Galeristen im Interview : „Berlin wäre arm ohne uns“

Vor dem "4. Hauptstadtkulturgespräch" über Berlins Kunstmarkt: Die Galeristen Nana Poll und Werner Tammen fordern Geld und Ideen für die Stadt.

Die Berliner Kunstmesse Positions im Flughafen Tempelhof 2018.
Die Berliner Kunstmesse Positions im Flughafen Tempelhof 2018.Foto: Positions/Oana Popa

Am 19. Februar findet in der Bertelsmann-Stiftung ein „Hauptstadtkulturgespräch“ zur Situation des Berliner Kunstmarkts statt. Organisiert wird es unter anderem vom Verein Berliner Kaufleute und Industrieller und der Stiftung Brandenburger Tor, auf dem Podium sitzen Gäste wie Galerist Johann König oder der Sammler Thomas Olbricht. Wir fragen vorab die Galeristen Nana Poll und Werner Tammen, beide im Vorstand des Landesverbandes Berliner Galerien, wo Berlins Kunstmarkt steht und was er braucht.

Frau Poll, Herr Tammen, beide sind Sie mit dem Kunstmarkt der Stadt seit Langem vertraut. Wie ist die momentane Stimmung unter den Galeristen?

POLL: Ich bekomme in Gesprächen immer häufiger mit, dass sich Galeristen fragen, ob es sich überhaupt noch lohnt, einen Ausstellungsraum offen zu halten. Alternativ könnten sie ihr Geschäft künftig von der Wohnung aus betreiben, übers Internet und mit den Kontakten, die sie ohnehin haben.

Da spricht der Frust…

TAMMEN: Es ist sicher nicht einfach, auch angesichts des großen Angebots in Berlin. Wir zählen kontinuierlich an die 300 Galerien – das große, immer wieder prognostizierte Galeriensterben findet so nicht statt. Meiner Ansicht nach trifft es Galerien, die versucht haben, sich im internationalen Business zu behaupten und plötzlich merken, dass ihnen die Kosten über den Kopf wachsen.

Wenn man also brav in Berlin bleibt und auf kleiner Flamme kocht, läuft es besser?

Beide: Nein

TAMMEN: Das Risiko wird uns ja nicht genommen. Wir sind als Berliner Galerie darauf angewiesen, auf Messen zu gehen. Das verlangen auch unsere Künstler. Man muss seine Messepräsenz angesichts unzähliger Angebote bis hin nach Asien aber gut bedenken und realisieren.

Es gab vom Wirtschaftssenat zehn Jahre lang im Rahmen der Mittelstandsförderung eine finanzielle Unterstützung für Galerien, die an internationalen Messen teilgenommen haben. Das wurde 2017 eingestellt. Hat sich dadurch viel verändert?

TAMMEN: Das war ein wichtiges und erfolgreiches Programm. Es hat vor allem jungen Galerien die Chance auf eine überregionale Wahrnehmung gegeben. Sie konnten vielfältig Erfahrungen sammeln und sich professionalisieren. Von Seoul bis Miami, von Istanbul bis New York wurden sie als Kunst-Botschafter Berlins herzlich empfangen.

POLL: Wir wurden darum beneidet. Zwischen den Gemeinschaftsständen befand sich die „Berlin Lounge“, in der sich eine Kulturinstitution der Stadt vorstellen konnte. Das war immer auch Werbung für Berlin als Kunst- und Kulturstadt. Länder wie Österreich fördern ihre Galerien seit Jahrzehnten, wenn sie sich im Ausland auf Messen präsentieren.

Haben Sie versucht, den Wirtschaftssenat umzustimmen?

TAMMEN: Natürlich, und auch vor den letzten Wahlen sind wir bei allen Parteien vorstellig geworden. Es gibt immer ein positives Feedback, aber praktisch ist bislang nichts passiert.

Da fühlt sich niemand zuständig?

TAMMEN: Wir kämpfen ja mit einem grundsätzlichen Vorurteil. Das Image unserer Branche wird bestimmt durch die Millionen schweren Verkäufe der Auktionshäuser. Dass wir die Woche über bei freiem Eintritt unsere Türen aufhalten, Künstlern die Möglichkeit zum Ausstellen geben und so auch einen Kulturauftrag erfüllen, bleibt unberücksichtigt. Es ist nicht so, dass sich die Galeristen in Berlin die Taschen mit Geld füllen. Viele von ihnen kommen gerade so über die Runden.

Es hält sie ja niemand davon ab, die Galerieräume zu schließen und sich auf den Handel mit Kunst zu beschränken.

POLL: Damit würde aber vieles verschwinden. Orte zum Beispiel, die Touristen anziehen. Und die Möglichkeit für Künstler, sich bekannt zu machen.

TAMMEN: Wenn sich die Galeristen in die Privatsphäre zurückziehen, ließe sich hier keine Kunst mehr um die Ecke entdecken. Wie arm wäre die Stadt ohne dies! Wir bringen tausende Künstler in den aktiven Markt und ermöglichen es ihnen, Geld mit ihrer Kunst zu verdienen. Auch das ist eine Funktion der Galerie und wesentlicher Wirtschaftsfaktor für die Stadt.

Was braucht die Berliner Galerieszene?

TAMMEN: Neben der Neuauflage der Messeförderung? Wir wünschen uns, dass die Berliner Politik die Kunstmarktakteure zum runden Tisch darüber zusammenruft, was nötig ist, um den Galerienstandort langfristig zu sichern. Wir haben es, unabhängig von der aktuellen Planungssicherung der Messen durch den Wirtschafts- und Kultursenat, mit einer komplizierten Situation zu tun. Und es ist vermessen zu glauben, dass sich der Kunstmarkt von allein und nur mit dem Image vom Gallery Weekend und der Berlin Art Week entwickelt.

POLL: Mir kommt es oft so vor, als würden die Akteure gegeneinander arbeiten.

Ist der Landesverband der Berliner Galerien mit seinen rund 80 Galerien nicht laut genug, um diese Forderung durchzusetzen?

POLL: Wir sind im Gespräch, die Idee wurde schon vor zwei Jahren während der Berlin Art Week von Wirtschaftssenatorin Ramona Pop aufgenommen – aber bis jetzt ist nichts passiert. Auch mit dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller wurde darüber gesprochen.

TAMMEN: Es geht ja nicht immer nur ums Geld. Uns fehlt die perspektivische Auseinandersetzung. Fatal ist es etwa, wenn sich nun eine neue Kunstmesse in Düsseldorf etabliert und dann Berliner Galeristen sagen: Mehr brauchen wir nicht. Berlin hat schon einmal eine Messe aufgegeben. Hiesige Galeristen hatten danach Umsatzeinbußen von bis zu 40 Prozent.

Die Zahl stammt aus einer Umfrage von 2011. Ist sie überhaupt noch gültig?

TAMMEN: Ob es sich geändert hat, versuchen wir jetzt herauszufinden. Im Juni wollen wir die Ergebnisse einer neuen Umfrage zur finanziellen Situation des Berliner Kunstmarktes veröffentlichen. Sie findet erstmals in Zusammenarbeit mit dem Verein Berliner Kaufleute und Industrieller statt, mit dem wir seit 2017 auch den jährlichen, mit 10 000 Euro dotierten Preis für junge Galerien vergeben. Mit diesen Zahlen und gesicherten Ergebnissen werden wir auf jeden Fall wieder an die Politik herantreten.

Wo steht der Kunstmarkt jetzt?

TAMMEN: Berlins Kunstmarkt hat eine enorme Perspektive. Aber es muss etwas dafür getan werden. Ich würde mir zum Beispiel wünschen, dass die Senatskulturverwaltung den Museen wie früher Mittel bereitstellt, damit sie in den Galerien Kunst ankaufen können.

POLL: Es wachsen auch neue Sammler heran, allerdings mit einer anderen Kaufkraft als im Rheinland oder im süddeutschen Raum. Eigentlich verbessert sich die Situation jedes Jahr. Aber das reicht noch nicht, um den Kunstmarkt hier zu stabilisieren.

Interview: Christiane Meixner

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben