Goethe Museum in Düsseldorf : Alle meine Farben

Das Düsseldorfer Goethe-Museum lässt seinen Namensgeber in neuem Licht erstrahlen. Eine aktuelle Schau stellt die Farbenlehre des Dichterfürsten dem Werk des Zero-Künstler Heinz Mack gegenüber.

Als vor drei Jahren das britische Meinungsforschungsinstitut YouGov in einer Umfrage herauszufinden suchte, wie die Deutschen ticken und danach fragte, welche Dinge oder Menschen für Deutschland stehen würden, da gelangte Johann Wolfgang von Goethe auf Platz zwei – nach dem Golf und vor Angela Merkel.

Auch nach 200 Jahren kann uns der Dichter zu jedem Thema noch etwas sagen, davon ist Christof Wingertszahn sowieso überzeugt. Als Direktor des Düsseldorfer Goethe-Museum versucht er den Klassiker in die Gegenwart zu holen. Das fällt mit einer 30 Jahre alten Dauerausstellung zunehmend schwer. Höchste Zeit, eine zeitgemäße Präsentation zu entwickeln, die berücksichtigt, dass sich immer mehr Menschen mit geschriebener und gesprochener Sprache schwertun, wie es Wingertszahn formuliert.

Im Schloss Jägerhof, wo das Düsseldorfer Goethe-Museum seit Mitte der 80er Jahre residiert, findet deshalb gerade der große Kehraus statt. Im Innern gibt es bereits eine neue Beleuchtung, andere Vorhänge, einen frischen Anstrich. Bevor die nächste Dauerausstellung auf Jahre hinaus wieder fest installiert wird, soll noch einmal ein ordentlicher Wind durchblasen. Diese Frischluftzufuhr besorgt der Zero-Künstler Heinz Mack, ein häufiger Gast in den letzten Jahren. Schon drei Mal war er mit kleineren Präsentationen in dem Barockschlösschen am östlichen Rand des Hofgartens zu sehen.

Mack und Goethe verbindet eine besondere Beziehung zu Düsseldorf

Doch diesmal gehört ihm das ganze Haus – im Tête-à-Tête mit dem Namensgeber der Institution. „Taten des Lichts“ lautet der Ausstellungstitel in Anlehnung an Goethes Farbenlehre, in der es heißt: „Die Farben sind Taten des Lichts“. Das passt zum 87-jährigen Mack, der sich sein Künstlerleben lang mit Licht und Farbe sowie deren Wechselwirkungen beschäftigt hat. Beide, den Kämpen der Avantgarde wie den Klassiker, verbindet eine besondere Beziehung mit Düsseldorf: Mack hat hier an der Akademie studiert und sein Staatsexamen just in dem Jahr gemacht, als wenige 100 Meter Luftlinie entfernt das Goethe-Museum gegründet wurde. Das wiederum kam durch eine Schenkung von Anton Kippenberg zustande. Der Verleger und langjährige Leiter des Insel-Verlags besaß mit rund 50 000 Objekten die größte Goethe-Privatsammlung.

Als Schenkungsort hatte er sich Düsseldorf ausgesucht, weil Goethe 1774 und noch einmal für länger 1792 dort beim Philosophen Friedrich Heinrich Jacobi einkehrte. In dessen Haus diskutierte er vor interessiertem Publikum seine Studien zur Farbenlehre, die er kurz zuvor während des Koalitionskrieges gegen die französischen Truppen im Feld gemacht hatte. Daran knüpft wiederum Heinz Mack an, dessen Spezialität die verschiedenen geometrischen Musterungen der Regenbogenfarben sind. Rot, Blau, Grün, Gelb allenthalben – ob bei Goethe oder Mack.

Macks dekorative Kunst funktioniert überall gut

Bereits auf dem Vorplatz von Schloss Jägerhof hat der heute in Mönchengladbach lebende Zero-Künstler einen neun Meter hohen „Farbturm“ mit übereinander flatternden Fahnen platziert. Den Hunderten über die Jägerhofstraße donnernden Autofahrern kündet der Turm bereits aus der Ferne an, dass in dem stillen Schlösschen etwas Neues passiert. Türme, Pfeiler, Stelen als Symbol eines Himmelsbezugs sind für Heinz Mack seit vielen Jahren ein Signum.

So errichtete er 2014 gleich neun insgesamt acht Meter hohe Pfeiler auf der Insel San Giorgio in Venedig. Bedeckt mit vergoldeten Mosaiksteinen funkelten sie im Sonnenlicht. Danach wanderte das Skulpturensemble „The Sky Over Nine Columns“ weiter nach Istanbul, Valencia und zuletzt ans Ufer des St. Moritzsees im Schweizer Engadin.

Macks dekorative Kunst macht sich überall gut. Dass er auch mit Goethe ausgesprochen kompatibel ist, spricht durchaus für sein Werk. Allerdings lahmt das Ausstellungskonzept recht schnell daran, dass vor allem formalistisch immer wieder auf Parallelen zwischen den beiden hingewiesen wird. So taucht die Struktur von Goethes berühmtem Gingko-Blatt bei einer Grafik Macks wieder auf. Ähnlich wie sich der Dichter als Kalligraph versuchte, entwickelte auch Mack eine eigene schwungvolle Schrift, mit der er sich als junger Mann 1950 erfolgreich an der Akademie bewarb.

Goethe liefert für die Ausstellung nur Stichworte

Goethe wie Mack teilen die Liebe zum Orient, beide sind an naturwissenschaftlichen Experimenten interessiert, beschäftigen sich mit Kinetik und der Bewegung des Lichts. Und während sich Goethe in Weimar den „Stein des guten Glücks“ in die Nähe seines Gartenhauses in den Park an der Ilm setzen ließ – die erste abstrakte Skulptur der abendländischen Kunstgeschichte in Gestalt einer Kugel, die auf einem Würfel sitzt und das Bewegliche mit dem Ruhenden verbindet –, entwickelte Mack als junger Künstler ein ähnliches Stück, allerdings statt aus Sandstein nun aus dem modernen Material Edelstahl. Für den Himmelsstürmer Mack, der sich als Künstler schon früh zur Raumfahrt hingezogen fühlte, bedeutete die Kugel jedoch keinen abstrakten Zustand, sondern ganz konkret die Welt.

So geraten die „Taten des Lichts“ zu einem Mack-Festival, für das Goethe nur die Stichworte liefert. Bejubelt als einer der bedeutendsten deutschen Künstler der Gegenwart, bekommt der Zero-Künstler eine Bühne, die ihn gegenüber dem großen Denker und Universalisten letztlich schrumpfen lässt. Auch das Goethe-Museum hat sich mit diesem Solo-Auftritt nur bedingt einen Gefallen getan. Zwar ist für den nächsten Schritt Luft in alle Ecken gepustet, mit Macks Hilfe viel Licht hereingelassen worden, aber für das nächste Mal würde man sich einen breiteren und interessanteren Ansatz wünschen. Mit Goethe fühlen sich weit mehr Künstler wahlverwandt.

Goethe-Museum Düsseldorf, bis 27. 5.; Di bis So 11 – 17 Uhr, Sa ab 13 Uhr. Der Katalog (HatjeCantz Verlag, ca. 50 €) folgt.

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