„Gunda“ auf der Berlinale : Ein poetischer Blick auf die Schweinezucht

Der Filmessay von Victor Kossakovsky erzählt in beeindruckenden Bildern vom Seelenleben der Schweine.

Die Kinder der kolossalen Sau. Victor Kossakovsky zeigt, wie Gundas Ferkel aufwachsen.
Die Kinder der kolossalen Sau. Victor Kossakovsky zeigt, wie Gundas Ferkel aufwachsen.Foto: Egil Håskjold Larsen/Sant & Usant

Oh ja, es ist erhebend, den eigenen Namen in großen Lettern auf der Kinoleinwand zu sehen. Damit ist dann aber auf den ersten Blick schon Schluss mit den Parallelen.

Die Gunda in Victor Kossakovskys Dokumentarfilm hat Nerven wie Drahtseile. Es ist eine kolossale Sau. So exklusiv ist der Name auch wieder nicht: auch eine Kartoffelsorte heißt Gunda. Leicht mehligkochend, ertragreich und gut lagerfähig.

Die zweite Eigenschaft trifft auch auf die in einem Stall in Norwegen ansässige Film-Gunda zu. Zumindest nach den Kriterien, die Schweinezüchter in der Agrarindustrie auf Zuchtsäue anwenden.

Rund zwölf Ferkel, zwei davon ganz frisch geworfen, wuseln im Frühling um sie herum. Das wird in der Eingangssequenz des in noblem Schwarzweiß gedrehten Essayfilms erst nach und nach offenbar.

Die Kamera fährt ganz langsam auf die in der Stalltür hingegossene Sau zu. Plötzlich purzeln ein, zwei, drei Ferkel über das Stroh nach draußen. Unsichere Bewegungen, zarte Borsten, allerliebstes Kindchenschema – und dazu dieses betörend fragile Zittern und Beben jungen Lebens.

Schweine als soziale Wesen

Die bislang statische Kamera wechselt die Perspektive ins Stallinnere, wo die Ferkel übereinander kletternd, quiekend, schnüffelnd abwechselnd an Gundas Gesäuge hängen oder eng aneindergepresst schlafen.

Die Kamera, die bislang in Großaufnahmen die Körper der sozialen Schweinewesen abgetastet hat, kommt in Bewegung. Fährt über das Stroh dieses Bullerbü-Stalls, der keinen Spaltenboden kennt, und identifiziert ein verborgenes Atmen. Ein Nachzügler-Ferkel!

Gunda aber kennt keine vom menschlichen Blick hineinprojizierte Sentimentalität. Zwar wühlt sie den glitschigen Winzling frei – und versetzt ihm doch einen lebensgefährlichen Tritt. Nachher hat Hinkebein sichtlich Mühe der Rasselbande zu folgen, die im Stall und auf der Weide herumtollt und nebenbei Speck ansetzt.

Auch das Hühnerleben kennt Gehbehinderungen. Die Henne, der der 1961 in St. Petersburg geborene, seit fast drei Jahrzehnten in Berlin ansässige Filmemacher und Kameramann dabei zuschaut, wie sie das Fliegen entdeckt, hat nur ein Bein. Trotzdem erscheinen sie und die anderen Hühner als eigentümlich majestätische Wesen.

Und das, obwohl ihr zerfleddertes Federkleid und das Zögern, mit der sie dem auf die Wiese gestellten Käfig entschlüpfen, als Legebatterie-Opfer ausweist. Sie setzen ihre Krallen, die im Close-up plötzlich riesig wie Dinosaurierfüße wirken, so vorsichtig ins Gras als erwarteten sie kochende Lava.

Gleitende Steadycam und Zeitlupe

Mit einer dicht über den Boden gleitenden Steadycam und Zeitlupen inszeniert Kossakovsky die Hennen – und später auch die Kühe – als neugierige, das Terrain aufmerksam sondierende Entdeckerinnen.

Bei den mit Weitwinkelobjektiv gedrehten Nahaufnahmen versinken die rauschenden Bäume und Gräser im unscharfen Hintergrund. Und Huhn und Rind gewinnen im Vordergrund die Individualität zurück, die ihnen die Massentierhaltung abspricht.

[24.2., 20 Uhr (Cubix 6), 28.2., 12.30 Uhr (Zoo 1), 1.3., 10 Uhr (Urania)]

Der ohne Kommentar arbeitende Kossakovsky ist ein Regisseur, dessen ästhetische, überaus sorgsam gestalteten Bilder zeigen, statt zu reden.

Das hat der begnadete Bildschöpfer zuletzt 2018 in „Aquarela“ gezeigt, seinem filmischen Versuch, das Element Wasser erfahrbar zu machen.

Dieser respektvolle, sinnliche Blick richtet sich in „Gunda“ auf stinknormale Bauernhoftiere. Kossakovsky, der sich als „erstes vegetarisches Kind der Sowjetunion“ bezeichnet, idealisiert das Wesen der Tiere nicht, lehnt ihre Vermenschlichung ab und agitiert nicht gegen Fleischverzehr.

Seine Methode, den Milliarden von Nutztieren, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ist schlicht, sie als empfindsame Wesen mit Bewusstsein zu zeigen. Unangenehme wie angenehme Wesenszüge inklusive.

Im Herbst sind die Schweinchen nicht mehr niedlich, sondern feist. Rempelnd, kreischend, zerrend fallen sie weiter über Mutters Zitzen her. Jetzt könnte der Viehhändler kommen, um die Bande abzuholen. Einmal muss Gunda doch wieder Ruhe haben! Als es geschieht, rennt die Sau ratlos grunzend herum. Das ist ein trauriger Moment.

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