Franz Rogowski im Porträt : Schönheit des Makels

Der Schauspieler Franz Rogowski ist mit zwei Filmen im Wettbewerb vertreten. Begegnung mit dem deutschen European Shooting Star der Berlinale 2018.

Rogowski spielt die Hauptrollen in den deutschen Wettbewerbsbeiträgen „Transit“ und „In den Gängen“.
Rogowski spielt die Hauptrollen in den deutschen Wettbewerbsbeiträgen „Transit“ und „In den Gängen“.Foto: Marco Krüger / Schramm Film

Schau an, Franz Rogowski ist ein Ironiker, ein höflicher noch dazu. „Darf ich Ihnen die Jacke abnehmen?“, fragt er, hängt sie sorgsam an die Garderobe und lächelt leise. „Sie sind hier ja bei uns zu Hause.“ Ganz gewiss. So zu Hause, wie man es in einem Hotelzimmer in Berlin-Mitte nur sein kann, das eine Agentur für das Treffen mit dem deutschen European Shooting Star der Berlinale 2018 angemietet hat. Zwischen grauen Sitzmöbeln und falschem Holzfurnier hält es der Mann der Stunde nicht anders als seine in dieser Welt so seltsam unbehausten Filmfiguren: Er beobachtet, er wahrt Distanz. Zum Ruhm wie zum Rummel. Das empfiehlt sich, wenn es plötzlich überall zu sehen ist, das eigene Gesicht.

Wobei die Ehre, an diesem Montagabend im BerlinalePalast zu einem der zehn vielversprechendsten Darstellertalente des Kontinents gekürt zu werden, den 1986 in Freiburg geborenen Schauspieler nicht unerwartet trifft. Er selbst hat ihn ja absolviert, den Weg vom Tübinger Arztsohn und pubertierenden Schulabbrecher zum Berliner Straßenmusikanten, Ausdruckstänzer und Schauspieler ohne reguläre Ausbildung.

Er glaube, die Bildung zielt darauf ab, die Leute zur Funktionstüchtigkeit zu dressieren, sagt Rogowski. Das erklärt so manchen Haken, den er geschlagen hat. Seit 2007 ist er in der Schauspiel- und Tanztheaterszene unterwegs, spielt an der Berliner Schaubühne und dem Hamburger Thalia Theater und wird 2015 von Matthias Lilienthal ins Ensemble der Münchner Kammerspiele geholt.

Er drehte schon mit Haneke und Malick

Für den Film hat ihn der Regisseur Jakob Lass entdeckt, 2011 war das. Nicht sein Erstling „Frontalwatte“ markiert den Durchbruch, sondern die improvisierte Indie-Romanze „Love Steaks“ zwei Jahre später. Er spielt einen Masseur mit kräftigen Händen und sanftem Herzen. Rogowskis Physiognomie gehört seitdem unverwechselbar zum deutschen Film, als ideale Verkörperung des Phänotyps „zarte Seele im harten Körper“. Als asymmetrisches Charaktergesicht, das die Schüchternen und Versehrten spielt. Und als letzter junger Mann, der in einer Zeit ewigen Geplappers noch zu schweigen versteht.

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Damit hat er schon im vergangenen Jahr das Naturgesetz ausgehebelt, wonach ein Schauspieltalent erst ein Berlinale-Shooting Star wird und hinterher womöglich irgendwann mit einem Film auf einem der großen Festivals vertreten ist. Aber Rogowski war schon in Cannes 2017 dabei, als Film-Sohn von Isabelle Huppert in Michael Hanekes Wettbewerbsbeitrag „Happy End“. Auch mit US-Regisseur Terrence Malick hat er schon gedreht. Das Weltkriegsdrama „Radegund“ harrt noch der Veröffentlichung.

Sicher umgebe ihn gerade eine ziemliche Aufmerksamkeitswelle, weil er mit wichtigen Regisseuren gedreht habe, nickt Rogowski. Sicher bemühe er sich, wahrgenommen zu werden. „Meine Arbeit lebt ja nur, wenn sie gesehen und besprochen wird.“ Aber wenn die Aufmerksamkeit dann da ist, sei er schon wieder mit der nächsten Sache beschäftigt. Überhaupt: „Ich bin nicht krasser als meine Kollegen an den Münchner Kammerspielen oder als Schauspieler, die darum kämpfen, überhaupt eine Rolle zu kriegen.“

Kontroverse Rolle in „Fikkefuchs“

Krasser vielleicht nicht, aber gewollter. Das scheinen jedenfalls Christian Petzold und Thomas Stuber so zu sehen. Die beiden Regisseure haben ihm die männliche Hauptrolle in ihren Wettbewerbs-Beiträgen „Transit“ und „In den Gängen“ gegeben. Mal ganz abgesehen von Daniel Wild und Jan Henrik Stahlberg, die Rogowski in den jüngst erst im Kino gelaufenen No-Budget-Produktionen „Lux – Krieger des Lichts“ und „Fikkefuchs“ besetzt haben.

In Stahlbergs krausem, kalkuliert provokantem Werk spielt Rogowski das Ekelpaket, einen aggressiven, notgeilen Frauenangraber, den er ätzend und mitleiderregend zugleich wirken lässt. Nie zuvor habe er nach einem Film so viele kontroverse Debatten über Moral, Sexismus, Feminismus führen können, verteidigt der Schauspieler Film und Rolle.

Abstoßreaktion lösen seine Parts in „Transit“ und „In den Gängen“ wohl eher nicht aus. Da spielt er als Flüchtling Georg in Marseille und als Gabelstapler-Fahrer Christian im Großmarkt wieder den stillen Beobachter und empfindsamen Sehnsüchtigen, dessen geduckte Silhouette auffällig unauffällig in die Oberflächen der Umgebung einsinkt.

Franz Rogowski und Paula Beer bei der Premiere von "Transit".
Franz Rogowski und Paula Beer bei der Premiere von "Transit".Foto: AFP PHOTO / Stefanie LOOS

Nicht dass Rogowski uneitel wäre. Mit Christian Petzolds Filmen sei er ja quasi aufgewachsen, erzählt er. „Und mit deren Lobpreisung durch meine Eltern. Der hatte für mich schon eine Aura, bevor ich überhaupt mit dem Drehbuch in Berührung kam.“ Für „Transit“ hat er aber nicht nur deswegen zugesagt, sondern auch, „weil die Figur in fast jeder Szene vorkommt“. Das treffe auch auf „In den Gängen“ zu, nur dass der Regalauffüller Christian viel weniger spricht. „Dafür fahre ich Gabelstapler, was ich jedem Schauspieler nur empfehlen kann. Wenn ich eine Tonne Bier überm Kopf balancieren muss, ist das konkreter als Method Acting.“

Das Theaterspielen möchte Rogowski trotz der maximalen Leinwandpräsenz nicht verlieren. Gleich nach der Berlinale probt er in München mit dem japanischen Regisseur Toshiki Okada. Theater nerve oft unglaublich, sei kunstig und irgendwie hängengeblieben, sinniert er. „Doch wenn es läuft, dann ist es unbeschreiblich.“

„Burgschauspieler werde ich nicht mehr“

Dass ihm, der Hasenscharte, dem Lispeln und der hellen Stimme wegen auf der Bühne Grenzen gesetzt sind, ist ihm klar. „Der Burgschauspieler, der mit kraftvollem Organ 800 Leute erreicht, werde ich nicht mehr.“ Er bewundert diese theatralische Haltung, doch sie interessiert ihn nicht. Die Stücke, in denen er spielt, arbeiten mit Mikrofonierung, nutzen Tanztheaterelemente, sind experimentell. So wird aus der Not eine Tugend.

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Ob er lieber schöne oder hässliche Menschen im Kino sieht? Ersteres, antwortet er, um sogleich nachzusetzen, „aber Schönheit ist für mich ohne Makel nicht denkbar“. Der Aufstieg des Schauspielers Franz Rogowski ist die Karriere eines Mannes mit Makel. So unwahrscheinlich, wie sie ist, passt sie dennoch genau in die Zeit. Die schiefe, manchmal allerliebst errötende Visage mit der gespaltenen Lippe ist der Fleisch gewordene Gegenentwurf zu den normierten, digital bearbeiteten Gesichtern einer perfektionsverliebten Bilderwelt. Kann es sein, dass Franz Rogowski der Ritter von der traurigen Gestalt ist, der dem Imperfekten eine Lanze bricht? Da sitzt er vorne auf der Sofakante, macht den Rücken rund, wirft den schrägen Blick und schweigt.

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