Fotografin Heike Steinweg im Porträt : Das Ernste und das Reine

Bilder, die Brücken schlagen: Die Berliner Fotografin Heike Steinweg porträtiert geflüchtete Frauen. Eine Begegnung.

Sarah Kugler
Geduld für den zweiten Blick. Die Berliner Fotografin Heike Steinweg.
Geduld für den zweiten Blick. Die Berliner Fotografin Heike Steinweg.Foto: Thilo Rückeis

Manchmal entsteht ein fotografisches Porträt wie ein Gemälde: im Warten auf das richtige Licht vor einer weißen Wand. So sieht es zumindest Heike Steinweg, die schon immer fasziniert von der Malerei war. Weil sie so viel erzählt. Nicht nur über den Porträtierten, sondern auch über den Blick des Künstlers auf die Welt. Steinweg möchte die Menschen auf ihren Fotos kennenlernen. Dabei interessiert sie das Individuelle. Etwa die asymmetrische Stellung der Augen oder ein Bild ohne Lächeln.

„Wenn jemand lacht, lacht man automatisch zurück“, sagt die Berlinerin. „Der ernste Blick verlangt immer ein zweites Hinsehen, das regt zum Nachdenken an.“ Deswegen schauen die Porträtierten, die ab Freitag im Museum Europäischer Kulturen zu sehen sind, alle ernst. Zu sehen sind Frauen im Exil. „Ich habe mich nicht verabschiedet“ lautet der Titel der Schau. Alle 33 Porträts sind in Steinwegs Schöneberger Studio entstanden, vor einer leeren Wand, die allerdings blau und nicht weiß ist. Das richtige Licht kommt bei ihr direkt durchs Fenster, Steinweg arbeitet gerne damit. „Bei vielen Gemälden sieht man dieses schräg einfallende Licht, ich mag die Stimmung unglaublich gerne“, sagt sie.

Unter den Porträtierten war auch die Syrerin Hida Obaid, die im Oktober 2016 im Tagesspiegel davon erzählte, wie sehr sie die Aufnahmesession mit ihrer Vergangenheit konfrontierte. Mit den Porträts möchte Steinweg die Stärke der geflüchteten Frauen verdeutlichen und ihre persönlichen, auch positiven Geschichten erzählen. „Sie werden so oft auf ihre Opferrolle reduziert, ich möchte zeigen, dass sie viel mehr als das sind“, betont die Fotografin. Sie möchte den Blick nach vorne richten, auf die Zukunft der Frauen, nicht auf ihre Vergangenheit. Deswegen ist eine der Frauen auch von hinten zu sehen, statt des Gesichts schaut einen langes dunkles Haar an.

Auge in Auge

Lebensgroß werden die Fotografien im Museum gezeigt werden. Steinweg geht es um direkte Anknüpfungsmöglichkeiten zwischen Betrachter und Abgebildeten. „Vor den Schicksalen steht man oft so hilflos da“, sagt sie. „Sagt man aber, schau, wir sind beide Mütter oder lesen gerne, dann ist das etwas ganz anderes.“ Sie selbst hat sich lange mit den Frauen unterhalten. Neben jedem Porträt steht ein kurzer Gedanken, der den Frauen am Herzen liegt, ohne Verweise auf Herkunft und Schicksal der Frau. Außerdem gibt es eine Lesestation mit Büchern, in denen längere biografische Texte der Frauen zu lesen sind.

Bereits in einem ihrer letzten Projekte gab es dieses Konzept. Für „The Last Line“ fotografierte sie Autoren und fragte nach der Entstehung des letzten Satzes eines Buches. „Es ging mir um den kreativen Prozess und das ist eine Frage, die ihnen nicht so oft gestellt wird, dadurch stellte sich sofort eine besondere Ebene ein“, sagt die leidenschaftliche Leserin Steinweg.

Mit Schriftstellern begann ihre fotografische Laufbahn vor etwa 20 Jahren. Ihre Porträts gehen fort von der klassischen Hand-unterm-Kinn-Pose, jedes Bild ist anders, immer auf die jeweilige Person zugeschnitten. Steinweg ist Autodidaktin, irgendwann kam der Entschluss, sich als Fotografin selbstständig zu machen. Sie ist niemand, der lange zögert. Sie wusste, dass sie Schriftsteller porträtieren wollte, also schrieb sie Verlage an. Inzwischen ist sie international unterwegs und hat schon Bestsellerautoren wie Isabel Allende oder Jonathan Safran Foer vor der Kamera gehabt. Auch mit Schauspielern hat sie schon gearbeitet.

Bitte keine Retuschen

Gerne erinnert sie sich etwa an das Shooting mit Henriette Confurius („Die Geliebten Schwestern“, „Das Kalte Herz“). „Sie hat mich sehr berührt mit ihrer Natürlichkeit, sie war sofort da“, erzählt sie. Steinweg ist immer auf der Suche nach dem Puren in ihrem Gegenüber, dem Moment, in dem er durchlässig ist. Berührungsängste hat sie nicht. „Fotografieren ist eine ungewöhnliche Situation, man muss manchmal Grenzen überschreiten und offen sein“, sagt sie. Das zu können, liege in der Familie, ihr Vater quatsche auch einfach Leute an, erzählt sie und lacht. Von nachträglichem Retuschieren hält sie nichts, das nehme zu viel von der Persönlichkeit weg.

Heike Steinweg möchte nicht nur abbilden, sie möchte immer Brücken schlagen. Etwa mit dem Projekt „Open History“, in dem sie in Deutschland lebende Israeli sowie in Israel lebende Deutsche fotografierte. Was Identität jenseits der politischen Agenda bedeute, lautete die Frage. Wie wirkt sie sich auf die Zukunft aus, was macht sie mit der Vergangenheit. Ihre aktuelle Ausstellung knüpft daran an und führt den Blick zurück zur Gegenwart.

Museum Europäischer Kulturen, bis 15. 7., Di–Fr 10– 17 Uhr, Sa/So 11– 18 Uhr. Eröffnung am 8. 3. um 18 Uhr.

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