Gallery Weekend 2019 : Wer die Sterne zählt

Im früheren Hauptquartier der US-Armee in Dahlem eröffnet "Fluentum", ein neuer Raum für Videokunst.

Guido van der Werves Video „Number Twelve“ im Fluentum: Es geht darin um Dinge, die nicht zu schaffen sind.
Guido van der Werves Video „Number Twelve“ im Fluentum: Es geht darin um Dinge, die nicht zu schaffen sind.Thilo Rückeis

Als der Software-Unternehmer Markus Hannebauer seine Videokunst noch bei sich zu Hause im Wohnzimmer abspielte, war es ihm wichtig, dass die Filme die ganze Zeit laufen. Auch wenn er das Haus verließ. Nun eröffnet der Berliner Sammler eigene Räume für seine junge Kollektion zeitgenössischer Kunst, Fluentum kann zum Gallery Weekend erstmals besichtigt werden. Hannebauer hat sich einen ebenso spektakulären wie geschichtsträchtigen Ort ausgesucht, an dem er künftig nicht nur Videokunst zeigen will, sondern auch wohnen wird.

Im früheren Hauptquartier der US-Armee in Dahlem hat General Lucius D. Clay einst die Berliner Luftbrücke organisiert. Der gesamte Kasernenkomplex wurde in den letzten Jahren zu Eigentumswohnungen umgebaut. Nur das prächtige Haupthaus mit Portikus und der eleganten Fensterreihe des ehemaligen Kennedy-Saals wollte lange niemand haben. Es war einfach zu groß, zu ungewöhnlich, mit seinem marmornen Foyer und der geschwungenen Treppe im Zentrum. Bis Hannebauer 2016 zugriff.

Das Haus wurde aufwändig umgebaut

Nun scheint es für die Videokunst wie gemacht zu sein. Zwar hat Hannebauer gründlich daran gearbeitet, die alten, denkmalgeschützten Repräsentationsräume, in denen etliche US-Präsidenten ihre Gäste empfingen, weitgehend in ihrem Zustand der 1930er Jahre zu belassen. Aber er brachte dennoch das Kunststück fertig, sie fit zu machen für digitale Kunst. Eigentlich besteht sie ja nur aus Daten und Abspielrechten – eine Herausforderung, wenn es darum geht, sie adäquat zu präsentieren.

„Der Umbau war sehr aufwendig“, erzählt Hannebauer, der selbst lieber im Hintergrund bleiben möchte. Aber wenn es gut ist für die Kunst, die ihm am Herzen liegt, dann führt er gerne durch die Räume, die er nicht „Privatmuseum“ nennen möchte, sondern lieber „Kunsthalle“. Die alte Betondecke wurde im Rahmen des Umbaus wieder freigelegt. Der markante schwarz-weiße Marmor in der Haupthalle musste zunächst komplett abgenommen werden, damit die Infrastruktur für bewegliche Videowände, Beamer und Licht elegant verbaut werden kann.

Der Künstler und der Sammler. Guido van der Werve (l.) und Markus Hannebauer.
Der Künstler und der Sammler. Guido van der Werve (l.) und Markus Hannebauer.Foto: Thilo Rückeis

Seit 2010 baut Hannebauer seine Sammlung auf

Nun kommt Guido van der Werves „Nummer 14“ mit dem Titel „Home“ auf der zentralen Videowand perfekt zur Geltung; eingerahmt von zwei mächtigen Säulen wirkt die Präsentation des 54-Minuten-Films museal. Der Raum bietet – obwohl vom Innenhof viel Licht hereinströmt – ausreichend Abgeschiedenheit, um die Bewegtbilder in Ruhe betrachten zu können. Zumal die Architekten Sauerbruch Hutton mit verschiedenen Grauschattierungen die Halle bewusst vom Dunklen ins Helle changieren lassen.

Markus Hannebauer, der seine Sammlung seit 2010 aufbaut, besitzt Werke von Reynold Reynolds – von dem er sein erstes Werk kaufte –, von Hiwa K., Annika Larson, Christian Jankowski, Ming Wong und anderen. Auch mehrere Werke von Guido van der Werve sind in seinem Besitz: Dem in Berlin lebenden Niederländer widmet er nun auch die Eröffnungsausstellung. Dessen Filme handeln oft von sportlichen Ausdauerübungen, denen sich der Künstler unterzieht, sie gliedern sich nach den Strukturen klassischer Musik, die er oft selbst komponiert.

Autobiografische Geschichten auf großer Fläche

„Home“, die zentrale Arbeit der Ausstellung, hangelt sich an vielschichtig angereicherten Kindheitserinnerungen des 1977 geborenen Künstlers entlang. 1500 Kilometer legte er für den Film zurück, in Form eines Triathlons: Er schwamm, lief und radelte von Warschau nach Paris. Ausgangspunkt war der Ort, an dem Frédéric Chopins Herz begraben ist, Zielpunkt sein offizielles Grab. Van der Werve, selbst Musiker, wollte diese Distanz überbrücken, metaphorisch und physisch, mit eigener Körperanstrengung.

Van der Werve hatte vor zwei Jahren einen schweren Fahrradunfall, der seine Karriere unterbrach. Nun arbeitet er an einem neuen Film, Number 18. Hannebauer finanziert ihn mit. Mittlerweile kauft der Sammler nicht mehr nur zeitbasierte Kunst, er ermöglicht sie auch. Damit sei er noch näher dran, sagt Hannebauer, und er hält es gut aus, dass er nicht weiß, was er am Ende bekommt. Zwei Ausstellungen pro Jahr wird er künftig im Fluentum kuratieren. Und nicht nur Werke aus seiner eigenen Sammlung zeigen.

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Bis 22.6., Clayallee 174, Gallery Weekend: Fr –So 11-18 Uhr, sonst Sa 11 – 14 Uhr. Infos: www.fluentum.org

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