Gaito Gasdanows „Nächtliche Wege“ : Dieses unheilvolle Paris

Ein Meisterwerk der Collagetechnik: Gaito Gasdanows Roman „Nächtliche Wege“ erzählt vom Leben der Emigranten im Paris der Zwischenkriegszeit.

Nicole Henneberg
Dunkel glühend: Gaito Gasdanow schreibt über das Paris der zwanziger und dreißiger Jahre.
Dunkel glühend: Gaito Gasdanow schreibt über das Paris der zwanziger und dreißiger Jahre.Foto: Christian Charisius/dpa/picture-alliance

Dieses große Buch läßt einen nicht mehr los. Mit den ersten Sätzen verfällt man dem elegischen Sog dieses Erzählens, seinen starken, sinnlichen Bildern, seinem lakonischen Humor. Gaito Gasdanow, 1903 in St. Petersburg geboren und aus Bürgerkrieg und Revolution nach Paris geflohen, ist neben Vladimir Nabokov der wichtigste russische Exilautor jener Zwischenkriegszeit. Gasdanow spürte, welches Unheil heraufzog, und das Gefühl der Bedrohung Europas verschmolz mit dem seiner Entwurzelung und existenziellen Verlorenheit. Nicht zufällig ringen seine Figuren stets nach Luft, sie keuchen und sind atemlos.

In seinen vier bisher auf Deutsch erschienenen Romanen lebt die untergegangene Welt seiner Kindheit und Jugend als Sehnsuchtsort, sie ist als Duft und Klang stets gegenwärtig. Am stärksten in seinem Debüt, „Ein Abend bei Claire“, das in einem russischen Exilverlag erschien und seinen jungen Autor 1929/1930 auf einen Schlag berühmt machte. Erst 1988 erschien es in Russland und ist dort bis heute sein beliebtestes Buch. Doch „Nächtliche Wege“ 1941 vollendet und zehn Jahre später in New York erschienen, überrundet seinen Erstling an literarischer Qualität. Das liegt an der großartigen Übereinstimmung von Form und Inhalt, die sich nicht nur ergänzen, sondern wechselseitig steigern und zum Leuchten bringen.

Wie Gasdanow selbst, der 1971 in München starb, verdient sein Erzähler den Lebensunterhalt als Nacht-Taxichauffeur. In schnellem Wechsel trifft er auf Prostituierte und Zuhälter, Diebe und Mörder, auf vergnügungssüchtige Notare aus der Provinz und unverschämte Damen der besten Gesellschaft. Was er jede Nacht an Schrecklichem und Ekelhaftem sieht, würde für mehrere Leben reichen, stellt er einmal fest – doch er liebt diese Verrückten und Einsamen, Säufer und Philosophen. Nur in diesen Jahren seines unsteten Lebens, in diesem dunkel glühenden Paris, faszinieren ihn die Menschen, das vertraut er Platon an, einem Clochard, den er jede Nacht in einem bestimmten Café trifft. Ihm gesteht er auch seine Schwermut, eine tiefe, zähe Traurigkeit, die an ihm klebt „wie ein Todesgeruch“.

Düsteres Zwischenreich voller verblendeter Menschen

In rasendem Tempo fährt der Erzähler über die Boulevards, durch mittelalterlich anmutende, verdreckte Gassen und durch den im Scheinwerferlich grell aufleuchtenden Bois de Bologne. Alle diese Orte, atmosphärisch genau geschildert, sind weltberühmt, doch sie wirken auf den Exilanten wie ein unerforschter und bedrohlicher Kontinent. Gasdanow hat ihm viele Elemente seiner eigenen Biografie geliehen: den freiwilligen Dienst in einem Panzerzug der Weißen Armee noch als Schüler, 1920 die Flucht in die Türkei und weiter nach Bulgarien, wo er sein Abitur nachholte, Wien, Nizza und schließlich Paris.

Wie sein Held trifft er dort 1923 ein. Was für einen Sinn hatten all diese Irrwege, fragt dieser, warum landete er gerade hier und ausgerechnet als Taxifahrer? Jede Nacht versucht er aufs Neue „jene lautlose Symphonie der Welt“ zu fassen, die sein Leben begleitet, etwas „stets Vorhandenes und Veränderliches, ein riesiges und kompliziertes System von Begriffen, Vorstellungen, Bildern, das sich durch imaginäre Räume bewegt“.

Gaito Gasdanow in den zwanziger Jahren in Paris
Gaito Gasdanow in den zwanziger Jahren in ParisFoto: Hanser Verlag

Ein düsteres Zwischenreich ist dieses scheinbar prächtige Paris, voller tumber und verblendeter Menschen, die von falschen Leidenschaften gefoppt und getrieben werden und einfache, moralische Grundwahrheiten nicht mehr erkennen. Warum begehren die Arbeiter nicht auf, was bringt sie dazu, den Reichen zu dienen wie Sklaven? Dass sie auch noch fröhlich sind in ihrem Elend, verstört den Erzähler, der sich jahrelang mit den schmutzigsten Arbeiten durchschlug und oft obdachlos war.

Besonders grotesk scheint ihm die Bürowelt eingerichtet, seine Schilderungen der Ignoranz und Verweigerung, der lächerlichen Hierarchien und qualvollen Umständlichkeit gehören zu den schönsten Passagen des Buches. Prägnanter und sarkastischer kann man einen sinnlosen Alltag nicht fassen.

Momente tiefer, bitterer Selbsterkenntnis

Die ganze Welt, in die es ihn verschlagen hat, scheint gleichgültig und kalt, jede natürliche Ordnung hat sich aufgelöst. Seinen einzigen Trost findet der Erzähler darin, die Lebenswege Einzelner genau verfolgen zu können, ihre Erfolge und schicksalhaften Entscheidungen, ihr prekäres Glück und – meist tragisches – Ende.

Raldy, eine ehemalige Luxusprostituierte, beeindruckt ihn, er kümmert sich um die einsame, entstellte Frau. Das Stadium des Verfalls, das sie erreicht hat, erzwingt tiefe und ungeschützte Gespräche. Oft sitzen sie mit Platon auf einer Caféterrasse, der ihnen seine „vergleichende Methode“ der Menschenbetrachtung erklärt, und der Erzähler liebt die „befremdliche Unwirklichkeit“ dieser Abende. Platon und Raldy fußen auf realen Vorbildern, wie Christiane Körner in ihrem informativen Nachwort anmerkt.

„Nächtliche Wege“, lebhaft und melodisch von Christiane Körner übersetzt, ist ein Meisterwerk der Collagetechnik, ein eindringliches Bild für ein Lebensgefühl der Vergeblichkeit, das aber auch für ein Wunder nach allen Seiten hin offen ist. Der Erzähler, dünnhäutig und von brennender Neugier erfüllt, erlebt seine Fahrten durch die Pariser Unterwelt als Momente tiefer, bitterer Selbsterkenntnis, die ihn oft in Trance versetzen, ausgelöst vom Glänzen des Trottoirs und den endlosen Leuchtfäden der Laternen. Ein Zauber umgibt Gaito Gasdanows Charaktere. Sie wissen um ihr Verhängnis und gehen ihm selbstbewusst und gleichmütig entgegen.

Gaito Gasdanow: „Nächtliche Wege“, Roman. Hanser Verlag, München 2018. 288 S., 23 Euro

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!