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Unendliche Weiten. In der Bochumer Jahrhunderthalle entfaltet Olga Neuwirths Oper „Bählamms Fest“ magische Wirkung.
© Volker Beushausen/Ruhrtriennale

Ruhrtriennale 2021: Geisterstunde im Revier

Die neue Ruhrtriennale-Intendantin Barbara Frey lockt das Publikum in surreale Traumwelten voller Geistergeschichten und Geschichtsgeister.

Die Rede von „Entgrenzung“ ist im ästhetischen Diskurs gerade allgegenwärtig. Lange her die Zeiten, als eine widerständige Avantgarde die Dekonstruktion von Stilen und Identitäten, den Einspruch gegen den Kanon für sich reklamieren konnte. Wer heute für die Entgrenzung von Hören und Sehen, Genres und Codes eintritt, ist Mainstream. Die mal lustvoll spielerische, mal thesenhaft bemühte Arbeit an der Umdeutung des Tradierten lässt sich besonders in den darstellenden Künsten beobachten. Kaum eine zeitgenössische Performance, die nicht Hölderlins Eloge auf den haltlosen Gang „ins Offene“ zelebrierte. Ob Tanz, Musik oder Theater – das Werk ist ein tappend-tastendes Erkunden schwarzdunstiger Terrains voller Geistergeschichten und Geschichtsgeister.

Als „ausgewiesene Kennerin von Nachtschattengewächsen und heimatlosen Kreaturen der gebannten Ängste“ wird Barbara Frey, die neue Intendantin der Ruhrtriennale, im Programm-Almanach des 2002 im ehemaligen Kohle- und Stahlrevier Nordrhein-Westfalen gegründeten Festivals gepriesen. So sind Dunkelzonen und weiße Flecken, die ungreifbaren Aspekte unserer schlingernden Existenz Leitmotive der ersten von der Schweizerin konzipierten Saison.

Aus dem Zürcher Schauspielhaus, das sie zehn Jahre geleitet hat, verpflanzte Frey „Die Toten“ (nach James Joyce) in Bochums Jahrhunderthalle. Kein Zufall, dass sie dieser mit Zitaten aus „Ulysses“ und „Finnegan’s Wake“ angereicherten Sprachmusik in der Gladbecker Maschinenhalle Zweckel eine Bühnenfassung von Edgar Allan Poes „Untergang des Hauses Usher“ an die Seite stellte, als vielstimmige Traumkomposition über eine Fantasie, die Ungeheuer gebiert. Nachtgestalten spuken auch in den Konzerten, etwa in Georg Friedrich Haas’ formsprengendem, bei völliger Dunkelheit aufzuführendem 3. Streichquartett.

[Das Festival läuft noch bis zum 25. September, www.ruhrtriennale.de]

Die Komponistin Olga Neuwirth war schon immer eine glühende Verfechterin des Hybriden, Unscharfen, Fluiden. Schon mit ihrer ersten abendfüllenden Arbeit für die Opernbühne formulierte sie 1998 eine Haltung, die das Changieren zwischen Normen und Stilen als innovative Kraft feiert: „Bählamms Fest“. Da passt es ins Bild, dass diese tragikomische, bedrückend schillernde Hommage an die britische Surrealistin Leonora Carrington, die zeitlebens im Schatten ihres zeitweiligen Geliebten Max Ernst stand, jetzt in den Weiten der Jahrhunderthalle ein neues Forum findet.

In einer Horrorhaus-Heide-Landschaft

Die Produktion ist bis zum 25. September als Video-on-Demand verfügbar: Auch wenn der Mitschnitt nur eine Ahnung der Bochumer Raum-Erfahrung vermittelt, bleibt der schrundig-schräge Reiz der szenisch durch das irisch-britische Regie-Duo Dead Centre betreuten Groteske ungebrochen. Wie eine Rhapsodie auf das Kino David Lynchs wirkt die Story einer dysfunktionalen Familie um die junge Theodora (Katrien Baerts), die ihrer Beziehung mit dem jagdbesessenen Philip (Dietrich Henschel) zu entkommen hofft, indem sie mit dessen zum Wolf mutierten Bruder Jeremy (Andrew Watts) anbandelt, auf dem Screen. Ausstatterin Nina Wetzel hat eine Horrorhaus-Heide-Landschaft erdacht, souverän agiert das Ensemble Modern unter der Leitung von Sylvain Cambreling.

Michael Wertmüller, in Berlin unter anderem durch seine Beiträge für die Opernkompanie Novoflot bekannt, steuerte die Musik zu dem Multimedia-Projekt „D.I.E“ bei, das in der Kraftzentrale des 1985 stillgelegten Hochofenwerks Duisburg-Meiderich um eine mit Drehstühlen möblierte Publikumsmanege rotiert. Das nach einem Künstlerbuch von Albert Oehlen und Reinald Goetz entwickelte Stück erweitert den Dialog zwischen Oehlens Kohlezeichnungen und Goetz’ Lautgedichten um eine wilde Sound-Montage für Streichquartett (Asasello Quartett), Free Jazz Trio (Steamboat Switzerland), Percussion (Camille Emaille), Punkband (Jealous), Rap (Catnapp), zwei Soprane (Caroline Melzer, Sarah Pagin), Mezzosopran (Christina Daletska) und Schauspielerin (Sylvie Rohrer).

Wie Figurinen eines triadischen Balletts 2.0

Auf einem gewellten Rundsteg singen, tönen, vagabundieren die in schwarzweiße Roben gehüllten Stimmkünstlerinnen wie Figurinen eines triadischen Balletts 2.0 (Regie: Anika Rudkofsky), dem eine als feuerrote Wiedergängerin Anita Berbers markierte Conférencière (Kostüme: Uta Gruber Ballehr), teilweise an Seilen schwebend, vorzustehen scheint. Auf Gazebahnen, poröser Blickfang eines virtuellen Horizonts, flimmern weiß auf schwarz holografische Versionen (Thomas Stammer) der Skizzen aus Oehlens Kohle-Werkstatt. Von zentraler Position aus sucht Dirigent Titus Engel mit coolen Gesten und Click-Track-Knopf im Ohr das schrille Patchwork zu einem schlüssigen Ganzen zu fügen.

An Bernd Alois Zimmermanns hochverdichtetes Totaltheater „Die Soldaten“ – vor bald sechs Jahrzehnten in Köln uraufgeführt, 2006 spektakulär bei der Ruhrtriennale umgesetzt – sollte man hier besser nicht denken. So wenig wie an dessen berühmte Formel von der „Kugelgestalt der Zeit“ angesichts von Meg Stuarts Tanztheater-Bemühung „Cascade“ im Essener Pact Zollverein. Ein arg prätentiöser Versuch, fünf Performer und zwei Performerinnen aus „dem entropischen Strom der Zeit“ zu katapultieren. Da ragt die konzentrierte, von Florian Helgath mit dem Chorwerk Ruhr, Concerto Köln und exzellenten Solisten klangschlank gehaltene konzertante Besinnung auf Felix Mendelssohns „Elias“-Oratorium in der Jahrhunderthalle schon fast wie ein erratischer Block aus dem grenzenlos verfließenden Strom des Zeitgeistes heraus.

Albrecht Thiemann

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