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Pol Cassels Bild „Atelier im Steinbruch“ von 1924 wird für 12000 Euro angeboten.
© Auktionshaus Lehr

Auktion Irene Lehr: Graue Keile treiben im Meer

Die Fühjahrsauktionen im Haus Irene Lehr.

Die Luft liegt als stahlblauer Schatten auf der minimalistischen Fassade. Dahinter wuchert Frühlingsgrün. Ein seltsam schönes Bild. 1924 hat Pol Cassel sein „Atelierhaus im Steinbruch“ als faszinierenden Wettstreit ambivalenter Kräfte gemalt. Allegorisch geradezu prallen Romantik und Neues Bauen aufeinander.

Fünf Jahre später fällt der Blick der Malerin und Illustratorin Dodo eindeutig aus: „Trübe Ahnung“ auf offenem Meer. Die klassische Dreieckskonstellation könnte sich als schlichte Eifersuchtszene deuten lassen. Doch schon der Bückling, mit dem der Schiffskellner der mondänen Schönen das Glas reicht, holt die Schatten des Kaiserreichs an Bord. Der Untertan inmitten zweier Neuer Frauen und einem elegant gekleideten Mann an der Reling mit totem Blick. Während die Horizontlinie das Meer gefahrvoll nah heranrückt. Eine tiefblaue Wand, die das Schiff samt Personnage zu verschlucken droht.

Das sind nur zwei von insgesamt 428 Losnummern, die bei Lehr Kunstauktionen in Berlin zur Besichtigung hängen und am 24. April ebenda versteigert werden. Cassels magischer Realismus für geschätzte 12.000 Euro, die farbfrische Mischtechnik der als Dörte Clara Wolff geborenen Berlinerin für 25.000 Euro.

Das beste Ergebnis? Im Lockdown!

Von trüben Ahnungen lässt Irene Lehr sich nicht beirren. Schon im letzten Frühjahr hatte die umtriebige Wahlberlinerin am Timing festgehalten. „Andere haben mich für verrückt erklärt, aber ich bin kein Verschieber!“ Ihr Mut zum Risiko wurde belohnt. Mit insgesamt 3,2 Millionen Euro erzielte das Auktionshaus das beste Ergebnis in seiner mittlerweile 27-jährigen Geschichte.

Vor allem die Akquise habe sich allerdings unter Pandemie-Bedingungen als anstrengend erwiesen. Seit Jahresbeginn würden die Einlieferer zudem spürbar unsicherer: Ob die Auktion tatsächlich wie gewohnt vor Ort stattfinden kann? Lehr setzt auf Optimismus, Flexibilität und den ihr eigenen Pragmatismus. Hat sich vorsorglich mit Corona-Selbsttests auch für die Kundschaft eingedeckt, hat die Vorbesichtigung deutlich verlängert – und selbstverständlich kann auch online geboten werden.

Im Angebot: 50 Arbeiten von Hermann Glöckner

Trotz erschwerter Bedingungen ist ein konzentriertes Angebot von der klassischen Moderne bis zur Kunst der Gegenwart zustande gekommen (Gesamtschätzung: 1,2 Millionen Euro). Das verdankt die gebürtige Wienerin nicht zuletzt ihrer Treue zur Sammlerschaft. Fast 50 Arbeiten aus allen Schaffensphasen des großen Dresdner Malers und Konstruktivisten Hermann Glöckner sind im Angebot, von 600 bis 25 000 Euro für die Tafel „Schwarzweiß geteilter Keil auf Grau“ (um 1932). Aus dem Nachlass einer Mannheimer Sammlerin stammen wahre Perlen der konkreten Kunst. Allen voran François Morellets „Steel-Life “ (30 000 Euro) oder Jan Kubíceks „Geteilte Kreise, zwei Dimensionen“ (18.000 Euro), aber auch allerlei Entdeckungen im drei- und unteren vierstelligen Preissegment.

Mimi Mammen gehöhrt zu den Entdeckungen

Eine Entdeckung aus dem frühen 20. Jahrhundert ist ein unbetiteltes Ölbild von Mimi Mammen, Schwester der großen Berliner Chronistin Jeanne Mammen. Obschon beide die gleiche künstlerische Ausbildung hatten und sich zeitweise das Atelier am Kurfürstendamm teilten, blieb Marie Louise – die 1936 mit ihrer Lebenspartnerin nach Teheran floh, wo sie 1956 verunglückte – nahezu unbekannt. Geschätzt ist ihre Aktdarstellung zweier afrikanischer Frauen mit Löwenbabys auf 5000 Euro.

Zwei beeindruckende Gemälde der 1978 in Rostock verstorbenen Kate Diehn-Bitt kommen aus der Sammlung des einstigen DDR-Außenministers Lothar Boll. Das „Bildnis Annemarie“, das verso Ehemann Peter Paul mit Katze zeigt (35 000 Euro), ebenso wie „Meine Schwester Annemarie als liegender Akt“ (25.000 Euro) sind Höhepunkte der Neuen Sachlichkeit.

Lehr Kunstauktionen, Sybelstr. 68, Vorbesichtigung bis 22. April, tägl. 11–18 Uhr (nach Terminvereinbarung); Auktion: 24. April, ab 13 Uhr (mit Anmeldung); www.lehr-kunstauktionen.de

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