Hedy Lamarr im Zeughauskino : Zum Sternerweichen

Fremder Star: Das Zeughauskino feiert die Schauspielerin und Erfinderin Hedy Lamarr mit einer Retrospektive.

Esther Buss
Himmlische Verführerin. Hedy Lamarr 1944 in der astrologischen Komödie „Heavenly Body“.
Himmlische Verführerin. Hedy Lamarr 1944 in der astrologischen Komödie „Heavenly Body“.Foto: Warner Bros.

Ein berüchtigter Juwelendieb wird gesucht, der sich in der Kasbah, dem historischen labyrinthischen Zentrum Algiers, versteckt hält. Beim versuchten Zugriff durch die Polizei kommt es zu einer Schießerei in den engen Gassen des Viertels. Mitten in der Action tritt in John Cromwells exotischem Drama „Algiers“ (1938) plötzlich eine viel aufregendere Attraktion in Konkurrenz zum Hauptgeschehen: Hedy Lamarr. Als französische Touristin Gaby tritt die Österreicherin aus dem dunklen Hintergrund eines Hoteleingangs hervor, um sich im gemäßigten Schritt auf die Kamera zuzubewegen, die sich ihr gleichfalls nähert, bis sie im Close-Up zum Halten kommt. Gabys Suche nach Orientierung erlaubt es dem Film, das von einer sensationellen Mittelscheitelfrisur eingerahmte Gesicht der Lamarr von allen Seiten zu präsentieren.

Bereits in ihrem Hollywood-Debüt schillert die als Hedwig Eva Maria Kiesler geborene Schauspielerin durch widersprüchliche Zeichen – eine eigentümliche Dissonanz, die sich in fast jeder ihrer Rollen bemerkbar macht. Lamarrs wie in Marmor gemeißelte Schönheit und die Steifheit ihrer Bewegungen mögen sich nicht recht mit dem Schlendrian ihres wienerisch eingefärbten Englisch verbinden. Auch bleibt ihre europäische Kultiviertheit im überformten Hollywood-Glamour eher ein irritierender Rest, anstatt sich als Distinktionsmerkmal zu konturieren. Hedy Lamarr bleibt ihren Filmen stets ein wenig äußerlich, fremd: eine „Strange Woman“, um mit dem Titel einer ihrer Filme – einem Noir von Edgar G. Ulmer – zu sprechen. Dass diese „Strangeness“ auch ihren begrenzten schauspielerischen Ausdrucksmöglichkeiten zuzuschreiben ist, tut ihrer enigmatischen Präsenz keinen Abbruch.

„Fremder Star“ lautet passenderweise auch der Titel der Hedy Lamarr gewidmeten Retrospektive im Zeughauskino. Die Reihe ist ein längst überfälliges Korrektiv zu ihrer einseitigen Mythologisierung als Wissenschaftsgenie, die in den letzten Jahren auf eher populistische Weise betrieben wurde, etwa im Dokumentarfilm „Geniale Göttin“. 1942 hatte Lamarr gemeinsam mit dem amerikanischen Komponisten George Antheil eine codierte Funkfernsteuerung, das sogenannte frequency hopping, entwickelt, eine Erfindung, die in ihrer ursprünglichen Form nie zum Einsatz kam. Doch im Überschwang wollten manche sie gleich als Wegbereiterin von Mobilfunk, GPS und Satellitenkommunikation vereinnahmen. Lamarrs schauspielerische Arbeit rückte in den Hintergrund und wurde mitunter gar als Ausdruck einer bemitleidenswerten Fremdbestimmung durch die Hollywood-Industrie kleingemacht.

Dasein auf der Durchreise

Als die einer jüdischen Familie entstammende Darstellerin von Louis B. Mayer aus Europa „importiert“ und bei MGM unter Vertrag genommen wurde (ihr Hollywood-Name spielte auf den Stummfilmstar Barbara La Marr an), eilte ihr der Ruf des Skandalösen voraus. Gustav Machatýs Ehedrama „Ekstase“ (1933) versetzte die Zensurbehörden durch Nacktszenen und Nahaufnahmen ihres vom Orgasmus durchzuckten Gesichts in Aufregung. Aus dem goldenen Käfig ihrer Ehe mit dem Munitionsfabrikanten Fritz Mandl, der ihr weitere Filmarbeiten verbot, entfloh sie 1937, zuerst nach Paris, dann nach London.

Bezeichnenderweise ist das Dasein auf der Durchreise, im ewigen Wartezustand auf gültige Papiere und Abreise, in vielen Filmen Lamarrs ein Thema, etwa in „Come Live With Me“ (1941) oder „A Lady Without a Passport“ (1959). Nicht zuletzt war sie durch ihren Akzent meist auf die Rolle der Emigrantin und Exotin festgelegt. Mit der ethnischen Zugehörigkeit nahm man es nicht so genau. In „Lady of the Tropics“ (1939) sitzt sie in atemberaubenden „asiatischen“ Roben als „Halbblut“ in Saigon fest, in „White Cargo“ (1942) verkörpert sie in schwüler Atmosphäre das Männer verhexende „native girl“ Tondelayo. Ihre fremde Anmutung schien aber auch für eine russische Straßenbahnchauffeurin und eiserne Kommunistin passend (in King Vidors Komödie „Comrade X“).

Entspannter Liebesverzicht

Im Kino der konservativen fünfziger Jahre fand Lamarr, die Anfang 2000 weitgehend vergessen in Florida starb, kein Zuhause. In gewisser Weise passte sie nicht in die Ära des Farbfilms, obwohl ihr erster Film in Farbe, Cecil B. DeMilles üppiges Bibelepos „Samson and Delilah“ (1949), ihr größter Erfolg wurde. Tatsächlich wirkt ihr geheimnisvoller Look im Spiel von Licht und Schatten besonders ausdrucksstark und nicht wie von dieser Welt. Doch vor allem hatte sich das Frauenbild gewandelt. Die Verkörperung von erotischer Aggressivität und ökonomischer Unabhängigkeit war in Hollywood nicht mehr gefragt.

Zu den erstaunlichsten Arbeiten gehört ihre Rolle in King Vidors „H. M. Pulham, Esq.“ (1941). Lamarr spielt hier – gegen ihren Typ besetzt – die Stenotypistin Marvin, ein working girl aus dem ländlichen Iowa. Eine Heirat mit ihrer großen Liebe schlägt sie aus, weil sie nicht bereit ist, ihren Job in einer New Yorker Werbeagentur aufzugeben. Dabei hat die Rolle der Marvin nichts Bitteres, Strategisches. Lamarr spielt den Liebesverzicht ganz entspannt, ohne die Geste des Opfers. (Zeughauskino, bis 22. September)

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