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Britboy macht auf solo: Damon Albarn.
© dpa

Damon Albarn und sein Album "Everyday Robots": Komm in meine Herzenskirche

Damon Albarn ist ein dauerkreatives Genie von fast beängstigender Vielseitigkeit. In seiner 25-jährigen Karriere ist er immer mit Band aufgetreten. Nun erscheint sein erstes Soloalbum „Everyday Robots“.

Wie das Knistern einer Schallplatte klingt, wissen sogar Jugendliche, die noch nie eine Schallplatte gehört haben. Denn das charakteristische Vinyl-Hintergrundrauschen hat den Sprung ins digitale Zeitalter als Sample auf zahllose Hip-Hop-, Soul- und Electro-Alben geschafft. Ein hübscher Anachronismus, mit dem Musiker Traditionsbewusstsein signalisieren oder spielerische Effekte erzielen.

Das Geräusch einer Kassette, die in einen Rekorder geschoben wird, ist hingegen nicht ins akustische Kollektivgedächtnis übergegangen. Das typische Klacken des Plastikgehäuses dürfte der Generation iPod Dechiffrierrätsel aufgeben, die Generation Walkman wird ihn jedoch sofort erkennen, wenn sie ihn in Damon Albarns „Lonely Press Play“ hört. Der 46Jährige setzt das Geräusch in der ersten Minute des Songs zweimal ein, gefolgt von kurzen Pausen, und addiert danach jeweils ein neues Element: erst das träumerische Klavier-Leitmotiv, dann seinen Gesang. Im sprunghaft-assoziativen Text geht es unter anderem um ein unentschlossenes Herz – gespielt von einer pochenden Bassline. Das erste Wort heißt übersetzt Herzrhythmusstörung, und ganz am Ende des im sanften Ruhepuls von etwa 65 Beats per Minute gehaltenen Songs klingt die Bassdrum tatsächlich wie ein plötzlich stolperndes Herz.

"Everyday Robots": Dieses Album ist eine Herzensangelegenheit

Das Album „Everyday Robots“, dessen zweite Singleauskopplung „Lonely Press Play“ ist, bleibt fast die ganze Zeit über in diesem langsamen bis mittleren Tempo. Herz-Anspielungen gibt es auf textlicher wie rhythmischer Ebene noch einige Male – ohne dass das jemals aufdringlich rüberkäme. Es ist Albarns elegant-beiläufige Weise zu sagen, dass es sich bei dieser zusammen mit XL-Recordings-Chef Richard Russell aufgenommenen Platte um eine Herzensangelegenheit handelt. In seiner 25-jährigen Karriere ist es das erste Mal, dass sein Name und nicht der einer Gruppe vorne auf einem Cover steht – vergleichsweise klein allerdings. Rechts unten in der Ecke sitzt der Musiker zusammengesackt auf einem Hocker und starrt in den Boden. Die halb abgewandte Pose passt gut zu diesem introspektiven, wieder einmal großartigen Werk des Londoners, der sich seit dem Ende seiner Band Blur vor zehn Jahren zu einem dauerkreativen Pop-Genie von fast schon beängstigender Vielseitigkeit entwickelt hat.

Dabei waren es immer wieder Kollaborationen und Reisen, die ihn zu Höchstleistung anspornten. Für die Cartoon-Band Gorillaz schrieb er Hits wie „Clint Eastwood“ und „Dare“ und hatte erstmals auch in den USA größeren Erfolg. In Formationen wie The Good The Bad & The Queen oder Rocket Juice & The Moon versammelte er Musiker verschiedener Genres und Kontinente – darunter Tony Allen, Paul Simonon und Flea – und unternahm mit ihnen schillernde Sound-Exkursionen. Selbst als er sich mit Beiträgen zu zwei Opern weit rauswagte, waren die Ergebnisse immer hörenswert, nie peinlich.

Spannend sind auch seine Projekte mit afrikanischen Musikern, die weit über exotisierendes Weltmusik-Geplänkel und oberflächliches Genre-Crossover hinausgehen. Alben wie „Mali Music“ oder „ Kinshasa One Two“ zeigen das. Wirklich zuhören und durch Musik kommunizieren – bei Albarn ist das mehr als ein Spruch. Zu dieser Sensiblität hat sein liberales Elternhaus einiges beigetragen. Sowohl Mutter Hazel als auch Vater Keith waren künstlerisch tätig und unterrichteten Kunst. Bei ihnen zu Hause im multikulturellen Ost-Londoner Stadtteil Leytonstone lief Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger vor allem indische und arabische Musik, aber auch aktueller Rock und Pop. Keith Albarn managte eine Zeit lang die Band Soft Machine. Sein Sohn begann früh, sich für Musik zu interessieren und lernte Klavier, Violine und Gitarre spielen.

Der Chorgesang in den Kirchen hat ihn musikalisch sozialisiert.

Eine wichtige Größe in seiner musikalischen Sozialisation waren Kirchen, obwohl die Familie nicht sonderlich religiös war. So spielte Damon Albarn als Jugendlicher gern Samstagvormittags – ganz allein – die Orgel einer kleinen Kirche im ländlichen Aldham bei Colchester, wohin er mit seinen Eltern und seiner jüngeren Schwester 1977 gezogen war. In seiner alten, später sehr vermissten Londoner Nachbarschaft hatte ihn der Chorgesang fasziniert, der sonntags aus der Pentecostal City Mission Church drang. In einer kürzlich entstandenen BBC-Dokumentation erinnert er sich lebhaft daran, wie er immer mit dem Fahrrad auf der Straße stand und zuhörte: „Ich nehme an, etwas hat mich in meiner Seele berührt“.

Der heutige Chor dieser Pfingstgemeinde ist nun auf seinem neuen Album zu hören. Er begleitet die fröhliche Gospel-Pop-Nummer „Mr. Tembo“, die Albarn für einen verwaisten Baby-Elefanten aus Tansania geschrieben hat. Er lebt in einem Wildpark, der von Freunden Albarns betrieben wird. Seine Betreuer schauen gerne Gospel-TV, weshalb Albarn dachte, Mister Tembo könnte dieser von Ukulele und Rasseln begleitete Song gefallen.

Damon Albarn schreibt seinen Soundkosmos fort und wirft einen Blick zurück auf sein Leben

Zwischen den durchweg ernst-melancholischen Stücken von „Everyday Robots“ wirkt „Mr. Tembo“ wie ein kleiner Stimmungsaufheller – wobei die Platte keineswegs ein Runterzieher ist. Albarn schreibt seinen in der letzten Dekade entwickelten Soundkosmos konzentriert fort und wirft dabei einen Blick zurück auf sein Leben. Er habe eine „regelrechte Epiphanie im Vorfeld dieser Platte“ gehabt, sagte er der „Spex“. Er habe erkannt, dass „die Gründe für das, was ich heute tue, in meiner Vergangenheit liegen.“ Die Auseinandersetzung mit dieser Zeit habe ihn mit vielen Dingen versöhnt. Dabei ergab sich ein weiterer thematischer Fokus des Albums: die Auswirkungen moderner Technik auf den Alltag. Technik, die es in Albarns analoger Jugend noch nicht gab. So geht es etwa im Titelsong darum, wie Smartphones die Menschen zu Robotern machen. Albarn selber benutzt zwar kein Smartphone, dafür ist ein Tablet sein ständiger Begleiter. Er hat sogar schon ein ganzes Album damit aufgenommen.

Auch als er für „Everyday Robots“ an die Orte seiner Kindheit zurückkehrte, filmte er alles mit der iPad-Kamera, einige Soundsampels sind auf der Platte zu hören. Etwa in „Hollow Ponds“, das nach einem Teich benannt ist. Im heißen Sommer 1976 gingen die Londoner hier baden, wie Albarn singt. Ab 1979 hörte er eine andere Schulklingel und „Modern Life was sprayed on a wall in 1993“, eine Anspielung auf das im gleichen Jahr veröffentlichte zweite Blur-Album. Im letzten Viertel überführt eine klagende Trompete das Stück in ein finster dräuendes Finale, bei dem eine aus Leytonstone abfahrende U-Bahn zu hören ist. Ganz so, als beschwöre Albarn hier noch einmal seine kindliche Trauer über den Abschied aus dem geliebten Multikulti-Viertel und seinen Schock, in eine konservative, sehr englische Gegend verpflanzt zu werden.

Ähnlich düster geht es im Siebenminüter „You & Me“ zu, in dem Albarn begleitet von einem sparsamen Beat, fiepsendem Synthie und einer gezupften Akustikgitarre über seine Drogenzeit singt: „Tinfoil and a lighter/The ship across/Five days on and two days off“. Ausgetrieben wird der Heroin-Teufel durch ein Steeldrum-Solo, das Stück startet nach etwas über vier Minuten mit der betörend schön gesungenen Zeile „You can blame me blame me blame“ noch einmal neu. Es ist einer dieser sanften Zaubermomente, die ihm seit dem letzten Blur-Album „Think Tank“ immer wieder gelingen und wegen denen man ihn einfach lieben muss.

Inzwischen ist Albarn lange clean, sein „five days on“ bezieht sich heute höchstens noch auf seine striktes Arbeitsethos: Wochentags von 10 bis 18 Uhr arbeitet er, am Wochenende ist frei. Selbst mit seinem alten Intimfeind Noel Gallagher von der damaligen Britpop-Konkurrenz Oasis pflegt er mittlerweile einen freundschaftlichen Kontakt. Die Hoffnungen auf ein neues Album von Blur, mit denen er letztes Jahr einen triumphalen Auftritt beim Berlin Festival hinlegte, hat er allerdings wieder gedämpft. Keine Zeit.

Schmerzlindernd kann „Everyday Robots“ angewendet werden – vor allem der letzte Song „Heavy Seas Of Love“. Er klingt wie ein modernes Kirchenlied, bei dem Brian Eno die langsamen Strophen singt, auf die Albarn mit dem Chor mit einer grandios-explosiven Popmelodie antworten. Dazu Klavier und Claps, sofort mitsingbar. Das ist so mitreißend, dass die Anhänger der Albarn-Kirche sicher in der Seele berührt werden . Und vielleicht kommen noch ein paar neue Gemeindemitglieder dazu.

„Everyday Robots“ erscheint am Freitag, 25. April bei Parlophone/Warner. An diesem Tag wird es auch im Soundcheck auf Radio Eins (21 bis 23 Uhr) besprochen. Konzert von Damon Albarn im Astra Kulturhaus am 30. Juni

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