Kongress "Fokus Lyrik" : Ausritte auf dem Silbenhengst

Nationale Leistungsschau und soziale Demonstration: Eindrücke vom Frankfurter Festivalkongress „Fokus Lyrik“.

Zeremonienmeisterin. Von Monika Rinck, 49, ist bei Kookbooks gerade der Band „Alle Türen auf“ erschienen.
Zeremonienmeisterin. Von Monika Rinck, 49, ist bei Kookbooks gerade der Band „Alle Türen auf“ erschienen.Foto: Gene Glover/Agentur Focus

Am Freitagmittag, während die Sonne über dem Frankfurter Römer die frisch aus dem Boden gestampfte Altstadt in ihrer ganzen abwischfesten Künstlichkeit erstrahlen lässt, teilt der Berliner Dichter Max Czollek auf Facebook mit: „Wir vom #fokuslyrik-Kongress fordern, dass die Lyrik nicht marktförmig wird, sondern dass der Markt lyrikförmig wird. Containerschiffe als freie Verse. Kursverläufe als konkrete Poesie. Supermarktregale als Lyrikautomaten.“

Als Weltumdeutungsfantasie hat das jenen ironischen Charme, der den Reiz zeitgenössischer Poesie ausmachen kann: Seht die Dinge doch einmal anders herum! Treibt ihnen die Schwere aus! Vielleicht haben sie ja ein Einsehen! Aber spätestens am Sonntag, zum Abschluss des viertägigen, größtenteils öffentlichen Festivalkongresses von über 120 Akteuren aus allen Bereichen des Gewerbes von der Produktion bis zur Distribution, ist es mit der Leichtigkeit vorbei.

Dabei sind die am Ende vorgestellten „Frankfurter Positionen zur Lage und Zukunft der Lyrik“ (PDF unter www.frankfurt.de) nur noch der heruntermoderierte Schatten eines Forderungskataloges, dem in den vorhergehenden Roundtables zumindest von Seiten der deutschen Dichter und Dichterinnen ein verzweifelter Ernst zugrunde lag. Offenbar erträumt sich ein nicht unerheblicher Teil von ihnen ein bedingungsloses Grundeinkommen. Was so manche prekäre Situation auf einen Schlag verbessern würde, ist indes nicht nur in seinen gesamtgesellschaftlichen Folgen fragwürdig. Auch seine Auswirkungen auf die Lyrikszene sind zwiespältig. Sie hätten den Charakter eines besinnungslosen Grundeinkommens.

Professionalisierung oder Nische?

Programmleiterin Sonja Vandenrath bezeichnet die Alternative von Professionalisierung und Nischendasein am Eröffnungsabend zu Recht als falsch. Mit dem staatlicherseits rundum gebadeten und gewickelten Vollzeitlyriker würde man indes sowohl einer fatalen Deprofessionalisierung als auch der marktblinden Verbreiterung der Nische Vorschub leisten.

Es ist schwer einzusehen, warum nicht jeder Lyriker – die erfolgreicheren, gnadenlos beneideten machen es vor – seine handwerklichen Talente auf ein größeres literarisches und publizistisches Feld ausdehnen sollte. Nur in vielen Rollen ist ein Leben als freier Autor überhaupt denkbar.

Die klügeren Ansatzpunkte, und „Fokus Lyrik“ liefert dazu wertvolle Anregungen, liegen in der Schule, wo bornierte, allzu ehrfürchtige oder gewaltsam deutungsbeflissene Lehrer ihren Schülern das Vergnügen an Gedichten vorschnell austreiben.

Sie werfen ihnen all jene Knüppel zwischen die Beine, über die sie selbst bereits während des Studiums gestolpert sind. So reparieren die Universitäten einerseits die didaktischen Folgeschäden und sind andererseits aufgefordert, die eigenen Berührungsängste abzubauen. Möglich wird das nur, wenn die Welten von Praxis und Theorie mit barrierefreiem Zugang weiter aufeinander zuwachsen.

Zeit für erste Bilanzen

Die Zeit ist reif dafür. Denn wenn in der jüngsten deutschen Literatur sprachlich und intellektuell etwas gärt und es etwas gibt, das den Vergleich mit Fremdsprachigem nicht scheuen muss, dann findet es sich eher in der Lyrik als in der Prosa. Nach den Gründungserklärungen, die 2003 mit der Anthologie „Lyrik von jetzt“ ihren Ausgang nahmen, hat inzwischen die Phase der Historisierung und der Bilanzierung eingesetzt – und mit ihr der Wunsch nach sozialer Anerkennung. Steffen Popp, eine Zentralgestalt der Berliner Szene, hat mit der Sammlung „Spitzen“ (Suhrkamp) erst im letzten Herbst seine persönliche „Hall of Fame“ vorgestellt: ein polyphones „Parlament sprachlicher Wundertiere“, anhand dessen sich jeder ein Bild von den Möglichkeiten der Gattung machen kann.

Zeremonienmeister. Tristan Marquardt, 31. hat bei Kookbooks im letzten Herbst "scrollen in tiefsee" veröffentlicht.
Zeremonienmeister. Tristan Marquardt, 31. hat bei Kookbooks im letzten Herbst "scrollen in tiefsee" veröffentlicht.Foto: Katja Zimmermann

Michael Braun und Hans Thill haben parallel mit der Anthologie „Aus Mangel an Beweisen“ (Wunderhorn) einen Rückblick auf die Zeit zwischen 2008 und 2018 vorgelegt. Mit „Poetisch denken“ (S. Fischer) hat sich der Literaturwissenschaftler Christian Metz, ausgehend von Monika Rinck, Ann Cotten, Jan Wagner und Steffen Popp, in Einzelstudien an einer Gesamttheorie der „neuen Leute“ versucht. Mit „Grand Tour“ schließlich, den von Jan Wagner und Federico Italiano herausgegebenen „Reisen durch die junge Literatur Europas“ (Hanser), erscheint dieser Tage eine neue Sammlung. Sie bildet nicht nur die neuen Netzwerke ab, sondern umreißt auch einen Kanon , wie ihn zuletzt Joachim Sartorius mit dem „Atlas der neuen Poesie“ und Hans Magnus Enzensberger mit dem „Museum der modernen Poesie“ geschaffen haben.

Das Kulturreferat der Stadt Frankfurt und die mitveranstaltende Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung fanden ihren Hauptförderer in der Kulturstiftung des Bundes. Friederike Tappe-Hornbostel boxte die Idee, zum ersten Mal so viele nationale (und in Teilen internationale) Kräfte wie möglich zu versammeln, über Jahre hinweg durch. Ohne die beiden Kuratoren Monika Rinck und Tristan Marquardt hätte „Fokus Lyrik“ allerdings keine Handschrift bekommen.

Grummelnde und Ausgebremste

Sie, die freundliche Sphinx der erratischen Fügung, und er, der Lässige mit der Basecap, der zuletzt den Minnesang ins 21. Jahrhundert rettete, entstammen mit knapp 20 Jahren Altersunterschied zwei Generationen und Geschlechtern, stehen aber gemeinsam für die Kookbooks-Welt, jenen Verlag, von dem die Aufbruchsbewegung ausging. Auch wenn der Festivalkongress am Ende vor allem eine soziale Demonstration war, hätte es der ästhetischen Überzeugungskraft gedient, die Eingeschränktheit der eigenen Auswahl offensiv zu vertreten, statt hinter den vermeintlich repräsentativen Kulissen regional Grummelnde, durch ihr höheres Alter Ausgebremste und von einem anderen stilistischen Ansatz her Beleidigte zurückzulassen. Doch auch so herrschte eine verwirrende Vielfalt, der kein einzelner Besucher gerecht werden konnte.

Da ist der Anfang mit der über das Anfangen reflektierenden Barbara Köhler, der Dichterin, die Eugen Gomringers auf der Fassade der Berliner Alice-Salomon-Hochschule noch immer durchscheinendes „Avenidas“-Gedicht in ihrer feministisch-sprachkritischen Art raffiniert überschrieben hat. Da ist die öffentlich inszenierte Jurysitzung, die jeden Misstrauischen hätte lehren können, mit welchem skrupulösen Ernst eine kundige Jury über Lyrik streitet: Am Ende wird Sebastian Unger ganz real für sein Debüt „Die Tiere wissen noch nicht Bescheid“ (Matthes & Seitz) ausgezeichnet. Oder die eintägige Ringvorlesung zur Geschichte der deutschen Lyrik im fliegenden Wechsel der Professoren.

Überhaupt ist die Literaturwissenschaft zur Gegenwart hin aufgewacht – immer in der selbsterkannten Gefahr, einem unhistorischen „Präsentismus“ zu verfallen. Die kleine Trierer Universität hat ein millionenschweres DFG-Projekt an Land gezogen (www.lyrik-in-transition.uni-trier.de), das die Sprach- und Kulturgrenzen in einer transnationalen Welt jenseits von Heimat und Exil neu vermisst. Ausgehend von der russischsprachigen Lyrik richtet sich der Blick nach Deutschland, nach Japan und nach China, auf eine Weise, wie er in dieser Offenheit noch nie stattgefunden hat.

Ich bin ein Grubenpony

Ja, alles ist offener geworden, sagt auch die Dichterin Swantje Lichtenstein, im Hauptberuf Professorin an der Hochschule Düsseldorf: Man hat heute die Wahl seine Ahnen zu bestimmen. Ich bin in einem Kontinuum und versuche mich dennoch als Unikum. Sie sagt das als Übersetzerin und Befürworterin von Kenneth Goldsmiths „Uncreative Writing“, einem kombinatorischen Copy- und Paste-Verfahren, das sich dem überkommenen Genie- und Originalitätskult verweigert.

Wie anders wiederum der Schweizer Improvisationsdichter Michael Fehr, der sich in der oralen Tradition der schwarzen Bluesbarden sieht. Ich bin kein Silberhengst, sondern ein Grubenpony, sagt er. Vielleicht meinte er auch einen Silbenhengst, jedenfalls ist das Geschriebene nicht sein erstes Ziel: Ich bin eine Ableitung des Buches. Von der Breitenwirkung der indisch-kanadischen Schriftstellerin Rupi Kaur, deren Band „Die Blüten der Sonne“ (S. Fischer) gleich nach Reiner Kunzes späten Gedichten auch hierzulande der Verkaufshit des Jahres war, ist das weit entfernt.

Mit 3,6 Millionen Followern auf Instagram ist ihr Erfolg freilich nur eine Ableitung des Internets. Ihre von keinem tieferen Formgedanken angekränkelte Herzensergießung einer Liebesversehrten ist das Gegenteil dessen, was auch nur einer der in Frankfurt anwesenden Dichter unter Poesie verstehen würde. Doch Kaurs Erfolg zeugt davon, dass es ein Sensorium für diese Art des Sprechens gibt, die man nicht geringschätzen soll. Wie wäre es, daraus Kapital zu schlagen und einen deutschen poet laureate wie in England oder den USA zu küren, der nebenbei auch für die zeitgenössischen Standards einsteht?

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