Hundert Jahre Bauhaus : Rasend modern

Dass Bauhaus veröffentlichte 1923 zu seiner ersten Ausstellung einen legendären Katalog. Nun ist er wieder zu haben, als originalgetreuer Reprint.

Bernhard Schulz
Den Umschlag des Katalogs der ersten Bauhaus-Ausstellung gestaltete Herbert Bayer.
Den Umschlag des Katalogs der ersten Bauhaus-Ausstellung gestaltete Herbert Bayer.Foto: Lars Müller Publishers

Das Bauhaus-Jubiläumsjahr erinnert an „das“ Bauhaus – nur gab es „das“ Bauhaus nicht. Es gab eine Lehr- und Ausbildungsanstalt mit stark praktischem Bezug, die sich in den 14 Jahren ihrer Existenz mehrfach wandelte. Die Bauhaus- Museen in Weimar und Dessau, die in diesem Jahr eröffnet wurden, spiegeln den grundsätzlichen Bruch zwischen dem frühen und dem reifen Bauhaus, der eben mit den Namen der beiden Standorte der Schule verbunden ist.

Im Dezember 1925 bezog das Bauhaus sein berühmtes Gebäude in Dessau. Aber nicht erst da begann die neue, die „eigentliche“ Bauhaus-Phase. Als das Bauhaus 1923, nur vier Jahre nach seiner Gründung, eine erste Leistungsschau veranstaltete, wurde bereits sichtbar, dass da ein Kapitel abgeschlossen werden sollte.

Vision des Kommenden

Ablesen konnten es die Zeitgenossen am Katalog, der zur Weimarer Ausstellung von 1923 erschien. Er ist in den Jahrzehnten seither selbst zu einer Ikone geworden. Der Einband mit seinem alternierend rot und blau gehaltenen Schriftzug „Staatliches Bauhaus in Weimar 1919 – 1923“ weist voraus auf Kommendes, er steht für die grundsätzliche Abkehr von der Kultur der Vergangenheit, die 1923 in den Bereichen von Gestaltung und Buchkunst noch immer dominierte.

Heute werden Tausende von Euro für ein Original bezahlt. Immer wieder kommt eines in Auktionen zum Aufruf; immerhin betrug die Auflage seinerzeit 2600 Exemplare (nur die im Katalog angekündigten Ausgaben in englischer und russischer Sprache sind nie gedruckt worden). Was der Katalog aber tatsächlich besagt, was er zeigt, geht gegenüber dem suggestiven Einband des jungen Herbert Bayer unter und ist weitgehend unbekannt. Es handelt sich um eine Darstellung der in den Weimarer Werkstätten geleisteten Arbeit – die Typografie und Gestaltung ist rasend modern. Man betrachte allein das mehrseitige Inhaltsverzeichnis am Anfang des Katalogs. László Moholy-Nagy, kurz zuvor erst als Leiter der Druckereiwerkstatt eingestellt, zeigte auf 27 Textseiten und mit 147 Abbildungen sowie 20 farbigen Originallithografien das ganze Spektrum der „neuen Typographie“, die Moholy in einem programmatischen Aufsatz im Buch erläuterte.

Spektrum der neuen Typographie

Dieser Aufsatz ist auf gelblichem – damals also stark holzhaltigen – Papier gedruckt. Insgesamt fanden drei Papiersorten Verwendung – ein Aufwand, den kein heutiger Verlag mehr auf sich nimmt. Außer dem Schweizer Lars Müller, der den Bauhaus-Katalog jetzt als Faksimile-Reprint vorlegt und damit nicht bloß eine Lücke, sondern eine riesengroße Fehlstelle füllt, denn wer konnte das 23er-Original schon in die Hand nehmen!

Jetzt ist zu sehen – auf zweierlei Papier, denn nur die Lithografien des Originals mussten in den regulären Druck einbezogen werden–, wie Bauhaus-Gründer Walter Gropius bemüht war, das nach dem Weggang des Mystikers Johannes Itten schlingernde Bauhaus-Schiff auf einen festen Kurs in Richtung „Produktion“ zu bringen. Der Band zeigt auch, wie Gropius dabei doch auf die eher kunstgewerblichen Werkstattarbeiten der vorangegangenen Zeit zurückgreifen musste.

Jede Werkstatt wird durch eine ganzseitige Fotografie vorgestellt. Wenn man den Katalog durchblättert, nimmt man teil an der Neuorientierung, etwa wenn das Foto der Wandmalerei-Werkstatt mit Holzregalen der leuchtfarbenen Abbildung der „Raumgestaltung einer Durchfahrt“ gegenübersteht. Auch das Plakat der Ausstellung ist abgebildet, wie es da bescheiden über dem Eingang des jugendstiligen Van-de-Velde-Baus hängt, den das Bauhaus in Weimar nutzen durfte.

Meilenstein des Jubiläumjahres

Die Neuausgabe des Weimarer Bauhaus-Katalogs ist ein Meilenstein des Jubiläumsjahres. Denn sie erlaubt, das Bauhaus endlich in seiner ganzen Vielfalt wahrzunehmen. Im Verlag Lars Müller ist vor einigen Monaten bereits der Reprint der Zeitschrift „Bauhaus“ erschienen, die in unregelmäßiger Folge zwischen 1926 und 1931 erschien.

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Auch die ersten vier der berühmten „Bauhaus-Bücher“ liegen im Reprint vor, alle weiteren sollen folgen. Damit liegt jedas Grundgerüst vor, um das Bauhaus fernab der Legendenbildung der vergangenen fünfzig Jahre als das zu erkennen, was es war: eine Institution auf der Suche, vor Ideen sprühend, auf Wegen und Irrwegen unterwegs und bis heute staunenswert in ihrem schöpferischen Reichtum („Staatliches Bauhaus in Weimar 1919 – 1923“. Lars Müller Publishers in Zusammenarbeit mit dem Bauhaus-Archiv Berlin, Zürich 2019. 226 S., 60 €).

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