Fotografie im Bundestag : Auge der Zeitgeschichte

Der Bundestag würdigt mit Barbara Klemm und Candida Höfer zwei herausragende Künstlerinnen der deutschen Gegenwartsfotografie.

Peter von Becker
Dramatisches Halbdunkel: Eindrücke vom Tag der deutschen Vereinigung, fotografiert von Barbara Klemm 1990 in Berlin.
Dramatisches Halbdunkel: Eindrücke vom Tag der deutschen Vereinigung, fotografiert von Barbara Klemm 1990 in Berlin.Foto: Barbara Klemm/Kunstsammlung Deutscher Bundestag

Der aktuelle und der vorherige Bundestagspräsident haben in Berlin gerade die beiden Grand Ladies der deutschen Gegenwartsfotografie, Barbara Klemm und Candida Höfer, emphatisch gewürdigt.

Wolfgang Schäuble meinte gar, die kürzlich 80 Jahre alt gewordene und weiterhin höchst präsente Barbara Klemm sei stellvertretend zum Auge des letzten halben Jahrhunderts „unserer Zeitgeschichte“ geworden.

Manchmal habe man erst so richtig geglaubt, dass ein Ereignis wirklich stattgefunden hat, wenn man es beispielhaft widergespiegelt gesehen habe durch ihre Fotografien in der einst legendären Tiefdruckbeilage „Bilder und Zeiten“ in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

Auge des letzten Jahrhunderts

Schäuble hatte im Kunstraum des Deutschen Bundestags im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus erst in der vergangen Woche eine Klemm-Ausstellung eröffnet. Da schien das Virus noch fern. Und neben der Frankfurter Fotokünstlerin saß auch sein Vorgänger Norbert Lammert, seinerseits Autor eines rühmenden Vorworts zu Barbara Klemms jüngstem großen Sammelband „Zeiten Bilder“.

Und Lammert, der Politik und Kultur in der Demokratie gerne als durchaus streitbares Liebespaar sehen möchte, hat als Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung am Mittwoch auch Candida Höfer in Berlin begrüßt: als neueste Adressatin der alljährlichen Hommage der Stiftung, die zuvor schon Künstler*innen wie Daniel Barenboim, Gert Voss, Anne-Sophie Mutter, Christo, Jürgen Flimm oder die Sammlerin und Mäzenatin Ingvild Götz ausgezeichnet hat.

Stillleben von menschenleeren Innenräumen

Die Kölnerin Candida Höfer, vier Jahre jünger als Barbara Klemm, ist mit ihren Stillleben von menschenleeren, aber atmosphärevollen Innenräumen von Museen, Bibliotheken, Kirchen, Konzertsälen oder Schlössern längst selbst zur Museumskünstlerin geworden.

Ganz treffend, dass der Architekt und Architekturlehrer Matthias Sauerbruch die auf formale Strenge, auf Symmetrien und Zentralperspektiven erpichte Architekturfotografin Candida Höfer bei seiner Laudatio im amphitheatralen Auditorium der Adenauer-Stiftung (ebenfalls ein Höfer-Motiv) auch als Bildbaumeisterin gewürdigt hat.

Zurück zu Barbara Klemm. Zu Tochter und Vater. Denn das Besondere im Kunstraum „Mauer-Mahnmal“ des Bundestags ist, dass gut vierzig Fotografien von Barbara Klemm im Zusammenspiel und Kontrast mit 25 bildnerischen Werken von Fritz Klemm, ihrem Vater, präsentiert wurden.

Wohl zum ersten Mal, weshalb das Ereignis im Schatten der neuen Lage zumindest verdient, in der Beschreibung festgehalten zu werden. Fritz Klemm (1902 - 1990) war Maler und lehrte an der Akademie in Karlsruhe.

Klemm hielt den Mauerfall ikonografisch fest

Die von Barbara Klemm zusammen mit Andreas Kaernbach, dem Leiter der Kunstsammlung des Bundestags, kuratierte Gegenüberstellung versammelt eine Auswahl der teilweise dramatischen, ohne Blitz und analog im Halbdunkel, in Nebel- und Rauchschwaden aufgenommenen Schwarzweißbilder rund um den Reichstag am Abend des 3. Oktobers 1990, bei der Wiedervereinigungsfeier.

Einmal gruppiert sich dabei eine fahnenschwingende Menschenmenge, als habe Eugene Delacroix’ Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ das unbewusste Vorbild abgegeben.

Ein Jubiläumsanlass in diesem Jahr. Vor den Fotos stehen im Lüders-Haus dauerhaft die museal gewordenen Originalteile der Berliner Mauer. Wie Wände. Barbara Klemm, die einst den Mauerfall ikonografisch festgehalten hat, kontrastiert dies mit Fotos, die sie (anders als bei Höfer) in den von Zuschauern bevölkerten Museen der Welt aufgenommen hat.

So im Louvre vor dem erwähnten Gemälde von Delacroix. Diese Motive, von denen einige auch in ihrem Buch „Zeiten Bilder“ zu finden sind, werden jetzt im Zeichen der Schließungen und Leere auch zum Memento.

Museums-Mauern (oder Mauer-Museum) und Museumsbildern gegenüber: die Werke von Fritz Klemm, die wechselweise Titel wie „Wand“ oder „Fenster“ tragen. Oft sind es minimalistische, doch wirkungsvolle Rechtecke, vielfach auch schwarzweiß mit feinen, teilweise mit dem Messer geschnittenen Schraffuren.

Zwischen Fontana, Beuys, Robert Wilson changierend, in sich als Collagen nochmals gebrochen. Als seien diese Werke eine Vorahnung, gehen die Fenster in Fritz Klemms „Wänden“ freilich auf zu einer menschenlosen Welt. Auch der Minimalismus wird so zum Memento.

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