Fotografien von Mike Chick : Hinter der Biegung des Flusses

Der britische Fotograf Mike Chick spürt an der Oder-Neiße-Grenze der Geschichte seiner Familie nach. Die Fotos sind jetzt im Tempelhof Museum ausgestellt.

Jonas Lages
Mike Chick vor Bildern seiner Ausstellung "Oder-Neisse" in der Galerie im Tempelhof Museum.
Mike Chick vor Bildern seiner Ausstellung "Oder-Neisse" in der Galerie im Tempelhof Museum.Foto: Thilo Rückeis

Ihr Vater ist schon tot, da erfährt Barbara, dass er Jude war. Ein Leben lang hatte er geschwiegen. Mike Chick trifft Barbara auf einer Reise nach Stettin. Sie erzählt ihm von „Tanten und Großtanten, die während des Krieges ermordet wurden“. In ihrer Wohnung fotografiert Chick die Wand, an der einst die Familienbilder hingen. Nur eins ist dort verblieben: das Hochzeitsfoto ihrer Eltern. Vergilbte Stellen in der Tapete deuten auf Aufnahmen, die nicht mehr da sind. So wie „die verlorenen Mitglieder der Familie“, sagt er.

Mike Chicks Fotografie zeigt, wie man das Unsichtbare sichtbar macht. Seine Oder-Neiße-Serie ist derzeit in der Galerie im Tempelhof Museum zu sehen. Animiert hat ihn dazu die Herkunft seiner eigenen Familie: Der Urgroßvater stammt aus Stettin. Chick, Sohn eines Briten und einer Berlinerin, reiste drei Jahre lang in das deutsch-polnische Grenzgebiet. Als Engländer sei es für ihn nicht vorstellbar, „dass Grenzen sich so krass ändern können“.

Manchmal folgt er konkreten Ideen, manchmal findet der Zufall die Motive. Stets jedoch ist er auf der Suche nach den Folgen der Geschichte und den Zeichen einer verlorenen Zeit. Sei es in einer Landschaft, an einem Ort oder auf einem Gesicht.

Chick hat ein Auge für das Abseitige und Ungesehene

Oft sind es Abwesenheiten, die seine Bilder zeigen. Etwa wenn er den Ort der ehemaligen Stettiner Synagoge fotografiert und man nur eine Backsteinmauer mit schneebedeckten Sträuchern sieht. Oder eine Ansicht in Niederschlesien: Da stehen ein Mann und eine Frau wie zwei Wanderer über dem Braunkohlemeer und blicken in die Einöde des Tagebaus Turów, in der das 600 Jahre alte Reibersdorf verschwand.

Chick hat ein Auge für das Abseitige und Ungesehene. Er befragt die Zeugen der Geschichte und bringt ihre Orte zum Sprechen. In der Ausstellung sieht man eine zerbombte Brücke, eine verödete Werft, eine leere Theaterbühne. Das Schauspiel der Geschichte spiegelt sich hier in den vermeintlich belanglosen Dingen. Es ist eine andächtige Fotografie, in die sich der Betrachter versenken kann. Im Zeitalter von Instagram sei die dafür nötige Geduld nicht selbstverständlich, sagt er im Gespräch. „Es ist ein Luxus, als Künstler zu erwarten, dass ein Zuschauer über ein Bild nachdenkt.“

Mike Chick wächst in Marlow an der Themse in Südengland auf. Seine Eltern lernten sich bei der Arbeit über den Wolken kennen. Er: ein englischer Pilot. Sie: eine deutsche Sekretärin. Verkuppler: British-European Airways. Die Kindheit war „nicht völlig zweisprachig“, sagt der 51-Jährige. „Meine Mutter wollte in England keinen deutschen Jungen großziehen“. Bis heute hört man, dass seine Muttersprache nicht die Sprache seiner Mutter ist.

2013 zieht er nach Berlin, Heimatstadt seiner Mutter

Manchmal, wenn er sieht, wie ein Stift seinen Worten folgt, verlangsamt er sie. Dann legen sich leichte Falten um seine Augen, so als schaue er durch den Sucher einer Kamera. Es sind Falten der Erfahrung, wie sie ein Leben zeichnet, in dem es ebenso viel zu bedenken wie zu belachen gibt.

Etwa damals in Oxford, wo er moderne Sprachen studiert. Oder in Londons Werbebranche, in der er anschließend arbeitet. Ein Werbeauftrag bringt ihn Ende der Neunziger nach Ungarn. Er kehrt privat dorthin zurück und realisiert seine erste, von Richard Avedon inspirierte Porträt-Serie: „Szállo“. Danach ist klar: Er will Fotograf werden. Ein Zweitstudium später bereist er die Welt und dokumentiert als Auftragsfotograf Radrennen von Bolivien bis Burkina Faso. 2013 zieht er nach Berlin, der Heimatstadt seiner Mutter.

Sein Vater flog Bomben für die Royal Air Force

„Oder-Neiße“ ist sein erstes unabhängiges Projekt als freier Künstler. „Tiefer, philosophischer, grundsätzlicher“, sagt er. Inspiriert hat ihn dabei Joseph Conrads „Herz der Finsternis“, jene Geschichte, die Francis Ford Coppola in „Apocalypse Now“ vom kolonialisierten Kongo in den Vietnamkrieg versetzte. Eine Ansicht der Neiße, in einem Tal unweit von Görlitz, weckte diese Assoziation. „Ein leerer Strom, ein großes Schweigen, ein undurchdringlicher Wald“: Conrads Worte wurden ihm zum Motto. Und tatsächlich wirken manche der sich leitmotivisch durch die Serie ziehenden Flusslandschaften, als wartete Colonel Kurtz hinter der nächsten Flussbiegung. Dass der nach England ausgewanderte Pole Conrad zu einer Zeit schrieb, in der Polen auf der Europakarte nicht zu finden war, ist ein weiterer thematischer Widerhall.

Im Gespräch bemerkt Chick lachend, dass der Protagonist im „Herz der Finsternis“ den gleichen Namen wie seine Geburtsstadt trägt: Marlow. Es gibt sie, diese Zufälle im Leben der Familie Chick.

Bevor Mike Chicks Vater Passagiere für British Airways beförderte, flog er als junger Pilot Bomben für die Royal Air Force. Chicks Mutter war ein Kleinkind in Berlin, während sein Vater im Himmel über der Hauptstadt flog. Als Pathfinder war er auf 48 Flügen über 26 Städten unterwegs. Finales Flugziel 1944: Stettin. Walter Thompson, kanadischer Kamerad des Vaters, schrieb vierzig Jahre nach Kriegsende mit „Lancaster to Berlin“ ein Buch über ihre gemeinsamen Erlebnisse.

Konkrete Gegenwart und abstrakte Geschichten

In seinem neuesten Projekt will Chick nun den Spuren des Vaters folgen. Das Konzept ist so einfach wie persönlich: Er reist dem väterlichen Flugbuch nach. Chick will alle 26 angesteuerten Städte bei Nacht fotografieren. Die Arbeit hat bereits begonnen. Es sind menschenleere Aufnahmen. Gegenübergestellt werden ihnen die nächtlichen Luftbilder der Bomber, die durch die langen Belichtungszeiten oft nur Lichtstreifen zeigen. „Hier treffen die konkrete Gegenwart und die abstrakte Geschichte aufeinander“, sagt Chick.

Wie es konkret aussehen kann, wenn die Geschichte in der Gegenwart zu sehen ist, das zeigt eine Aufnahme aus der Oder-Neiße-Serie. Darauf sieht man eine kniehohe Mauer, die aus verschiedenen Steinen zusammengesetzt ist. Nach Kriegsende war das Baumaterial so rar, dass Bombentrümmer zum Wiederaufbau genutzt wurden. Aus dem hellen Mauerwerk sticht ein schwarzes Dreieck hervor. Es trägt eine Inschrift: „Gott, Mutter, Schwester“. Es ist das Bruchstück eines Grabsteins.

Tempelhof Museum, Alt Mariendorf 43, bis 18. 3.; Mo-Do 10- 18 Uhr, Fr 10-14 Uhr, So 11-15 Uhr

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