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Der Romanist und NS-Verbrecher Hans Robert Jauß.

© Universität Konstanz

NS-Vergangenheit Philologie: Führer und Geführte

Hans Robert Jauß war ein legendärer Romanist – und ein SS-Verbrecher. Der Streit um sein Erbe konfrontiert Wissenschaftler mit der Frage: Wieviel „NS-Tugend“ steckt noch heute in der deutschen Philologie?

Hans Robert Jauß lebt. Der 1997 gestorbene Romanist und SS-Hauptsturmführer streift als Untoter durch die Wissenschaftslandschaft. In den Philologien kam eine Erforschung seiner Figur bisher nicht in Gang, obwohl gerade die Romanistik Grund gehabt hätte, sich nach den Enthüllungen der 1990er Jahre und deren Präzisierung in einem 2015 veröffentlichten historischen Gutachten von Jens Westemeier mit ihm und seinem Nachleben zu beschäftigen. Fast zwingend folgte aus dieser Leerstelle, dass ihn zuletzt mehr die Kunst befragte: 2014 Gerhard Zahner mit seinem Theaterstück „Die Liste der Unerwünschten“, 2015 der darauf basierende Film „Antrittsvorlesung“ von Didi Danquart.

Dieser Tage sortiert sich das Panorama neu: In der bei Gallimard erscheinenden Zeitschrift „Courage“, deren letzte Nummer, nach Ländern sortiert, exemplarischen salauds gewidmet ist (für Norwegen etwa wird Breivik, für Russland Putin porträtiert), analysiert der Komparatist William Marx als Beispiel für die deutsche Art des „Dreckschweins“ Jauß. Im letzten „Merkur“ schreibt Hannelore Schlaffer einen Artikel mit dem Titel „Hans Robert Jauß. Kleine Apologie“. Schließlich ist soeben das Buch „Der Fall Jauß“ des Potsdamer Romanisten Ottmar Ette erschienen, in dem er Jauß’ Schriften analysiert und sich dabei auf die Denkmuster konzentriert, mit denen jener „wie kein anderer die deutsche Nachkriegs-Romanistik und ihren Wissenschaftsstil zu prägen verstand“.

„Führer und Geführte“ bildeten eine enge Gemeinschaft

Wenn manche Schüler bis heute ihren Lehrer offensiv verteidigen, zeigt sich darin etwas, das unter dem Motto „Kampf und Sieg“ in Jauß’ Kolloquien und Tagungen eingeübt wurde. Deren Besonderheit bestand darin, dass dort „Führer und Geführte“ eine enge Gemeinschaft bildeten. Was nach übler Nachrede klingt – das Kolloquium organisiert nach dem Führerprinzip – ist ein Schlaffer-Zitat. Ihr gebührt Dank für ihre Offenheit, die einen Blick in das Herz der Nachwuchsbildung am Lehrstuhl Jauß ermöglicht.

Aus ihrer Sicht war alles prima in diesem Kolloquium und in einem Land, „in dem sich gut leben lässt“, was wir ihr zufolge den „Früchten von Charaktereigenschaften“ zu verdanken hätten, die sich aus „Idealen und Tugenden des NS-Staates“ herleiten. Offensichtlich gründet ihr Aufsatz in einem Narrativ der Kontinuität zwischen NS-Staat und Bundesrepublik, in der Politik wie in der Wissenschaft. Früher wurden die 68er für die kritisch intendierte These gescholten, heute kommt dieselbe Kontinuitätserzählung affirmativ daher. Das verdient genauere Lektüre. Schlaffer stellt sich die alte Frage, wie aus guten Deutschen Nazis, aus Vätern Soldaten und aus Brüdern hochmotivierte SS-Männer werden konnten, und warum es Jauß und anderen nach 1945 nicht gelang „darzustellen, wie man als guter Mensch und aus dem Idealismus der Jugend heraus sich für das objektiv Böse begeistern“ konnte.

Wie aus Mördern Väter wurden

Dazu eine Anmerkung und eine Richtigstellung. Erstens: Mindestens befremdlich ist zum einen die Verknüpfung der moralischen Fehlhandlung (Begeisterung für das Böse) mit ihrer relativierenden Erklärung (jugendlicher Idealismus), zum anderen die Wortwahl: Begeisterung für das Böse, das ließe sich auch von Autoren wie Louis-Ferdinand Céline, Roberto Bolaño oder Jonathan Littell sagen, aber die haben nicht in der Elitetruppe einer Diktatur Blitzkarriere gemacht.

Zweitens: Wie aus den Schubert-Liebhabern Menschenschinder, wie aus Goethe-Lesern Kriegsverbrecher wurden, ist eingehend beantwortet worden. Sönke Neitzels Buch „Soldaten“ ermöglicht den Blick auf die Feinmechanik, mit der die Propaganda hoher Ideale in Verbindung mit konkreten Anreizen (Orden, Beförderungen, Distinktion, Macht) auch kultivierte junge Männer zu effektiven Profis im Töten machte.

Jan Philipp Reemtsma erklärt in seiner Studie „Vertrauen und Gewalt“, wie der Krieg alle zivilen Referenzrahmen ersetzt. Die „Wie-ist-es-möglich-Frage in der Familienväterform ist aufschlussreich, gerade weil sie so offensichtlich unsinnig ist“, so Reemtsma. „Die verdeckte Frage lautet: Wie ist es möglich, dass die Mörder unsere ganz normalen Väter wurden?“ Diese Frage ist deshalb so schmerzhaft, weil sie eine „permanente Irritation“ nach sich ziehe: „Rätselhaft ist nicht die Katastrophe, sondern ihre Integrierbarkeit, wir verrätseln die Katastrophe, um uns unsere Normalität nicht als permanente Irritation zumuten zu müssen.“

Die NS-Erziehung in den Knochen

Hannelore Schlaffers Erinnerung an Jauß ist also auf lehrreiche Weise wahr und verkehrt, erhellend und verstellend, nicht nur im Hinblick auf die Figur des Wissenschaftlers, sondern auch auf die Frage, wie Wissenschaft funktioniert und was die heutige Bundesrepublik ausmacht. Deutschland verdankt seine Lebensqualität den „Idealen und Tugenden des NS-Staates“? Bis in die 1970er Jahre ist ihr Geschichtsbild sicher zutreffend.

Ich wurde Anfang der 1960er im Westen der Republik geboren und verfüge noch über eigene Erfahrungen mit nationalsozialistisch erzogenen Erwachsenen. Ignorierte ich eines der vielen „Betreten verboten“-Schilder an einem Rasenstück, lauerte mir der graubekittelte Hausmeister auf, zwirbelte mir schmerzhaft die Ohren und zischte, dass einer wie ich noch im Lager enden würde.

Wie seltsam, dass die anderen alten Männer auf der Straße meinten, es seien vor allem die Langhaarigen, die vergast gehörten. Weil bei uns zu Hause kein Mann im Haus war, wurde einigen Mitschülern der Umgang mit mir verboten, schließlich war ich ein Bastard. Am humanistischen Gymnasium ging die Gewalt vom Lehrer aus, und als ich einmal lateinische Stammformen nicht korrekt anschreiben konnte, verpasste mir der Lehrer einen so harten Schlag, dass mein Kopf an der Tafel blutig schlug. Auf die Beschwerde meiner Mutter antwortete der Altphilologe, er habe als Offizier gelernt, dass nur führen könne, wer auch einzustecken lerne. Seitdem hat die Wirkmacht der Sekundärtugenden, „mit denen man auch ein KZ betreiben kann“, wie Oskar Lafontaine das in seinen klugen Zeiten nannte, zum Glück nachgelassen. Weniger Disziplin, mehr Toleranz; deshalb ist dieses Land heute lebenswert.

Die „NS-Tugend“ Disziplin

Der Romanist und NS-Verbrecher Hans Robert Jauß.
Der Romanist und NS-Verbrecher Hans Robert Jauß.

© Universität Konstanz

Hermlin, Schwerte, Grass – und jetzt wieder Jauß: Es ist erschütternd enttäuschend, wie stereotyp und würdelos unsere Großväter und Väter mit diesen Kapiteln deutscher Geschichte umgehen. Da ich selbst als Romanist tätig bin, greift mich der Fall auch als Wissenschaftler an, dem klar wurde, dass Jauß’ Theorie des Verstehens von Text und Welt von einem Autor stammte, der das Verstehen der Wahrheiten des eigenen Lebens nach Kräften zu behindern suchte.

Jauß’ Aufwertung des Lesers gegenüber dem Text war für mich produktiv, aber die darin eingeschriebene Selbstermächtigung des Interpreten gegenüber der Evidenz der Historie ging mir erst später auf. Ich fühlte mich für dumm verkauft. Dennoch merke ich bis heute, wie tief Jauß’ Denkfiguren in mir stecken. Schlaffer spricht von einem „Dämon“. Er lebt, auch im Leitbild einer in objektivierendem Gestus daherkommenden schneidig kompetitiven Wissenschaft, in der die Besten nicht mehr mit Nahkampfspange oder Eisernem Kreuz, sondern akademischen Pfründen belohnt werden.

Kommen wir also dazu, wie Schlaffer die Jauß’sche Form der Nachwuchsausbildung beschreibt: „Bei den Kolloquien nun regierte eine ‚Tugend‘, die ebenfalls zur Grundausstattung eines autoritären Staates gehört, wie es das ‚Dritte Reich‘ war: Disziplin. Den Eigenwillen des Einzelnen kann ein solcher Staat nicht brauchen. Gegenseitige Verantwortung verbindet den Führer mit dem Geführten. Jauß gehörte, im Krieg wie im Frieden, als Mitglieder der Truppe wie der scientific community, einer Mannschaft an, und diese funktionierte durch Disziplin.“

Jauß war Täter, Ausbilder und hochdekorierter Frontoffizier

Waren wir uns nicht seit Richard von Weizsäckers Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes einig, dass 1933 bis 1945 eine Diktatur in Deutschland herrschte, kein „autoritärer Staat“? Die „Eigenwilligen“, die dem vom Führer gelenkten Volkswillen widersprachen, „kann der Staat nicht brauchen“? Übersetzen wir den Euphemismus präzise: Die NS-Diktatur hat physisch vernichtet, wen sie als den anderen mit eigenem Willen identifizierte. Was aber kann an diesem Prinzip gut sein in der Wissenschaft?

Es folgt eine affirmative Umschreibung des Führerprinzips, wonach „Führer“ und „Geführte“ über einen Wert verbunden seien. Historisch aber beruhte das Führerprinzip gerade auf bedingungsloser Unterordnung; allenfalls in den Narrativen der Propaganda waren Führer und Volk eine Schicksalsgemeinschaft. Folglich kann der Satz über „Führer und Geführte“ nur sinnvoll verstanden werden, wenn ihm nicht die Realität, sondern der Glaube an das Narrativ der Propaganda hinterlegt ist. Und zum Abschluss der Passage werden – „im Krieg wie im Frieden, als Mitglieder der Truppe wie der scientific community“ - Kampf und Kolloquium parallelisiert.

Fazit: Die hervorstechende Qualität der Jauß’schen Nachwuchsschmiede sei ihre Vermittlung militärischer Prinzipien gewesen. Da fällt es nur noch am Rande in Gewicht, dass er weder im Krieg noch im Kolloquium „Mannschaft“ war und auch nicht, wie es bei Schlaffer heißt, „einer der namhaften Zeugen jener dunklen Phase der deutschen Geschichte“. Jauß war nicht Mitläufer oder einfacher Soldat: Er war Täter, als Ausbilder auch für Rassenkunde wie als hochdekorierter Frontoffizier.

Wie viel „Tugenden“ haben wir übernommen?

„Opa war kein Nazi“ lautet der Titel einer klugen Studie über die Erzählmuster familiärer Erinnerung. Wenn Schüler und Freunde sich an Hans Robert Jauß als einen Menschen erinnern, dem sie eng verbunden waren, so ist dies ihr gutes Recht. Aber die öffentliche Figur Jauß ist zu wichtig, um die Deutungshoheit denen zu überlassen, die ihn umstellt von böswilligen Kritikastern sehen. Warum eigentlich glauben seine Verteidiger unbedingt als Verteidiger reagieren zu müssen? Im Grunde geht es heute nicht mehr allein um Jauß, der ist vor bald 20 Jahren gestorben. Es geht um die Frage, wie viel von den aus der NS-Erfahrung übernommenen „Idealen und Tugenden“ heute noch in den Philologien fortwirken. Und was das für unser Denken bedeutet.

Der Autor lehrt spanische und französische Literatur- und Kulturwissenschaft in Rostock.

Im Berliner Kadmos Verlag ist zum Thema soeben Ottmar Ettes Essay "Der Fall Jauss. Wege des Verstehens in eine Zukunft der Philologie" erschienen (160 Seiten, 19,90 €.)

Albrecht Buschmann

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