Befangen in der Selbstergriffenheit

Seite 2 von 2
Im Kino: "Werk ohne Autor" : Süßigkeiten für Geschichtsblinde
Tom Schilling als Kurt Barnert
Tom Schilling als Kurt BarnertFoto: Pergamon

„Werk ohne Autor“ ist über weite Strecken befangen in seiner Selbstergriffenheit, der Überwältigung von der Geschichte. So macht sich der Regisseur selbst klein, trotz hochtrabender Ansprüche: Sein Film kommt am symbolträchtigen 3. Oktober in die Kinos. Henckel von Donnersmarck schätzt ganz offensichtlich aber nur die handwerkliche Virtuosität Richters, weniger dessen erstaunlich nüchternen Blick auf Nachkriegsdeutschland. „Ich mache keine Aussagen, ich mache Bilder“, sagt Kurt auf einer Pressekonferenz. Er, seine Frau Ellie (Paula Beer), Seeband, der Joseph Beuys nachempfundene Antonius van Verten (Oliver Masucci), der in Düsseldorf Kurts Mentor wird, sie alle sind Kippfiguren: reale Personen mit unscharfen Ausläufern in die Fiktion. Anders als bei Richter erhellen diese biografischen Unschärfen aber nicht die Wahrnehmung, die tatsächliche Verfasstheit der jüngeren deutschen Geschichte, die „Werk ohne Autor“ in drei Stunden zusammenzurrt. Sie verwischen vielmehr die Spezifika der einzelnen Systeme. Henckel von Donnersmarck nimmt sich, was ihm in sein Geschichtsbild passt.

Nur so lässt sich die höchst unseriöse Parallelmontage im ersten Drittel erklären, die in einer Art deutschem Leidenskontinuum den Tod Elisabeths in der Gaskammer, die sterbenden Soldaten (Elisabeths Brüder) an der Front und die Opfer der Bombenangriffe auf Dresden gleichstellt. Henckel von Donnersmarck mag diese Relativierung nicht beabsichtigt haben, aber ein Regisseur – selbst wenn ihn Bilderdiskurse nicht interessieren – sollte sich der Wirkung seiner filmischen Mittel schon bewusst sein.

Verwerflicher noch: „Werk ohne Autor“ begleitet die jungen Mädchen in die Gaskammer, sieht ihnen verstohlen beim Sterben zu. Die Szene ist unterlegt mit Händels Duett „De torrente in via bibet“ aus „Dixit Dominus“, einem sakralen Werk. Hätte hier nicht zumindest die musikalische Untermalung angemessen sein können? Olivier Messiaens „Quartett für das Ende der Zeit“ zum Beispiel oder – wenn es denn schon deutsch sein soll – Bernd Alois Zimmermanns „Requiem für einen jungen Dichter“. Anspruchsvolle Kompositionen, die das Grauen nicht sublimieren. Aber: Alles, was wahr ist, ist schön.

Der Regisseur reagiert auf Kritik äußerst dünnhäutig

Den Schlusspunkt der Sequenz setzt Henckel von Donnersmarck mit einem Dreisatz aus Stillleben: das Gesicht des toten deutschen Soldaten, das Gesicht der toten Elisabeth (beide in Nahaufnahmen kadriert) und Dresden in Flammen. Jacques Rivette bezeichnete Anfang der sechziger Jahre in seinem einflussreichen Essay „Von der Niedertracht“ über Gillo Pontecorvos Kriegsdrama „Kapo“ die ästhetische Inszenierung von KZ-Opfern als „pornografisch“. Am Kunstverständnis von „Werk ohne Autor“ würden solche Einwände abperlen. Der Regisseur reagiert auf Kritik ohnehin äußerst dünnhäutig, gleichzeitig erweist sich sein ästhetisches Sensorium als nicht gerade feinsinnig. Eine ganz schlechte Kombination.

Henckel von Donnersmarck irrt hingegen, wenn er Kritik an seinem Film beleidigt als „politisch-korrekt“ abkanzelt. Mangelndes politisches (bzw. historisches) Bewusstsein ist das eine, als Filmemacher fehlen ihm aber vor allem moralische Kategorien. Im Film reißt er selbst Beuys’ Kunstbegriff aus dem Kontext („Nur in der Kunst findet man wahre Freiheit“, sagt die Beuys-Figur), was nicht weiter verwundert. Für Konzeptkunst fehlt dem Regisseur sichtlich das Verständnis, wie schon der kurze Rundgang durch die Düsseldorfer Atelierräume 1961 zeigt: So lächerlich stellen sich höchstens Mario Barth oder die „Bild“- Zeitung moderne Kunst vor.

Man muss aber auch den Künstler vor „Werk ohne Autor“ in Schutz nehmen. Gerhard Richter selbst hat in seinem „Birkenau“-Zyklus klargestellt, dass nicht immer alles gezeigt werden muss, um Wahrhaftigkeit zu bezeugen. Die vier zur Unkenntlichkeit schraffierten Bilder abstrahieren vier Fotografien aus dem Krematorium in Auschwitz, die Insassen aus dem Lager schmuggeln konnten.

Florian Henckel von Donnersmarck ist für solche intellektuellen Diskurse wenig empfänglich, das lässt er in Interviews durchblicken: Sie vertragen sich nicht mit seinem Hang zum Pathos. Das ist natürlich völlig legitim. Sein Film verträgt sich aber auch schlecht mit der Kunst Gerhard Richters. Dabei dürfte „Werk ohne Autor“ – zieht man die Kriterien des Regisseurs heran – sogar einen persönlichen Triumph darstellen. Sein funktionales Erzählkino nähert sich einem Ideal von Kunst, mit dem Richter unmöglich einverstanden sein kann. Es ist selbst ein Werk ohne erkennbare Autorenschaft.

Ab Mittwoch in den Berliner Kinos

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

1 Kommentar

Neuester Kommentar