Ist Virtual Reality Kunst? : Ein Besuch auf der VR-Insel des Filmfests Venedig

Auf dem Lido verleiht man auch einen Löwen für VR-Arbeiten. Sie stellen ernste Fragen. Und bieten seltsame Erfahrungen. Aber ist das wirklich Kunst?

Abtauchen mit Techno-Brille. Eine VR-Arbeit über Caspar David Friedrich. Sie war in Berlin zu sehen.
Abtauchen mit Techno-Brille. Eine VR-Arbeit über Caspar David Friedrich. Sie war in Berlin zu sehen.Foto: Lisa Ducret/dpa

Wer vom Filmfest Venedig auf die Virtual-Reality-Insel hinüberschippert – auf der dem Lido vorgelagerten Insel Lazzaretto Vecchio waren einst die Pestkranken untergebracht -, fühlt sich ein bisschen wie in der Klinik. Fachpersonal weist die Besucher freundlich, aber bestimmt in die Operation ein, nimmt einem Tasche und Schuhe ab, zurrt Headset und VR-Brille fest, fragt nach Allergien und Geruchsunverträglichkeiten.

Und schwupps, bist du weg, in einer aus schwärzester Nacht auftauchenden Parallelwelt, in der eine hypnotische Stimme intime Fragen stellt. Führst du ein selbstbestimmtes Leben? Hattest du schon mal Macht über jemanden? War das angenehm oder unangenehm?

 „VR ist weniger ein visuelles Erlebnis, als eine persönliche Erfahrung“, sagt die Kuratorin Liz Rosenthal. „Die eigene Präsenz ist entscheidend.“ Bitte, fügt sie hinzu, es geht nicht um Technik, sondern um eine neue Kunstform, ihr Kritiker müsst VR rezensieren!

Den Einwand, das Kino basiere auf 120 Jahren Filmgeschichte und sei ein kollektives Erlebnis, während die virtuelle Welt intensive Einsamkeit beschert und Games-Expertise verlangt, lässt sie nicht gelten. Mit Verweis auf die 60-Minuten-VR-Performance „Loveseat“, die 50 Zuschauer im Saal und zig weitere im Internet versammelt. Schauspieler wie einzelne Besucher kreieren mittels Bluetooth-Controller ihre eigenen animierten Avatare.

Ein Experiment mit allerdings läppischem Inhalt: Geboten wird eine Dating-Show. Auch die aufwändige Performance „The Cosmos Within Us“, bei der 14 Mitwirkende einschließlich diverser Live-Musiker liebevoll damit beschäftigt sind, vor dem inneren Auge einer einzigen Brillenträgerin ein Familientrauma zu enthüllen, kommt dramaturgisch über Küchenpsychologie nicht hinaus.

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Als einziges großes Festival richtet Venedig eigens VR-Wettbewerbe mit Löwen-Gewinnern aus, für lineare und für interaktive Arbeiten. Auch wenn die Technik weiter ihre Tücken hat und vor allem Brillenträger unscharfe Bilder in Kauf nehmen müssen: Das Genre differenziert sich aus. Auf der Insel sind neben Realbild- und Animationswerken performative, immersive, holografische und dokumentarische Varianten versammelt. In „A Life in Flowers“ lässt die Nutzerin per Therapie-Fragespiel leuchtend bunte Blumen sprießen und bindet sie zum individuellen Seelen-Blumenstrauß. In „The Collider“ unterwirft sie einen realen Zufallspartner per Controller den eigenen Fantasien – sehr seltsame Erfahrung mit einem unbekannten skandinavischen Kollegen. Und in „The Key“ rettet man sich als syrischer Flüchtling in Farbgalaxien, mit dem Schlüssel der zerbombten Wohnung um den Hals.

Wer schwindelfrei ist, kann Freiflüge unternehmen, in Hsin-Chien Huangs „Bodyless“ als Totengeist Stelzenhauswände durchdringen oder in Laurie Andersons und Huangs „To The Moon“ über Mondkratern schweben. Ob Galaxien oder Meerestiefen, die Taiwanesen liegen ohnehin technisch vorn und schaffen die abenteuerlichsten 360-Grad-Welten. Auch im Kino haben sie ja ein besonders enges Verhältnis zu Geistern.

Hat VR eine Zukunft? Allemal in Vergnügungsparks und als Simulationstechnik für Forschung und Lehre, von der Pilotenausbildung über Architektur-Renderings bis zur Hirnchirurgie. Aber als Filmkunst? In „Travelling While Black“ sitzt man in Ben’s Chili Bowl, dem legendären Diner in Washington, einer Frau unmittelbar gegenüber, deren kleiner Sohn von weißen Polizisten erschossen wurde. Sorgt die gefühlte Nähe für andere Erkenntnisse über Rassismus in den USA als ein gewöhnlicher Dokumentarfilm?

 

 

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