„Godzilla 2“ : Atombomben machen es erst richtig crazy

Der Stoff, aus dem Zerstörungsorgien sind: In „Godzilla 2: King of the Monsters“ trifft das japanische Superungeheuer endlich auf ebenbürtige Gegner.

Legt Boston in Schutt und Asche. Ghidorah, der dreiköpfige Drache, ist einer von Godzillas Gegenspielern.
Legt Boston in Schutt und Asche. Ghidorah, der dreiköpfige Drache, ist einer von Godzillas Gegenspielern.Foto: Courtesy of Warner Bros. Entertainment

Man braucht nicht drum herumzureden: Die Essenz eines Films wie „Godzilla 2: King of the Monsters“ liegt nicht in zwischenmenschlichen Dramen oder fantasievollen Welterklärungsmodellen, in ökologischen Gerechtigkeitsfantasien oder wissenschaftlicher Hybris, in Verrat, Heldentum oder Selbstaufopferung – alles Themen, die, teils überraschend weitschweifig, verhandelt werden. Das hier ist nicht „Game of Thrones“, wo die Drachen von Daenerys Tagaryen zwar immense Schauwerte bilden, aber (fast) nie die menschlichen Darsteller in den Hintergrund drängen.

In einen Film wie diesen geht man hingegen wegen dem, was der Titel verspricht: hochhaushohe Monster, die Städte verwüsten, die ihre hunderttausend Tonnen schweren Leiber ineinander verkeilen. Ungeheuer, die sich von nichts Menschengemachtem aufhalten lassen. Auf die selbst eine Atombombe wie ein Amphetamincocktail wirkt, ist Radioaktivität doch genau der Stoff, der sie erst so richtig crazy macht.

Ein Hauptkritikpunkt an Gareth Edwards’ insgesamt gelungener 2014er Neuauflage des populärsten Monsters der japanischen Kinomythologie war denn auch, dass der Titelheld in „Godzilla“ zu wenig Screen Time hatte (Fans haben nachgemessen: nur knapp zehn von 123 Minuten). Und dass zwei heuschreckenähnliche Rieseninsekten nicht wirklich satisfaktionsfähige Kombattanten waren. Schließlich musste Godzilla am Ende nur seinen patentierten Nuklearatem einsetzen, um den Viechern den Garaus zu machen.

In diesem Punkt wurde nachgebessert. Endgegner bei „King of the Monsters“ ist jener dreiköpfige Drache, der unter dem klangvollen Namen King Ghidorah schon die hartnäckigste (und bei Fans beliebteste) Godzilla-Nemesis in den Filmen der japanischen Toho-Studios war.

Um Ghidorahs Anwesenheit – und die von über einem Dutzend weiterer Monster (von denen bedauerlicherweise kaum etwas im Film zu sehen ist) – auf dem Planeten zu erklären, installiert Regisseur und Drehbuchautor Michael Dougherty einen umständlichen Herleitungsplot, in dem eine geheime Monstereindämmungsorganisation, die notorischen Betonköpfe des US-Militärs, ignorante Politiker, eine traumatisierte Familie, ruchlose Ökoterroristen und die beiden von Ken Watanabe und Sally Hawkins gespielten Riesenechsenversteher aus dem ersten Teil wichtige Rollen spielen.

Wobei man „wichtig“ relativieren muss, nicht nur weil es, siehe oben, andere Motive gibt, die einen hier ins Kino treiben. Sondern auch weil das ganze menschliche Getue von erschütternder Banalität ist. Es hilft wenig, dass Dougherty, der 2015 mit seinem schrägen Weihnachts- Horrorfilm „Krampus“ für Furore gesorgt hatte, in vielen Szenen ein schauderhaftes Timing an den Tag legt, die Dialoge erschreckend flach bleiben und beim Casting offensichtlich festgelegte Rollentypen gesucht wurden: Kann man sich ein dekorativer zerrüttetes Mutter- Vater-Tochter-Trio vorstellen als Vera Farmiga, Kyle Chandler und „Stranger Things“-Star Millie Bobby Brown? Und gibt es einen unvermeidlicheren Schurkendarsteller als Charles Dance, der von „Last Action Hero“ bis „Game of Thrones“ zuverlässig für sinistre Charaktere gebucht wurde?

Mahlstrom der Zerstörung

Nun könnte man sagen, dass einem die Protagonisten egal bleiben, doch es ist schlimmer: Sie nerven. Und lenken ab vom Wesentlichen. Hier hatte Guillermo del Toro bei „Pacific Rim“ (2013) ein besseres Gespür für die Gesetze des Genres, indem er die epischen Schlachten zwischen Alien-Ungeheuern und irdischen Riesenrobotern in aller gebotenen Ausführlichkeit inszenierte.

Natürlich braucht gerade ein Hundertmeterkoloss wie Godzilla den menschlichen Maßstab, um die Dimension des Geschehens einordnen zu können. Aber die Nebenhandlungen ziehen einen Film unnötig in die Länge, der in einer beherzteren Schnittfassung vielleicht jener ultimative Monsterblockbuster zwischen Schrecken und Poesie hätte werden können, den die hervorragend gemachten Trailer versprachen.

So kommt nach diversen Scharmützeln und einer gefühlten Ewigkeit erst im apokalyptischen Finale echte Stimmung auf. Wenn Godzilla, Ghidorah, das fliegende Reptil Rodan und die Megamotte Mothra das Zentrum von Boston in Schutt und Asche legen, entwickelt „Godzilla 2: King of the Monsters“ jenen hypnotischen Mahlstrom der Zerstörung, auf den seit „King Kong“ (1933) fast jeder Monsterfilm zusteuert. Wer zwischen ihren Füßen rumwuselt, ist dabei eher von geringem Interesse. Wenn die Titanen toben, bleibt der Mensch eben Statist.
In 19 Berliner Kinos. OV im Cinestar Sony Center, UCI Mercedes-Platz, Alhambra, Neukölln Arcaden

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