Filmstart "Pio" : Wir gegen die Welt

Ein italienischer Roma-Junge wird erwachsen: Jonas Carpignanos starkes Filmdrama „Pio“.

Ayiva (Koudous Seihon, li.) hilft Pio (Pio Amato), geklaute Waffen zu verkaufen.
Ayiva (Koudous Seihon, li.) hilft Pio (Pio Amato), geklaute Waffen zu verkaufen.Foto: DCM

„Polizei, Polizei“, schallt es von den Dächern und am Boden bricht ein wildes Gewusel los. Junge Männer rennen umher, springen durch Fenster. Auch der 14-jährige Pio (Pio Amato) sprintet nach Hause. Fix zieht er die Kabel ab, die seine Familie mit abgezweigtem Strom versorgen. Anschließend setzt er sich zu den anderen Kindern und sieht ruhig dabei zu, wie die Carabinieri einen seiner Verwandten schikanieren.

Razzien gehören zum Alltag in der heruntergekommenen Roma-Siedlung am Rande der kalabrischen Stadt Gioia Tauro. Beim nächsten Besuch der Polizei werden Pios Vater und sein älterer Bruder Cosimo (Damiano Amato) verhaftet. Da Pio in Cosimos letztes krummes Geschäft eingeweiht war, bringt der Junge es allein zu Ende. Seine Mutter (Iolanda Amato) schimpft, doch sie nimmt das Geld, das er ihr bringt – ab jetzt regelmäßig. Denn Pio, der schon raucht und Alkohol trinkt, aber nicht lesen kann, will sich endlich als Erwachsener beweisen.

Die Roma-Familie erinnert an einen Mafia-Clan

Der in New York und Rom aufgewachsene Regisseur Jonas Carpignano hat seinen zweiten Spielfilm „Pio“ als Mischung aus Coming-of-Age-Geschichte und Gangsterfilm angelegt. Der Zusammenhalt der Roma-Familie erinnert an die italoamerikanischen Clans in „Der Pate“ oder „Goodfellas“ – Martin Scorsese schätzt Carpignano und ist bei „Pio“ Koproduzent. Der Großvater sagt einmal zu dem Jungen : „Denk immer daran: Es sind wir gegen die Welt.“ Die Welt, damit meint er nicht nur „die Italiener“ sondern auch andere Außenseiter wie die afrikanischen Geflüchteten, die in der Nähe wohnen. Die Familie redet schlecht über sie, „Marokkaner“ ist ein Schimpfwort bei ihr. Von diesen Vorurteilen befreit sich Pio allmählich, als er mit dem aus Burkina Faso stammenden Ayiva zu tun bekommt. Der junge Mann hilft ihm, Hehlerware zu versetzen, und wird eine Art Ersatzbruder.

Koudous Seihon spielt diesen Ayiva, den man bereits aus Carpignanos Debüt „Mediterranea“ kennt. Die Rolle in dem Flüchtlingsdrama von 2015 war von seinem eigenen Schicksal inspiriert. Auch Pio war da schon mit von der Partie, er spielte einen Schwarzhändler. Die QuasiFortsetzung legt den Fokus nun auf die Geschichte des Jungen, lässt ihn und zahlreiche seiner Verwandten Varianten ihrer selbst spielen. Sie tun das auf glaubwürdige, ungekünstelte Weise. In einer langen dokumentarisch anmutenden Abendessen-Szene hat man fast das Gefühl, mit ihnen am Tisch zu sitzen. Derb geht es zu, aber herzlich.

Keine Verklärung der Roma-Kultur

Regisseur Carpignano verzichtet auf eine stereotype Verklärung der Roma, wie man sie etwa aus den ausbeuterischen Filmen Emir Kusturicas kennt. Ein graues Pferd ist der einzige lakonische Verweis auf die Zeit, in der viele Angehörige der größten europäischen Minderheit noch über die Lande zogen. In „Pio“ ist ein Motorroller das wichtigste Verkehrsmittel.

Bei aller Genauigkeit, mit der Carpignano die Lebensverhältnisse der Familie zeigt, geht es ihm jedoch in erster Linie darum, eine spezifische Geschichte so zu erzählen, dass sie universell wird. Das gelingt ihm besonders in der spannenden zweiten Hälfte mit Bravour. Die Prüfungen, die sein Held zu bestehen hat, gipfeln darin, dass der aus dem Knast entlassene Cosimo ihn wieder in seine Machenschaften hineinzieht. Er drängt Pio, ihm zu helfen, Ayiva zu bestehlen. Ein Loyalitätskonflikt, der den Jungen schier zerreißt. Als er mit tränenüberströmtem Gesicht neben seinem Freund sitzt, ist er wieder ein Kind – zum letzten Mal.

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