Flugscham? Streamingscham! : Wie sehr die Digitalbranche das Klima belastet

Über 300 Megatonnen CO2 generierte das Streamen 2018 – so viel wie ganz Spanien. Brauchen wir eine digitale Enthaltsamkeit?

Menschen, die auf Tablets starren - sind gar nicht so klimafreundlich. Der weltweite Netflix-Konsum verbraucht viel Energie.
Menschen, die auf Tablets starren - sind gar nicht so klimafreundlich. Der weltweite Netflix-Konsum verbraucht viel Energie.Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Wie sehr der gesamte digitale Konsum das Klima belastet, rückt trotz Fridays for Future nur langsam ins öffentliche Bewusstsein. Vier Prozent der globalen Treibhausgasemissionen werden durch digitale Medien verursacht – mehr als die zivile Luftfahrt, wie der Thinktank „The Shift Project“ ausgerechnet hat. Bis 2025 dürfte sich die Menge verdoppeln.

Filmdatenmengen sind ein Vielfaches von Audiodateien: „Streaming ist das neue Fliegen“, titelte die „Neue Zürcher Zeitung“.

Wer den Computer anschaltet, wer per Smartphone oder Tablet Filme konsumiert, verhält sich nicht „grüner“ als Autofahrerinnen oder Flugreisende. Es sieht nur sauberer aus.

Auf die Produktion von digitalem Content entfallen dabei 45 Prozent, auf die Verbraucher 55 Prozent. Den größten Anteil verbucht bei Letzteren das Videostreaming – 80 Prozent des globalen Datenverkehrs.

60 Prozent gehen auf das Konto von Netflix, Amazon und Co., ein Viertel sind Pornos. Über 300 Megatonnen CO2 generierte das Streamen 2018 – so viel wie ganz Spanien.

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Was tun? Die Künstlerin Joana Moll macht den ökologischen Fußabdruck von Google mit ihrer Netzinstallation CO2GLE sichtbar. Pro Sekunde bräuchte es 23 Bäume, um das weltweite Googeln auszugleichen.

TU-Professor Tilman Santarius wies im Tagesspiegel auf den Zusammenhang zwischen „Bits & Bäumen“ hin – so hieß ein TU-Kongress 2018. Allmählich komme das Thema in der Öffentlichkeit an, aber es mangele an fundierter Nachhaltigkeitsforschung.

Die französische Non-Profit-Organisation „The Shift Project“ empfiehlt digital sobriety, digitale Enthaltsamkeit. Also erst selber denken, dann googeln.

Eine Serie lässt sich auch in SD- statt in HD-Qualität auf dem Smartphone gucken. Kann das Auge 8K statt 4K überhaupt goutieren?

Müssen meine Geräte im Standby-Modus laufen?

Die großen Klimakiller bleiben aber vorerst die Rechenzentren und die IT-Konzerne. Google, Amazon, Microsoft und andere verweisen zwar gerne auf ihr grünes Engagement, beziehen Strom aus erneuerbarer Energie. Aber sie arbeiten gleichzeitig den fossilen Industrien zu. Greenwashing gibt es auch in der Digitalwelt.

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