Frankreichs Kulturbetrieb in der Krise : Trost und Albtraum

In Nantes brennt die Kathedrale, in Avignon fällt das Theaterfestival aus. Die Kritik an der Kulturpolitik unter Präsident Macron wird immer lauter.

Eberhard Spreng
Kulisse ohne Darsteller. Wegen Covid-19 musste das Theaterfestival mit dem Papstpalast im Hintergrund in diesem Sommer abgesagt werden.
Kulisse ohne Darsteller. Wegen Covid-19 musste das Theaterfestival mit dem Papstpalast im Hintergrund in diesem Sommer abgesagt...Foto: imago images/Panthermedia

Der Platz vor dem Papstpalast ist leer, die Caféterrasse verwaist; auf die Besichtigung des knapp 700 Jahre alten Monuments warten ein paar verstreute Touristen vor dem Eingang. Und statt auf die internationale Hochkultur fällt ein Blick auf den Verkaufsstand eines Malers, auf Sonnenblumen, eine billige Kopie nach van Gogh, ein Bild des Pont du Gard, ein Bild der Montagne Sainte-Victoire, das Lieblingsmotiv Cézannes, ein paar Landschaften mit Lavendelfeldern. Provençalische Bildfolklore der einfachen Art. Und am Cloître Saint Louis, wo es sonst immer um diese Zeit wimmelt von Festivalgästen, Journalisten und Künstlern, sind die Türen verrammelt. „Geschlossen bis 31. August“ steht, unter anderem, auf einem Zettel.

Viele der zahllosen kleinen Restaurants der Rhonestadt haben den Lockdown und die Festivalabsage nicht überlebt. Aber auch die Boutiquen bleiben leer, die Hotels sind kaum belegt. Geblieben ist vom Festival allenfalls ein Onlineprogramm des staatlichen Kulturradios, des öffentlichen Fernsehens, übertragen von Arte und auf der Webseite des Festival d’Avignon. „Un rêve d’Avignon“ heißt das digitale Trostpflaster, mit zahllosen Aufzeichnungen von Aufführungen, Dokumentarfilmen, Kultursendungen.

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Ein Traum ist das nicht: Archive der Vergangenheit, Verweise auf die glorreiche Geschichte. Da ist die Fernsehversion der „Verdammten“ noch einmal zu sehen, die Ivo van Hove mit den Schauspielern der Comédie Française auf die Papstpalastbühne stemmte. Die Bearbeitung des Visconti-Films war ein großer Avignonerfolg des Jahres 2016. Oder das 16-stündige Epos „Heinrich VI“, das zwei Jahre zuvor das Publikum verzauberte.

Statt Gewagtes zeigt das Fernsehen publikumssichere Aufführungen

Dem Programm ist allerdings auch anzumerken, dass hier auf das zurückgegriffen wird, was die großen Fernsehanstalten dereinst für ihre Theaterprogramme aufwendig aufzeichneten. Und das sind eher publikumssichere Aufführungen und seltener künstlerisch Gewagtes.

Aufschlussreich ist eine Dokumentation über das Festival aus dem Jahr 2017, aber der Blick auf dieses Dokument einer Sommerschau mit ihrer Mischung aus Reflexion und Feier, Inspiration und Ekstase führt sofort in den aktuellen Schmerz über den coronabedingten Verlust solcher Erfahrungen in der Gegenwart.

Gerade aus seinem Fehlen entsteht für die abertausend Aficionados erneut die Gewissheit, dass Avignon das jährliche Herzstück ihrer Theaterbegeisterung ist. Und schwer zu ertragen ist die in diesem Film dokumentierte Unbeschwertheit und Ausgelassenheit gerade deshalb, weil man ahnt: Sie ist die Voraussetzung dafür, dass man sich in Avignon so oft inspiriert fühlt und klarer denkt.

Die Absage in Avignon wegen Corona wirkte wie ein Schock

Vielleicht ist Kunst überhaupt nur wirksam für den unbefangenen Geist. Ist das auf immer vorbei? Die Sorge lässt sich schwer vertreiben. Das nun schon seit Monaten anhaltende Fehlen von theatraler Erfahrung, in Avignon wird es vollends unerträglich. Der französische Metabolismus von Kultur und Gesellschaft, Politik und Demokratie ist ohne das Festival d’Avignon nachhaltig gestört, die Absage hinterlässt im gesamten, ohnehin angeschlagenen Kulturbetrieb eine spürbare Schockwelle.

Auf 22,3 Milliarden Euro beziffert sich der Verlust des Kultursektors infolge der Covid-19-Krise. Bereits im März hatte es in Frankreich eine kleines Hilfspaket gegeben. Nun sind weitere Hilfen in Höhe von einer guten Milliarde für Kultur und Medien angekündigt. Insgesamt hat der Staat nach eigenen Angaben seit Beginn der Krise 5 Milliarden Euro für den Sektor mobilisiert.

Festivalchef Olivier Py kritisierte Macron in „Le Monde“ scharf

Dennoch verstummt die Kritik an der Staatsführung nicht. „Kultur ist kein Luxus, sondern eine absolute Pflicht“, unter diesem Titel rief Avignons Festivalchef Olivier Py in der Tageszeitung „Le Monde“ zu mehr Engagement auf. Vor allem ging das an die Adresse von Emmanuel Macron.

Bei dem Brand von Notre Dame in Paris hatte er sich als Schützer der Kulturnation engagiert. Auch jetzt meldete er sich über Twitter, als die Kathedrale Saint-Pierre-et-Saint-Paul in Nantes in Flammen stand, und bat um Unterstützung für die Feuerwehrleute, „die alle Risiken eingehen, um dieses gotische Juwel der Stadt der Herzöge zu retten“. Aber das reicht kaum, von Macron wird mehr erwartet.

Wieso gibt es bis heute kein kulturelles Projekt von Macron?

„Bis zum heutigen Tag hat der Präsident kein kulturelles Projekt für Frankreich formuliert“, kritisierte Py weiter in seinem Beitrag in „Le Monde“. „Das bleibt ein Rätsel, denn keiner seiner Vorgänger hat das je versäumt“, wundert sich der Festivalchef. Bereits seit Wochen mahnen zahllose offene Briefe, Appelle und Unterschriftenaktionen ein stärkeres kulturelles Engagement der Exekutive an.

Aber auch Macrons Regierungsumbildung nach der Klatsche für seine République en Marche bei den Bürgermeisterwahlen ist keine Garantie für eine Verbesserung. Roselyne Bachelot, unter anderem ehemalige Gesundheitsministerin im Kabinett unter Sarkozy, hat das Amt vor wenigen Tagen übernommen. Die begeisterte Operngängerin hat ein Buch über Verdi geschrieben und in den letzten Jahren Fernseh- und Radiosendungen moderiert. Eine strahlende, fast barocke Erscheinung, die vor ihrem Ausscheiden aus der Politik dieses Amt gerne einmal bekleiden wollte.

Kulturminister Rieser scheiterte. Hat Roselyne Bachelot mehr Glück?

Die 73-Jährige folgt auf den jungen Franck Riester, der in den Medien immer einen schweren Stand hatte. Von ihm wird in Erinnerung bleiben, wie er sich im Mai bei einem Treffen Macrons mit Kulturvertretern wie ein eifriger Seminarist Notizen macht, wo doch alles, was Macron da verkündet, zuvor in Riesters Ministerium entwickelt worden war.

Riester war bereits der zweite Kulturminister des amtierenden Präsidenten. Die glücklose Verlegerin Françoise Nyssen hatte kein funktionierendes Netzwerk innerhalb der politischen Klasse und Riester kaum Rückhalt in der Kulturszene. Außerdem hat das Präsidentenpaar Macron hinter dem Rücken des Ministers eine eigene Kulturagenda verfolgt.

Unabgestimmte Initiativen aus dem Elysée-Palast sind typisch

Aber weder Nyssen noch Riester konnten Macrons zentrale Kulturprojekte Macrons umsetzen: die Reform der öffentlichen Medienlandschaft und der Kulturpass für 18-Jährige, ein Staatsgeschenk in Höhe von 500 Euro für Kulturausgaben der jungen Erwachsenen.

Wobei unabgestimmte Initiativen aus dem Kulturbüro des Élysée schon seit der Präsidentschaft Jacques Chiracs Tradition haben. Indirekt belegen sie die Schwächung eines Ressorts, das nach dem Krieg mit André Malraux und später mit Jack Lang einmal im Zentrum der politischen Aufmerksamkeit und der Regierungsbemühungen stand.

Seitdem sind Wechsel im Ministerium in der Rue de Valois an der Tagesordnung. Mit zwölf Kulturministern und -ministerinnen in 25 Jahren hat Frankreich seit Langem einen hohen Personalverschleiß in dem einst hoch angesehenen Schlüsselressort.

Programmatische Klarheit ist jetzt nötiger denn je

Mit Roselyne Bachelot ist nun eine weitere Ex-Politikerin aus dem Umfeld von Nicolas Sarkozy reaktiviert worden. Die Medien melden seit Tagen regelmäßige Kontakte zwischen Macron und dem konservativen Ex-Präsidenten. Dem Vernehmen nach soll Macron den allzu beliebten Premier Edouard Philippe auf Anraten Sarkozys geschasst haben. Jetzt will er durchregieren – und genau deshalb ist Olivier Pys Aufforderung zu programmatischer Klarheit in Kulturfragen jetzt so dringlich.

Nicht nur Pys Kulturflaggschiff in Avignon ist annulliert worden, auch das Festival de Marseille findet nicht statt. Beide wollen im Oktober wenigstens einen kleinen Ausschnitt ihres ursprünglich geplanten Programms zeigen. Das berühmte Opernfestival in Aix-en-Provence fällt ebenfalls aus und tröstet mit einem Online-Programm.

Ein Festival nach dem anderen fiel dem Lockdown zum Opfer

Auch die populären Chorégie d’Oranges, Frankreichs älteste Musikfestspiele, die im alten römischen Theater von Orange sonst mehr als 8000 Zuschauer locken, ist abgesagt worden. Ebenso der Printemps des Comédiens in Montpellier, der bereits im Juni hätte stattfinden sollen. Nur in Arles, dessen Fotoschau in vollem Umfang ebenfalls dem Lockdown zum Opfer fiel, wird von lokalen Initiativen ein Rumpfprogramm präsentiert.

Wer mit dem TGV von Paris in den Süden fährt, entdeckt am Pariser Gare de Lyon und am Bahnhof in Avignon einige Festivalfotografien. Auch das ein Trostpflaster. Und eine Wegmarke in den Süden, der den wirtschaftlichen Schaden durch den Ausfall seiner publikumswirksamen Sommerfestivals nur schwer verkraften wird.

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