Geste der Anerkennung : Bundespräsident holt kritische DDR-Kunst nach Bellevue

Frank-Walter Steinmeier verbeugt sich vor dem Widerstand der DDR-Künstler. Fünf Werke wurden in Schloss Bellevue aufgehängt. Samstag sind sie zu besichtigen.

Visionär. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vor dem Gemälde „Der Seiltänzer“ (1984) von Trak Wendisch.
Visionär. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vor dem Gemälde „Der Seiltänzer“ (1984) von Trak Wendisch.Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Ein tolles Bild: Vorn am Rednerpult erläutert Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier seine Sicht auf die friedliche Revolution in der DDR, hinter ihm balanciert fast lebensgroß ein Seiltänzer in rotem Gewand, sichtlich angespannt, mit einer spitzen Artistenmütze auf dem Kopf. Auch ein Bundespräsident ist manchmal Seiltänzer. Er muss Farbe bekennen, wenn die Demokratie diskreditiert wird, so wie das die AfD mit ihrer „Wende 2.0“-Kampagne in den neuen Ländern macht.

Dass die implodierte Diktatur vergreister DDR-Funktionäre mit der real existierenden Bundesrepublik in einen Topf geworfen wird, sollte ein Staatsoberhaupt nicht unwidersprochen durchgehen lassen. Andererseits ist der Bundespräsident zu tages- und parteipolitischer Zurückhaltung verpflichtet, erst recht vor anstehenden Landtagswahlen. Ein Balanceakt ist es auf jeden Fall, in dieser Situation den richtigen Ton zu treffen.

Den Seiltänzer im Hintergrund hat der Künstler Trak Wendisch 1984 in der DDR gemalt, er kann ein Sinnbild für vieles sein: für die prekäre Lage von Künstlern mit unabhängigem Blick auf die Welt in der DDR, aber auch für die Verrenkungen der DDR-Oberen und warum nicht auch für die Bewegungsart eines Bundespräsidenten.

Für ein ganzes Jahr hängt das spannungsreiche Seiltänzer-Bild aus der Sammlung der Berliner Nationalgalerie nun leihweise im Schloss Bellevue, zusammen mit vier weiteren Werken von Künstlerinnen und Künstlern aus der DDR. Und zwar geballt in einem Raum, durch den alle hindurch müssen, die als Besucher zum Staatsoberhaupt kommen.

Was bleibt von der DDR? Auf jeden Fall viele Kunstwerke, die dieses Kapitel deutscher Gesellschaftsgeschichte auf hohem Niveau reflektierten. Davon zeigte sich Steinmeier überzeugt, als er am Donnerstag die Mini-Werkschau in seinem Amtssitz in Anwesenheit der fünf Künstler eröffnete. Auf die Idee dazu hat ihn die Ausstellung „Hinter der Maske“ mit Kunst aus der DDR gebracht, die er vor eineinhalb Jahren im Palais Barberini in Potsdam eröffnete.

Werke gehören nicht zur DDR-Staatskunst

Steinmeier bat die Kuratoren Michael Philipp und Valerie Hortolani um eine Liste verfügbarer Werke für eine Präsentation aus Anlass des 30. Jahrestages des Mauerfalls. Am Ende eines schwierigen Auswahlprozesses standen fünf großformatige Werke von Künstlern, die nicht zu den gefeierten DDR-Staatskünstlern gehörten.

Aus der Innenwelt des Ateliers geht bei dem Gemälde „Das Fenster“ (1982) von Günter Firit der Blick auf die Außenwelt einer Stadt, die aus den Fugen geraten scheint. Angela Hampel malte ihre „Medea II“ (1986) in expressiven Farben in dem Moment, in dem die Mutter den Dolch zückt, um ihr eigenes Kind zu ermorden. Daneben hängt Hartwig Ebersbachs „Kaspar – kopfüber im Damenstiefel“ (1987), ein Farbrausch weitab von jeder sozialistisch-realistischen Doktrin.

Den Abschluss der Reihe bildet der „Januskopf“ (1977) von Harald Metzkes: Starr blickt ein Mann nach rechts in die Zukunft, während auf seinem Hinterkopf eine Maske blicklos der Vergangenheit zugewandt ist. Was für ein prophetisches Bild angesichts der unverarbeiteten Nazivergangenheit, die 40 Jahre später in den neuen Ländern aus dem Verdrängen und Verschweigen an die Oberfläche drängt und von rechten Rattenfängern in politisches Kapital umgemünzt wird.

Zeugnis von Mut und Freiheitsdrang

„Wer sich nicht in Gefahr begibt, der kommt drin um“, zitiert hingegen der Bundespräsident den widerborstigen Sänger Wolf Biermann und empfiehlt den Jüngeren, sich dessen Köln-Konzert von 1976 auf Youtube anzuschauen, das den Vorwand für Biermanns Ausbürgerung aus der DDR lieferte.

Auch die Bilder der Zeitgenossen in Schloss Bellevue, so Steinmeier, „zeugen von dem starken Willen der Künstler, sich eine Quer- und Dickköpfigkeit zu bewahren und mit keiner Menge in eine vorgegebene Richtung mitzumarschieren. Sie zeugen von der Widerständigkeit einer individuellen Weltsicht inmitten ideologischer Vereinnahmungsversuche. Sie zeugen von der Bereitschaft, sich in Gefahr zu begeben - um eben nicht darin umzukommen. Und sie zeugen von der Energie, mit der der Wunsch nach Freiheit sich Bahn bricht – nach künstlerischer Freiheit und auch nach politischer Freiheit.“

Eine klare Ansage. Steinmeier betont, dass es ihm nicht um Vereinnahmung gehe, sondern um eine Geste des Respekts: „Kunst hat ihr eigenes Recht. Darum nur geht es. Diese Bilder hängen hier als eine Verbeugung vor diesen - und vor allen anderen - Künstlern, auch den Schriftstellern, Musikern, Theaterleuten in der DDR, die etwas riskiert haben, weil sie ihren eigenen Augen, ihrem eigenen Herzen, ihrem eigenen künstlerischen Gewissen folgen wollten, ja folgen mussten – und nicht einer verordneten, parteilichen Sicht auf die Welt. Und sie hängen hier als Verbeugung vor allen, die im Jahr 1989 den Mut aufgebracht haben, auf die Straße zu gehen.“

[Schloss Bellevue ist am Tag der offenen Tür am kommenden Samstag von 11 bis 19 Uhr für alle Interessierten ohne Voranmeldung geöffnet. Die DDR-Bilder bleiben dort bis Oktober 2020.]

Eine schöne Geste, die an diesem Ort eigentlich überfällig war, denn in Schloss Bellevue gibt es eine lange und reiche Tradition des Ausstellens von Kunst. Mit der „Vaterländischen Galerie“ entstand hier 1844 das erste Museum für Gegenwartskunst in Preußen. In der Weimarer Republik war die „Große Berliner Kunstausstellung“ zu Gast. Und in den Amtsräumen der Bundespräsidenten hatte neben Werken aus dem 18. und 19. Jahrhundert die moderne Kunst der Weimarer Republik und der alten Bundesrepublik schon immer einen festen Platz.

In seinem Amtszimmer hatte Steinmeier bereits einen Akzent gesetzt, als er eine Ansicht Dresdens von Canaletto durch ein Gemälde ersetzte, das Friedrich Schiller vor dem Weimarer Musenhof zeigt. Auch das ein Bekenntnis zu einer Kunst, die zum Diskurs anregt und den Mächtigen widerspricht.

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