Jonas Kaufmann in der Philharmonie : Die Zartheit des Mörders

Ausflug nach Frankreich: Tenor Jonas Kaufmann singt in der Philharmonie Arien von Bizet, Gounod, Berlioz, Halévy und Meyerbeer.

Jonas Kaufmann.
Jonas Kaufmann.Foto: dpa/Angelika Warmuth

Wer die Gelbwesten mal für einen Augenblick vergessen will, ist beim Arienabend von Jonas Kaufmann in der Philharmonie goldrichtig. Ein unpolitisches, idealisiertes Frankreich hört man da – obwohl die Epoche, in der diese Arien und Ouvertüren von Emmanuel Chabrier, Charles Gounod oder Hector Berlioz entstanden sind, natürlich auf eine Weise sozial zerrissen war, die sich heute selbst die wütendsten Protestierer auf der Place Charlesde-Gaulle kaum vorstellen können.

Weltflucht also ins Opernthema Nummer eins, die Liebe, die im Fall von Georges Bizets „Carmen“, aber auch bei Jules Massenets „Werther“ in die Katastrophe mündet. Kaufmann, der gerne Themenalben veröffentlicht („Puccini“, „Du bist die Welt für mich“), stellt auch bei diesem Ausflug über den Rhein sofort klar, was es ist, das seine Stimme so attraktiv macht: Es ist das gezähmt Heldische, das nicht alles platt walzt, was im Weg steht, sondern das durchzogen ist von feinen Lyrismen, von tenoraler Leichtigkeit – merke: nicht Leichtgewichtigkeit. So legt Kaufmann gleich vor, in der Arie „Pays merveilleux!“ aus Giacomo Meyerbeers „L’Africaine“.

Das Orchester lenkt nicht ab

Das Orchester lenkt definitiv nicht vom Star ab: Jochen Rieder dirigiert die Prager Philharmonia mit einer Gestik, die zwar expressiv ist, aber trotzdem auf dem Weg zu den Musikern versandet. Schleppend, stumpf der Klang, obwohl der Habanera- Rhythmus bei Bizet oder das Streicherflirren in Jacques Offenbachs „Rheinnixen“-Ouvertüre handwerklich gut herausgearbeitet sind. Aber nur sicher spielen reicht nicht, es fehlen Mut zum Risiko und das Quäntchen Dämonie. Kate Aldrich hat beides, an der Seite von Jonas Kaufmann singt sie Carmen mit bronzeüberzogenem Mezzo und feurigem Glanz in den Augen.

Und doch: Kaufmanns Stimme ist bis weit nach der Pause zwar von leuchtender, klug gesteigerter Kraft, aber alles andere als ausgewogen. Sie gleicht eher einem Bocksbeutel: bauchig in der Mittellage, mit dünnem, fast countertenoralem Flaschenhals in der Höhe. Dann aber, in der Arie des Eléazar „Rachel, quand du Seigneur“ aus Fromental Halévys „La Juive“, rastet etwas ein. Die Stimme nimmt Pyramidenform an, mit breiter Basis und gleichmäßig zulaufender Spitze, sie strömt unglaublich ebenmäßig und eindringlich in allen Lagen, es ist Kaufmanns beste Leistung des Abends – was er auch weiß, seinem verschmitzten Lächeln beim Applaus nach zu urteilen. Auch beim Orchester scheint jetzt ein Knoten geplatzt, die Aragonaise aus Bizets ersten Carmen-Suite gelingt befreit und gelöst. Dann der Höhepunkt, die Schlussszene aus „Carmen“. Kaufmann entfaltet jetzt seine ganze Kunst des Leisesingens, dieser Don José ist ein flüsterndes Monster. Es läuft einem kalt den Rücken runter, als er Aldrichs Arm umfasst. Denn hier ist einer an der Eifersucht irre geworden. Es ist die Zartheit des Mörders.

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