Iannis Xenakis-Abend in der Staatsoper : Leidenschaft trifft Algorithmen

Ein seltener Genuss: In der Neuen Werkstatt der Staatsoper gibt es zwei Stunden lang einige von Iannis Xenakis' prominentesten Schlagzeugkompositionen zu hören.

Der Solo-Schlagzeuger Alexandros Giovanos
Der Solo-Schlagzeuger Alexandros GiovanosFoto: Konstantinos Theodoropoulos

In Frankreich zählt er, neben Olivier Messiaen und Pierre Boulez, zum Dreigestirn der berühmtesten Komponisten der Nachkriegszeit. Und doch darf man froh sein, den Stücken von Iannis Xenakis – des Griechen, der den Großteil seines Lebens in Paris verbracht hat – alle Jubeljahre mal in den Konzertprogrammen zu begegnen.

Noch seltener die Chance, sich zwei Stunden lang voll und ganz auf seine Kompositionen einzulassen – wie jetzt in der Neuen Werkstatt der Staatsoper während der letzten Ausgabe des Festivals „Infektion!“. Das hat der neue Intendant Matthias Schulz gerade abgeschafft, weil er, nicht unberechtigt, der Meinung ist, Neue Musik müsse ganz selbstverständlich Teil des Hauptprogramms sein. Zu hören waren jetzt einige von Xenakis' prominentesten Schlagzeugkompositionen. Der junge Solo-Schlagzeuger Alexandros Giovanos stammt aus Athen, hat in Berlin an der „Hanns Eisler“-Hochschule studiert und unter anderem das Berlin Opera Lab mitgegründet.

Sänger Martin Gerke gibt alles

Die Ruhe, die Giovanos ausstrahlt, steht im krassen Kontrast zur derwischartigen Energie, mit der er im zweiteiligen „Rebonds A & B“ die Klöppel über die Trommeln führt, die sich überlagernden Rhythmen herausarbeitet. Xenakis, der im Widerstand gegen die Nazis gekämpft hat, war ja mehr als nur Komponist, vor allem Architekt – zwölf Jahre hat er als Assistent von Le Corbusier gearbeitet. In Giovanos' leidenschaftlicher Interpretation spürt man die Algorithmen, die Chaostheorie, die stochastischen und geometrischen Einflüsse auf Xenakis’ Musik – ohne sie im Einzelnen hörend nachvollziehen zu können oder zu müssen: durchpulste Mathematik. Mit „Komboi“ holt Xenakis das Cembalo (beherzt: Ermis Theodorakis) ins 20. Jahrhundert. Elektronisch verstärkt verliert das barocke Instrument alles Verhuschte, bekommt eine ganz eigene Aggressivität, wird es zum faszinierenden Gegenspieler des Schlagwerks, zu dem auch Blumentöpfe gehören, die hier buchstäblich Ton-Töpfe sind. Vor allem mit dem Vibrafon, das klanglich ähnlich gelagert ist, geht das Cembalo eine interessante Klangmelange ein, die beiden scheinen ein schnatterndes Gespräch zu führen, während das konventionelle Schlagwerk streckenweise fast zu laut, zu brutal ist für den doch recht kleinen Raum.

In „Kassandra“ gibt Sänger Martin Gerke alles, zieht die Töne zischend und hysterisch jaulend in die Länge, klampft ab und zu – Ritsch! – auf einer Psalterium genannten Ur-Zither, singt fast durchweg in einer für Bariton sehr ungesunden Höhe, die ihn auch puterrot anlaufen lässt. Und entwickelt doch gerade mit diesem Verfremdungseffekt einen Sog, dem sich kaum einer entziehen kann. Zum Abschluss noch mal ein Stück für Solo- Schlagzeug, „Psappha“ von 1975: Giovanos lässt das Klangbild zerbröckeln, jeder Schlag hallt in sekundenlanger Stille, als würde Wotan selbst spielen. Kein die Sinne sedierendes Drauflosdreschen à la „Stomp“, vielmehr ein Wertschätzen jedes einzelnen Tons, das in ein furioses Finale mündet. Dem das Publikum sein ganz eigenes, enthusiastisches Perkussionsgewitter folgen lässt.

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