Im Kino: "Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein" : Der funkelnde Hundling

Nach einer Erzählung von André Heller: die magisch-realistische Familiengeschichte "Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein" von Rupert Henning.

Schwieriges Verhältnis: Paul (Valentin Hagg) und sein Vater (Karl Markovics)
Schwieriges Verhältnis: Paul (Valentin Hagg) und sein Vater (Karl Markovics)Foto: Piffl Medien

Werde nicht wie alle, die du nicht sein willst. Überlasse die wesentlichen, dich betreffenden Entscheidungen niemals anderen. Überprüfe deine Träume ab und zu in der Wirklichkeit, sonst fangen sie an zu faulen. Das Unlogische ist eine Grundlage des römisch-katholischen.
Das sind die altklugen, durchaus bedenkenswerten Sentenzen, die der Großbürgersohn Paul Silberstein in sein Ideenheft schreibt. Mit Wasser, nicht mit Tinte. Dann sind sie für die gestrengen Jesuitenpater im Klosterinternat Attweg bei der Kontrolle unsichtbar, aber für den zwölfjährigen Zögling trotzdem existent.

Paul Silberstein ist das literarische Ego des Wiener Künstlers, Impresarios und Traumfabrikanten André Heller, dessen Erzählung „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ die Vorlage für Rupert Hennings Kinoversion liefert.

Als das Buch vor elf Jahren erschien, wusste man gar nicht, was wundersamer war: Hellers Herkunft aus einer glamourösen, in den Katastrophen des 20. Jahrhunderts tragisch zerfallenen Zuckerbäckerdynastie österreichischer Juden, die zum Katholizismus konvertieren. Oder die Fantasie und die beim Familienfreund Joseph Roth abgeschaute kakanische Melancholie, mit der Heller seine Erlebnisse poetisch verdichtet.

Auf dieser von Regisseur Rupert Henning und Ko-Autor Uli Brée weitgehend übernommenen Textgrundlage hätten sich filmisch noch wildere Locken drehen lassen. Doch abgesehen von einer hinzu erfundenen Szene märchenhafter Zirkusmagie, mit der Paul seinen an Kinderlähmung erkrankten Schwarm Leonore ins Leben zurückholt, überwiegt dann doch der Realismus.

Die Wirklichkeit zwischen dem frömmelndem Internat und dem kalten Marmorpalast der Silbersteins ist allemal schräg genug. Karl Markovics spielt den von Krieg und Opiumsucht deformierten Patriarchen Roman Silberstein als grotesken Psychopathen. Und auch Sabine Timoteo pflegt als dessen Gattin Emma hingebungsvoll die Manierismen ihres Standes.

"Ich soll Papst werden?", fragt der Junge alarmiert. Der Vater: "Mindestens Kardinal"

Das ist in Josef Mittendorfers gepflegten Kamerafahrten, die sich mit Vaters Tod schlagartig aufhellen, kurzweilig anzusehen. Wie Ausstattung und Kostüme der fünfziger Jahre überhaupt reichlich Augenfutter bieten. Sogar bei der an ein Staatsbegräbnis erinnernden Trauerfeier für den Kommerzialrat und NS-Gegner, dessen katholische Ehrentitel nicht über die seelische Unbehaustheit des assimilierten Juden hinweg täuschen konnten. Die burleske Komik, mit der seine drei jüdischen Brüder (darunter Udo Samel als Onkel Bel) die Beisetzung sprengen, erzählt davon. Sie sind es auch, die den vom Newcomer Valentin Hagg kongenial verkörperten Paul mit diesem Teil der Familientradition bekannt machen.

Und das, wo Vater Silberstein doch ganz was anderes mit seinem verspielten Filius vorhatte, wie er ihn beim Eintritt ins Internat mit auf den Weg gibt. „Ich soll Papst werden?“, fragt der Kleine alarmiert, als sich anlässlich des auf denselben Tag fallenden Todes von Papst Pius XII. ein Dialog mit dem wütenden Vater entspinnt. Worauf Roman Silberstein verlangt: „Mindestens Kardinal!“ Dass daraus nichts wurde, ist dem vom Fantasten Paul zum Lebensideal ausgerufenen „funkelnden Hundling“ André Heller anzusehen. Und auch dieser etwas kunstgewerblich geratenen, aber herzerwärmend zu kindlicher Individualität animierenden Familiensaga.

Ab Donnerstag in den Berliner Kinos Hackesche Höfe, Kant Kino, Passage

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