zum Hauptinhalt
Constantin Roudeshko „Ohr Elyon / The Masach“, Diptychon von 2014.
© Constantin Roudeshko

Kunstmarkt sammelt für Ukraine: Gegen das Gefühl von Ohnmacht

Mit vielfältigen Mitteln: Wie Berliner Galerien und Auktionshäuser für Menschen in der Ukraine sammeln.

Blau und Gelb dominieren den Corner Room bei Thomas Schulte. Aus dem Abstand betrachtet die Farben der ukrainischen Flagge, in der Nahsicht ein komplexes Farbflirren. Jonas Weichsel will der Tragödie mit bildnerischen Mitteln begegnen und Spenden zur Flüchtlingshilfe generieren.

„Der Eckraum der Galerie Thomas Schulte, in dem gerade meine Ausstellung ,Interstellar' zu sehen ist, bietet Tag und Nacht tausenden von Menschen einen unverhüllten Blick auf die Kunst. Dass ich hier meine drei blau-gelben Bilder für die Ukraine in die Fenster hänge, war für mich die direkteste Möglichkeit zu reagieren“, sagt der Künstler. Die Einnahmen aus dem Verkauf (je 17 000 Euro) gehen an Be an Angel, einer Initiative, die sich für die Integration von Geflüchteten einsetzt.

Auktion bei Grisebach und Kunst bei Thomas Schulte

Zugunsten dieser Berliner NGO reagiert auch das Auktionshaus Grisebach auf Putins Invasion. Geschäftsführerin Diandra Donecker und Juliet Kothe von der Boros Foundation haben eine Online-Auktion initiiert, für die 33 Künstler:innen – darunter Gregor Hildebrandt, Anne Imhof, Alicja Kwade und Carsten Nicolai – Werke gestiftet haben.

„Angesichts der humanitären Krise in der Ukraine möchten wir mit unserem Netzwerk in Kunst und Kultur einen Beitrag leisten, um den Organisationen zur Rettung und Betreuung Flüchtender zu helfen“, so die Organisatorinnen. „Artists for Ukraine“, dessen Erlös zu 100 Prozent gespendet wird, findet vom 1. bis 10. April auf www.grisebach.com statt, parallel können die Arbeiten in der Fasanenstraße 27 besichtigt werden.

[Wenn Sie aktuelle Nachrichten aus Berlin, Deutschland und der Welt live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Eine Brücke zwischen West- und Osteuropa bauen, wollen Cornélia Schmidmayr und Ivanna Bogdanova-Bertrand nicht nur mit ihrer in Berlin-Friedenau angesiedelten Art East Gallery Berlin-Kyiv, sondern auch mit der Stiftung Peace for Art. „In der Nacht als Putin von Entnazifizierung sprach, wussten wir, dass wir handeln müssen“, sagt Schmidmayr, die vier Jahre in der Ukraine gelebt und dort ihre Galerie-Partnerin kennengelernt hat.

Tamina Amadyars ist „fünfte straße“ ist Teil der Grisebach Online-Auktion für die Ukraine.
Tamina Amadyars ist „fünfte straße“ ist Teil der Grisebach Online-Auktion für die Ukraine.
© Courtesy the artist

Mit seinem weit verzweigten Netzwerk will das deutsch-französisch-ukrainische Duo Künstler:innen in und aus der Ukraine finanziell und bei Projekten fördern, aber ebenso Institutionen seine Expertise zur Verfügung stellen. „Im Moment steht die humanitäre Hilfe im Vordergrund, aber wir müssen auch an die Erhaltung der ukrainischen Kultur denken“, sagt Schmidmayr. „Wenn Museen brennen, müssen wir agieren. Das ist nicht nur für die Ukraine existentiell, sondern auch für Europa.“

Mit Hilfsgütern an die polnische Grenze

„Berlin und Kiew sind junge Städte und haben eine gut vernetzte Clubkultur. Das fühlt sich an wie Nachbarschaft“, sagt Nils Petersen von der Galerie Dittrich & Schlechtriem, der gegen das Gefühl von Ohnmacht einen privaten Spendenaufruf organisierte, dem 60 Kulturschaffende gefolgt sind. Die Galerie stellte ihren Mitarbeiter frei und insgesamt kamen 24 000 Euro an Geld-, Medikamenten- und Sachspenden zusammen, mit denen zwölf Leute am zweiten Wochenende im März an die Grenze zu Polen, an den Bahnhof in Warschau und zu einer Sammelstelle für Hilfsgüter in Lublin gefahren sind. „Wir haben uns auf People of Colour konzentriert. Auf Menschen, die zusätzlich zu ihrer oft zweiten oder dritten Flucht aus einem Kriegsgebiet nun auch noch dem Rassismus ausgesetzt sind.“

Ukrainische Konstruktivisten bei Volker Diehl

Galerist Volker Diehl, der am Vortag des Kriegsausbruchs aus Moskau zurückgekehrt war, hat spontan umdisponiert und Werke von fünf ukrainischen Konstruktivsten, die aus vorigen und für geplante Ausstellungen im Lager waren, zu einer beeindruckend stillen Schau konzipiert. Darunter das faszinierende Leinwand-Diptychon „The Ohr Elyon/The Massach“ von Constantin Roudeshko oder Badri Gubianuris fast drei Meter hohes „Work from Candle Stubs“ aus Resten von Opferlichtern orthodoxer Kirchen.

Im Streiflicht entfaltet die wächserne Oberfläche einen golden schimmernden Glanz, der an Ikonen denken lässt. Die Preise liegen zwischen 1800 und 25 000 Euro, ein Drittel des Verkaufs wird an caritative Organisationen weitergegeben. „Oberfläche ist der Punkt, wo sich Gegenstand und Raum überschneiden“, schreibt Tiberiy Szilvashi in seinem überaus lesenswerten Essayband „Rembrandt-Zoom“ (ciconia ciconia Verlag Berlin, 25 Euro). Auf Facebook postete der Doyen der zeitgenössischen ukrainischen Abstraktion kürzlich: „Der achtundzwanzigste Tag des Krieges. Sonnig. Die Temperatur liegt über null. Lebe.“

Zur Startseite