der Ferne“, erzählt er mit seiner weichen, etwas feierlichen Stimme. „Die Kordillere ist die Metapher dieses Traums.“ Heute glaubt er in den Felsen das Echo des Putsches zu vernehmen.

Seit einigen Jahren verbindet Guzmán in seinen essayistischen Filmen geologische und kosmische Betrachtungen mit der Erinnerungsgeschichte seines Landes

[Jetzt noch mehr wissen: Mit Tagesspiegel Plus können Sie viele weitere spannende Geschichten, Service- und Hintergrundberichte lesen. 30 Tage kostenlos ausprobieren: Hier erfahren Sie mehr und hier kommen Sie direkt zu allen Artikeln.]

In „Heimweh nach den Sternen" (2010) erforschte er in der Atacamba-Wüste im Norden das Nebeneinander von Observatorien und ehemaligen Konzentrationslagern der Militärdiktatur, fünf Jahre später widmete er sich mit „Der Perlmuttknopf“ dem Wasser des Pazifiks, über dem Tausende Regimegegner abgeworfen wurden.

In „Die Kordillere der Träume“ begibt sich Guzmán aus explizit autobiografischer Perspektive erneut auf metaphorisches Gelände. Die Cordillera de los Andes wird in zahlreichen Gesprächen, darunter mit der Sängerin Javiera Parra und dem Schriftsteller Jorge Baradit, wie ein mysteriöses Gravitationszentrum umkreist. 

Mal ist sie halluzinierte Materie, mal Mutter und Beschützerin, mal Trennwand und Meer. Oder sehr handfest: wie die Rückenlehne eines Stuhls.

Das für Guzmán entscheidende Bild aber ist das einer Zeugin. Einmal fragt sich der Filmemacher, was die aus dem Gebirge gehauenen Pflastersteine erzählen würden, könnten sie sprechen. Panzer und Militärlastwagen rollten über sie hinweg, Blut wurde auf ihnen vergossen. 

Der Film verbindet die politischen Erschütterungen auch visuell mit den Eruptionen der Natur – durch Bilder von Spalten, Verwerfungen und Rissen oder wenn zu traumatischen Erinnerungen an tief fliegende Militärflugzeuge Aufnahmen von wabernder Vulkanasche zu sehen sind.

Das Schweigen der Kordillere, ihr Geheimnis, das der Bildhauer Vicente Gajardo zu ergründen sucht, indem er den Stein öffnet und sein Inneres freilegt, steht aber auch für die schmerzhafte Leerstelle, die in der chilenischen Gegenwart bis heute wie eine offene Wunde klafft. Die Erben der Diktatur gehören zu den heutigen Eliten, ihre Herrschaft setzt sich fort im neoliberalen Raubbau an der Gesellschaft.

[Immer aktuell informiert: Für Ihr Handy empfehlen wir Ihnen unsere runderneuerte App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Eine ernsthafte Aufarbeitung des Terrors gibt es bis heute nicht, relativierend spreche man von „Errores“, wo doch „Horrores“ stattfanden, wie Pablo Salas einmal bitter meint. Der Dokumentarist, der anders als Guzmán in Chile blieb, ist die zentrale Figur des Films, er bringt das metaphorische Gewicht auf den Boden einer auch materiellen Realität. 

Salas ist ein Chronist des Volkswiderstands, seit den beginnenden 1970er Jahren filmt er so gut wie jede Demonstration. Sein Archiv ist ein „fragiler Schatz“, so wie Guzmán, in seinem vollgestopften Büro biegen sich die Regalbretter unter Tonnen an Bändern und Festplatten.

Salas filmte die roten Dreiecke, die das Militär nach seinen Durchsuchungen auf den Haustüren hinterließ, Polizisten, die auf Menschen einknüppeln, und Angehörige der Folteropfer, die auf den Straßen Strafen für die Verantwortlichen fordern. Nach dem Putsch gelang es ihm sogar, Aufnahmen im Estadio Nacional zu machen, wo das Regime Zehntausende Gefangene, darunter auch Guzmán, internierte. 

Der Kontrast dieser für die Erinnerungsgeschichte so wichtigen Dokumente zu den erhabenen Gebirgsbildern könnte nicht größer sein. Sie sind die sprechenden Zeugen der Diktatur. 
[In Il Kino, Brotfabrik, FSK, Moviemento, Rollberg (OmU)]

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!