• Konzert in Kreuzberg: Ady Suleiman verwandelt das Mae zum Refugium für leidgeprüfte Balladen

Konzert in Kreuzberg : Ady Suleiman verwandelt das Mae zum Refugium für leidgeprüfte Balladen

Keine Angst vor Angstzuständen: Aly Suleiman singt über persönliche Themen, ergreifend klar, ohne Pathos. In Berlin präsentiert er sein Debütalbum.

Singt wie eine alte Seele. Ady Suleiman.
Singt wie eine alte Seele. Ady Suleiman.Foto: Promo

Manchmal kann Pop so einfach sein. Eine Stimme, ein abgehangener Reggae-Backbeat, ein paar akustische Gitarrenakkorde. Die Stimme von Ady Suleiman hat keinen großen Firlefanz nötig, sie besitzt eine solche Präsenz, dass es nur weniger Akzente bedarf, um sie zu voller Entfaltung zu bringen. Radio-Ikone Gilles Peterson hat dem heute 25-jährigen Engländer schon 2013 eine große Zukunft prophezeit. Damals stand Suleiman auf der stets verlässlichen BBC-Shortlist für kommende Pop-Hoffnungen, Chance the Rapper und der Nu-Soul-Sänger Michael Kiwanuka waren früh erklärte Fans. Nach Streitigkeiten mit seinem Major-Label dauerte es dann noch einmal vier Jahre, bis sein Debüt „Memories“ im März endlich erschien. Er veröffentlichte es am Ende selbst. Keine Kompromisse.

Verständlich, dass Ady Suleiman es unter diesen widrigen Umständen kaum glauben kann, am Mittwoch auf der kleinen Bühne des Kreuzberger Maze Clubs zu stehen. Er hätte einen größeren Rahmen verdient, aber das höhlenartige Gewölbe des Maze bietet auch eine Art Refugium für seine leidgeprüften Balladen, die sich zu großem Gefühlskino aufschwingen.

Entwaffnend einfache Songs

Das Publikum wirkt deutlich jünger als Suleiman, was verblüfft, denn „Memories“ ist alles andere als Teen-Pop. Es bedient sich bei Soul und R’n’B, Jazz-Einflüsse blitzen auf, die Songs leben vom beschwingten Spirit des Roots Reggae, seinem wichtigsten Einfluss. Aber all das sind nur Spurenelemente. Das eigentliche Wunder dieser so entwaffnend einfachen Songs besteht darin, wie leichthändig sie sich allen Kategorien entziehen, weder Retro sein wollen noch auf den Club schielen – obwohl sie in beide Richtungen funktionieren.

Suleiman, lässig im Hawaiihemd, singt wie eine alte Seele, ohne das Pathos der Jugend, sondern in einer ergreifend-klaren Sprache: über seine Angstzustände, Freundschaft und Beziehungen, zerbrochene wie offene. Wegen seiner Stimme wird er aus Hilflosigkeit öfter mit Jamiroquai verglichen, doch als er zur Zugabe für „Longing for your Love“ nur mit Akustikgitarre zurückkehrt, fühlt man sich eher an einen jungen Bill Withers erinnert. Ady Suleimans Stimme ist das Fenster zur Seele.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!