Jüdisches Museum Berlin : Produktive Unruhe in die Gesellschaft tragen

Deutschland muss sich auch weiterhin mit den Nachwirkungen der Shoah auseinandersetzen. Ein Gastbeitrag des Direktors des Jüdischen Museums Berlin.

Peter Schäfer
Jüdisches Museum in der Oranienstraße: Eine urbane Intervention von Mischa Kuball im Rahmen der Berlin Art Week 2018.
Jüdisches Museum in der Oranienstraße: Eine urbane Intervention von Mischa Kuball im Rahmen der Berlin Art Week 2018.Foto: Ladislav Zajac/Jüdisches Museum Berlin 

Die Erwartungen an das Jüdische Museum Berlin sind heute höher denn je. Sie beziehen sich vor allem auf aktuelle gesellschaftspolitische Themen. Hierzu gehört etwa die aufgeheizte Debatte über alten und neuen Antisemitismus in Deutschland und über die gesellschaftlichen Umbrüche infolge der Zuwanderung. In diesem Zusammenhang ist das Jüdische Museum Berlin in jüngster Zeit Gegenstand von Kontroversen geworden, die zum Teil auf Missverständnissen, zum Teil aber auch auf unterschiedlichen Auffassungen über die Aufgabe und Funktion eines Jüdischen Museums beruhen.

Es wird immer deutlicher versucht, Einfluss auf unsere Programmgestaltung zu nehmen und uns vorzugeben, welches unsere Themen und Schwerpunkte sein sollten. Dass diese Versuche aus verschiedenen Richtungen des politischen Spektrums kommen und sich teilweise widersprechen oder sogar gegenseitig ausschließen, macht sie nicht überzeugender.

Das Jüdische Museum Berlin ist, anders als alle anderen Jüdischen Museen in Deutschland, kein lokales Museum, sondern das deutsche Nationalmuseum zur Geschichte, Religion und Kultur des aschkenasischen, das heißt mitteleuropäischen, Judentums. Es ist auch kein Holocaust-Museum; die Massenvernichtung der europäischen Juden ist und bleibt jedoch ein zentrales Thema. In die Architektur des Gebäudes von Daniel Libeskind ist die Geschichte der Shoah eingeschrieben: Unsere Besucher steigen erst in die Achsen im Untergeschoss des Libeskind-Baus hinab, wo sie den „Holocaust-Turm“ und den „Garten des Exils“ besichtigen, bevor sie über die große Treppe nach oben in den historischen Rundgang gelangen. Dieses architektonische Erlebnis des Libeskind-Baus mit seiner Evokation der Shoah ist für viele Besucher bis heute das eindrücklichste Erlebnis ihres Museumsbesuchs.

Neue Akzente setzen

Das Herz des Hauses sind und bleiben die Dauerausstellung sowie die ständig wechselnden Sonderausstellungen. Wir sind jetzt in der Endphase der Konzeption und Umsetzung der neuen Dauerausstellung. Das, was 2001 als die Speerspitze museumspraktischer Innovation und Publikumsfreundlichkeit galt, ist heute durch neue Entwicklungen überholt. Die technischen Mittel zur Präsentation der Objekte haben sich im Zeitalter der Digitalisierung rasant entwickelt, und Anforderungen wie Partizipation der Besucher, Inklusion, Barrierefreiheit, haben heute viel größeres Gewicht bekommen.

Die neue Dauerausstellung wird dies alles stärker berücksichtigen, die alte Kernaufgabe aber bleibt auch die neue – die Geschichte, Religion und Kultur des aschkenasischen Judentums von den Anfängen bis zur Gegenwart. Dabei werden wir aber auch neue Akzente setzen. Wir werden die Architektur des Libeskind-Baus stärker betonen und die Ausstellung insgesamt luftiger gestalten als bisher. Vor allem aber werden wir dem Thema der Religion größeres Gewicht einräumen und die Ausstellung programmatisch mit einem Raum eröffnen, in dessen Mittelpunkt die Tora mit ihrer Auslegung als Wesen und Zentrum des Judentums steht. Aber wir werden auch die Wandlungen deutlicher machen, die das Judentum in seiner Interaktion mit der christlichen Umwelt durchlief. Das Judentum war im Laufe seiner langen Geschichte nie eine statische und auf ewig festgeschriebene Einheit, sondern stand immer in einem dynamischen und fruchtbaren Austausch mit seiner Umgebung.

Ort des Diskurses, auch über kontroverse Themen

Es war von Anfang an ein Merkmal des Jüdischen Museums Berlin, in seinen Wechselausstellungen überraschende Themen auszuwählen und diese auch in Form und Inhalt überraschend zu präsentieren. „Nicht das, was Sie erwarten“ war das Motto unserer ersten großen Werbekampagne, und das wird so bleiben. Wir scheuen auch heute nicht vor politisch kontroversen Themen zurück, wie sich jetzt gerade an der überaus erfolgreichen Ausstellung „Welcome to Jerusalem“ zeigt.

Entsprechend unserem Stiftungsauftrag, mit dem Jüdischen Museum auch einen Ort der Reflexion und Diskussion zu schaffen, wurde 2013 die jetzt nach Michael Blumenthal benannte Akademie eröffnet. Das Jüdische Museum Berlin hat sich immer als ein Museum mit einem gesellschaftlichen Auftrag verstanden, dessen Arbeit sich nicht in der Sammlung und Präsentation von Objekten erschöpft. Kaum ein Thema ist derzeit gesellschaftlich relevanter als die globale Migration mit den sich daraus ergebenden Spannungen zwischen Minderheiten und Mehrheitsgesellschaft. Vor dem Hintergrund der jüdischen Erfahrungen sind wir in besonderer Weise prädestiniert, einen Beitrag zu einem gelungenen Zusammenleben in Vielfalt zu leisten.

Der Lichthof des Jüdischen Museums
Der Lichthof des Jüdischen MuseumsFoto: Kai-Uwe Heinrich

Wir betrachten die Akademie als einen Ort des Diskurses gerade auch über kontroverse Themen und sehen uns dabei in der Rolle von Moderatoren, die eine Plattform für einen offenen und gleichberechtigten Austausch bieten, ohne selbst politisch Partei für die eine oder andere Seite zu ergreifen. Dass dieser Diskurs auch mit Muslimen geführt wird, ist sowohl historisch als auch angesichts der gegenwärtigen Lage selbstverständlich.

Keine Institution zur Abwehr des Antisemitismus

Bei der Auswahl der Referenten und der Themen, die wir im Museum und in der Akademie behandeln, folgen wir ausschließlich inhaltlichen Gesichtspunkten und nicht Vorgaben politischer oder religiöser Interessengruppen. Dabei ist es ebenfalls selbstverständlich, dass wir Aktivisten jedweder politischen Richtung kein Forum bieten, was insbesondere auch für Unterstützer oder Aktivisten der BDS-Kampagne (Boycott, Divestment, Sanctions) gilt, wobei die Einschätzung der BDS-Nähe immer nur von Fall zu Fall getroffen werden kann. Es entspricht nicht der Haltung des Jüdischen Museums Berlin, bei unseren Referenten im Vorfeld Gesinnungstests im Sinne einer Überprüfung ihrer politischen Anschauungen vorzunehmen, und wir beobachten die zunehmende Ausbreitung einer „Kultur des Verdachts“ mit Sorge.

Das Jüdische Museum Berlin ist keine Institution zur Abwehr des Antisemitismus. Dennoch war und ist der Antisemitismus in seinen zahlreichen Facetten und Metamorphosen immer eines unserer zentralen Themen, nicht zuletzt angesichts der rasant zunehmenden Übergriffe und der jüngeren politischen Entwicklungen in Deutschland. Wir veranstalten seit vielen Jahren Gespräche mit Überlebenden als Zeitzeugen über ihre Erfahrung des Antisemitismus und der Shoah.

Judentum als lebendiger Organismus

Wir machen uns Gedanken darüber, wie wir diese Aufgabe weiterführen können, wenn, wie abzusehen, die letzten Zeitzeugen nicht mehr leben werden. Wir sind der Überzeugung, dass die Nachwirkungen der Shoah uns jetzt und in Zukunft weiterhin beschäftigen werden, besonders auch im Hinblick auf die gesellschaftlichen und politischen Veränderungen in Deutschland. Wir werden daran mitwirken, dass die Gesellschaft sich auch in Zukunft dieser Verantwortung stellt.

Im Zentrum der Stiftung Jüdisches Museum Berlin steht das Judentum, aber nicht als politische oder religiöse Institution, sondern als ein lebendiger Organismus in seiner historischen Entwicklung und in seiner gegenwärtigen, durchaus auch widersprüchlichen Vielfalt und gesellschaftlichen Wirkung. Dabei betrachten wir es nicht als unsere Aufgabe, formalisierte und ritualisierte Bekenntnisse ständig zu wiederholen, sondern, ganz im Sinne eines jüdischen Selbstverständnisses, produktive Unruhe in unsere Gesellschaft zu tragen.

Peter Schäfer ist seit 2014 Direktor des Jüdischen Museums in Berlin.

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