Isländischer Film „Gegen den Strom“ : Die Klimakriegerin

Über Stock und Buckelmoos: Benedikt Erlingssons Öko-Märchen „Gegen den Strom“ über eine wehrhafte Chorleiterin aus Reykjavik.

Warmbadetag auf Isländisch. Die Umweltaktivistin Halla (Halldóra Geirharðsdóttir) erholt sich von den Strapazen.
Warmbadetag auf Isländisch. Die Umweltaktivistin Halla (Halldóra Geirharðsdóttir) erholt sich von den Strapazen.Foto: Pandorafilm

Frauen, die die Faxen dicke haben. Die gegen die Verachtung, Plünderung und Vergiftung der Natur angehen. Dieses Topos wird im Kino zunehmend gesellschaftsfähig. Wobei die Heldin Halla aus „Gegen den Strom“ keine zweite Erin Brockovich ist. Der zur Umweltaktivistin mutierten Rechtsanwaltsgehilfin hat Steven Soderbergh im Jahr 2000 noch in der überdurchschnittlich schönen Gestalt von Julia Roberts ein mit dem Oscar prämiertes Denkmal gesetzt.

Im Gegensatz zu Brockovich beschränkt sich die Isländerin Halla nicht darauf, auf hohen Hacken die Folgen einer Trinkwasserverseuchung durch einen Konzern zu recherchieren. Die wehrhafte Chorleiterin aus Reykjavik, ungeschminkt und mit ihren 50 Jahren auch nicht mehr ganz taufrisch, pustet der massenhaft Kohlendioxid emittierenden Aluminiumindustrie gewissermaßen den Hochofen aus. Und zwar indem sie mit Pfeil und Bogen, beziehungsweise mit Flex und Sprengstoff, die Stromversorgung sabotiert, Überlandleitungen kurzschließt und Strommasten umlegt.

Diese aus Notwehr geborene kriminelle Energie legte schon die Heldin in Agnieszka Hollands Ökomärchen „Die Spur“ an den Tag. In dem zwischen Mystery und Ökothriller oszillierenden Film betätigt sich die pensionierte Ingenieurin Janina Duszejko, gespielt von der wunderbar verwitterten Agnieszka Mandat, als radikale Tierschützerin, indem sie in einem Kaff an der polnisch-tschechischen Grenze den lokalen Bestand an Jägern dezimiert. Auf der Berlinale 2017 wurde Holland dafür mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet.

Spaß an den abstrakten isländischen Landschaften

Der isländische Filmemacher Benedikt Erlingsson, legt seine athletische Klimakriegerin nun als eine Art Robina Hood oder Jagd-Göttin Diana an. Halla, die jeden ihren Anschläge akribisch plant und im Keller ihres Hauses eine Ökoterror-Werkstatt unterhält, bekämpft nicht nur die Industrie, sondern auch das Hightech-Equipment ihrer Verfolger mit Pfeil und Bogen. Auf der Jagd nach der „Bergfrau“, die im kleinen Island schnell die Fernsehnachrichten dominiert, setzt die um ihre internationalen Deals fürchtende Allianz aus Staatsmacht und Konzern Helikopter, Infrarotkameras, Sondereinsatzkommandos sowie giftig sirrende Drohnen im menschenleeren Hochland ein. Wie mit einem Lasso fängt Halla eins der fiesen Spähgeräte per Pfeil und Seil ein und zertrümmert es genüsslich.

Es macht Freude, die großartige Halldóra Geirharðsdóttir wie im Actionkino über endlose Buckelmoosebenen und in Gletscherschrunden hechten zu sehen. Kameramann Bergsteinn Björgúlfsson hat sichtlich Spaß daran, die abstrakten isländischen Landschaften in Szene zu setzen. Und dass Benedikt Erlingsson sich der einsilbigen skandinavischen Lakonie-Schule der Brüder Kaurismäki verpflichtet fühlt, war schon dem Vorgänger „Von Menschen und Pferden“ anzusehen. Sein aus der Dramödie von 2014 nun in den Ökothriller importierter Running Gag in Gestalt eines spanischen Fahrradtouristen, der den Häschern immer wieder versehentlich in die Fänge gerät, schleift sich allerdings bald ab.

Deutlich besser funktioniert der musikalische Verfremdungseffekt. Eine aus Piano, Tuba und Schlagzeug bestehende Band untermalt – für die Protagonisten unsichtbar – die Szenen. Und drei Ukrainerinnen, die kehlig klagend Volkslieder singen, fungieren in Hallas Gewissensnöten als griechischer Chor.

Das Drehbuch klebt an Schwarzweiß-Zeichnungen

Dass der allein lebenden Frau vier Jahr nach dem längst in Vergessenheit geratenen Adoptionsantrag plötzlich ein kleines Mädchen aus der Ukraine angeboten wird, bringt die Aktivistin in die Bredouille. Aus der kann ihr nur die unerschütterliche Zuversicht von Zwillingsschwester Ása helfen, die die feinnervige Halldóra Geirharðsdóttir ebenfalls, nun aber mit dem nötigen spirituellem Habitus spielt. Trotzdem vertragen sich Mutterschaft und militanter Öko-Aktivismus schlecht, wobei die Sorge um die kommende Generation Hallas Kampf plastischer legitimiert als die Bilder von Sintfluten und Dürren, die über den heimischen Fernseher flimmern.

Dass „Gegen den Strom“ trotz brennenden Anliegens und toller Heldin zu konfliktfrei, zu oberflächlich erzählt bleibt, liegt am Drehbuch, das an klischeehaften Schwarzweiß-Zeichnungen klebt. Wie umweltschädlich die von der geothermischen Energie profitierende Industrie ist, erfährt man vom Regisseur zum Beispiel nur aus Interviews. Auch Hallas Ziele im Kampf gegen den Konzern bleiben vage. Und dass eine Frau, die so akribisch ihre Anschläge plant, bei der Flucht vor ihren Verfolgern auf den Zufall angewiesen ist – in Person eines knorrigen Bauern – ist mau. Doch wie heißt es so schön? Wo aber Gefahr ist, da wächst das Rettende auch. Ob das auch für den Klimawandel gilt?

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