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Internationales Literaturfestival Berlin : Digital ist nicht besser, sondern destruktiv

Die Freiheit der Kunst ist kleiner als vor wenigen Jahren: Eva Menasse eröffnet mit einer digitalisierungskritischen Rede das 18. Internationale Literaturfestival.

Die in Wien geborene und in Berlin lebende Schriftstellerin Eva Menasse
Die in Wien geborene und in Berlin lebende Schriftstellerin Eva MenasseFoto: Rolf Vennenbernd/dpa

Als Eva Menasse an diesem Eröffnungsabend des Internationalen Literaturfestivals die Bühne des Hauses der Berliner Festspiele betritt, gesteht sie erstmal, geradezu „entzückt“ zu sein von der Laudatio, die kurz zuvor die Literaturkritikern Sandra Kegel auf sie gehalten hatte. Wie sich das gehört, war in dieser von der Vielseitigkeit der Schriftstellerin Eva Menasse die Rede, davon, dass sich trotzdem ein roter Faden durch ihr Werk ziehe, sie nämlich eine Menschenforscherin, eine Menschenerzählerin sei, es ihr überhaupt immer darum gehe, „von der Kompliziertheit der Welt zu erzählen.“

Das macht Eva Menasse dann auch im Anschluss, ohne dass sie allerdings ihr schriftstellerisches Werk streifen, gar eine dem zugrunde legende Poetologie offenbaren oder überhaupt von der Literatur an sich sprechen würde. Nein, Menasse hält an diesem Abend eine aktuelle, eine politische Rede mit dem Titel „Digitale Gespenster“, eine Rede darüber, wie das ja noch nicht so lange währende digitale Zeitalter unsere Politik und Gesellschaft und nicht zuletzt unsere Sprache binnen kürzester Zeit verändert hat.

Beginnend mit zwei Zitaten von Max Frisch und dessen obligatem Misstrauen der Macht, den Mächtigen gegenüber, erörtert Menasse, wie sich das für sie heute unter dem Eindruck von Pegida-Aufmärschen und den immer lauter werdenden, „besorgten Bürgern“ ganz anders darstellt: „Die Welt ist zu einem Ort geworden, an den man sich danach sehnt, demokratische Politiker wie die, die die ,Ehe für alle’ eingeführt haben und der verzweifelten Lage von Bürgerkriegsflüchtlingen mit Empathie begegnet sind, vor Hass und Lächerlichkeit, ja vor dem schieren Verjagtwerden beschützen zu können. Man möchte die Macht haben, demokratische Abläufe und Instittutionen wie den Rechtsstaat zu beschützen vor den Anbrandungen der Empörten, die sich mit ihrem geklauten Schlachtruf ,Wir sind das Volk’ für ermächtigt halten, das alles zu zerschlagen. Ihre destruktive Kraft greift um sich wie ein Nervengift.“

Menasse spricht von "pseudokorrekter Inquisition"

Und katalysiert wird diese destruktive Kraft eben durch das Internet, in dem, so Menasse, „alle toben, alle beleidigt sind, viele sich in ihrer Minderheitenehre gekränkt sehen“. Menasse lässt keine negative Folge des digitalen Zeitalters aus, so sorgt sie sich auch um die Kinder, die ohne ein funktionierendes W-Lan schon Nervenzusammenbrüche bekommen würden. Und sie konstatiert, dass Zustimmung wie Ablehnung sich radikalisiert hätten, die Mitte zunehmend verschwinden würde und für Abgewogenheit kaum noch Zeit und Raum sei.

Alles, was Menasse sagt, ist gut und richtig, und doch wirkt es, als gäbe es dann einen seltsamen inhaltlichen Bruch in ihrer Rede. Diese mündet in einer Kritik der übertriebenen politischen Korrektheit, die auch sprachlicher Natur ist, der um sich greifenden „pseudokorrekten Inquisition“. Zum Beispiel wenn der Schriftsteller Ian McEwan sich plötzlich einem Shitstorm ausgesetzt sieht, weil er noch mal unterscheiden wollte, dass Harvey Weinstein zwar ein moralisches Monster, aber als Vergewaltiger noch nicht rechtskräftig verurteilt sei. Um den Irrsinn von Sprech- und Schreibverboten geht es Menasse. Sie erinnert an Nabokovs Roman „Lolita“, der heute so nicht mehr erscheinen könne. Oder an Wolfgangs Herrndorfs Roman „Sand“ und wie in diesem der Held über Araber rede: „Ja, ich bin davon überzeugt, dass die Freiheit der Kunst heute kleiner ist als noch vor wenigen Jahren. Das ist eine Entwicklung, die mich bestürzt und alarmiert.“

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Es ist auch jetzt wieder alles richtig, was die 1970 in Wien geborene Schriftstellerin sagt. Nur: Ihre Zeit- und Digital-Diagnose wirkt dann auch wieder nicht so neu und so außergewöhnlich, und die Zustimmung im Haus der Berliner Festspiele ist Menasse gewiss. Trotzdem räumt sie ein, sich der Gefahr bewusst zu sein, Beifall von der falschen Seite zu bekommen, ohne sich davor zu fürchten. „Sagen soll man es, nicht schreien, schreiben soll man es, nicht twittern.“ Der Beifall, den Eva Menasse für ihre Rede bekommt, ist stark und lang anhaltend – und kommt natürlich von der richtigen Seite.

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