Konzertmeister der Berliner Philharmoniker : „Zusammen sind wir ein Körper“

2020 ist das Jahr der Geige. Daniel Stabrawa, Konzertmeister der Berliner Philharmoniker, über die Beziehung zu seinem Instrument, die Corona-Zwangspause und das Wesen der Schönheit.

Christina Rietz
Seit 1983 bei den Berliner Philharmonikern: Erste Geige und Konzertmeister Daniel Stabrawa.
Seit 1983 bei den Berliner Philharmonikern: Erste Geige und Konzertmeister Daniel Stabrawa.Foto: Sebastian Hänel/BPhil

Daniel Stabrawa, Jahrgang 1955, studierte Geige in seiner Heimatstadt Krakau. 1979 wurde er Konzertmeister des Polnischen Rundfunksymphonieorchesters. Vier Jahre später kam er nach Berlin und wurde Mitglied der ersten Geigen bei den Philharmonikern. Dort rückte er 1986 unter Herbert von Karajan zum Konzertmeister auf, als Nachfolger von Michel Schwalbé. Stabrawa widmet sich in verschiedenen Ensembles der Kammermusik, er tritt auch als Dirigent in Erscheinung.

Herr Stabrawa, seit Anfang März haben Sie kein Konzert mehr gegeben. Ist das die längste Zeit Ihres Lebens, in der Sie nicht aufgetreten sind?
Ja, das ist sie. Ich habe zu Hause gesessen und versucht, in Form zu bleiben. Man muss üben, sonst werden die Finger ungehorsam.

Sie trainierten für ein Spiel, das nie kam.
Ich musste. Es gibt einen Witz des Pianisten Arthur Rubinstein: Wenn ich einen Tag nicht übe, merke ich es. Wenn ich zwei Tage nicht übe, dann merken es meine Freunde. Und wenn ich drei Tage nicht übe, merkt es das Publikum. Die technische Fertigkeit leidet, das Umsetzen der Gedanken. Die Geige muss beherrscht werden.

Wie geht es Ihrer Geige?
Gut. Ich spiele eine sehr gute, italienische Geige, die mir von einem großzügigen Herrn zur Verfügung gestellt wird. Diese Geige muss immerzu benutzt werden. Sie ist zwar aus 250 Jahre altem Holz, aber sie lebt. 

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Wenn man länger nicht auf ihr spielt, ist das Holz wie tot. Alles verstummt. Ich muss meine Geige auf Trab halten. Wenn ein anderer Spieler als ich das täte, klänge sie auch anders. Jeder Spieler verändert das Instrument. Eine ausgeliehene Geige klingt nie wie die eigene. Zusammen sind wir ein Körper.

Wie war es denn, als Sie diese Geige zum ersten Mal gespielt haben?
Wir hatten ein Probe mit dem Dirigenten Zubin Mehta. In der Pause bekam ich die neue Geige. Dann spielte ich und Mehta meinte: Was ist das denn? Sie klang so, wie sie klingen wollte. Es dauerte ein Jahr, bis ich wusste, wie man sie spielt. Je besser die Geige ist, desto stärker ist ihr Charakter, desto schwieriger ist es, sie zu beherrschen.

Das heißt, Geigen wie eine Guarneri, Stradivari oder Guadagnini sind schwierige Instrumente?
Sie sind Individuen, man muss sie zwingen, so zu klingen, wie man will. Es kann aber auch sein, dass man sich mit der Zeit ganz auf sie einstellt.

„Manche Solisten verzweifeln an ihren Instrumenten“

Wie man sich in einer Beziehung aufeinander einstellt.
Absolut. Manche Solisten verzweifeln an ihren Instrumenten und sagen, ich muss was Neues haben. Das ist falsch. Man kann zur Geige nicht sagen, ich will das so und so. Man muss mitmachen. Mit meiner Geige war es schwer, ganz leise, also pianissimo zu spielen. Sie ist laut. 

Man zieht den Bogen und plötzlich tönt es wie eine Trompete. Manchmal will man aber subtil und delikat klingen. Damit das klappt, muss ich meine Geige jeden Tag berühren, sonst verliere ich den Kontakt zu ihr.

Welche Charaktereigenschaften hat sie?
Sie ist wie gesagt sehr laut. Ein Kollege sagte mal: Ich brauche eine Geige, die laut ist, schön spielen kann ich selber. Das stimmt schon. Um durchzudringen zu einem großen Publikum, braucht die Geige Power.

Diese alten Geigen wurden für die im 18. Jahrhundert neu aufkommenden virtuosen Solisten gebaut, wie Paganini einer war. Er musste ein riesiges Publikum erreichen. Das Problem: Wenn man einen Fehler macht, ist auch der sehr laut.

Es gab auch ein Leben vor der Top-Geige. Wie sind Sie als kleiner Junge in Ihrer polnischen Heimat zur Geige gekommen?
Ich war sieben Jahre alt und mein Vater kam am Nikolaustag mit einem Kasten nach Hause. Ich saß am Fenster unserer Wohnung in Krakau und sah ihn. Mein Bruder bekam die Geige im Kasten. Ich war so fasziniert, dass ich sofort selber angefangen habe. Ich hatte direkt eine Passion. 

Mein Vater, der wegen des Krieges nicht Musiker werden konnte, hat mir das Spielen dann beigebracht. Er war zwar Laie, aber er konnte das; auch Geigen bauen konnte er. Er hatte unglaubliches Talent.

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Was hat Sie an der Geige so fasziniert?
Ich weiß nicht! Eigentlich das Aussehen. Geigen sind enorm schön. Ich möchte die Schönheit der Geige mit der Schönheit meines Spiels kombinieren.

Geige lernen kann furchtbar anstrengend, langweilig und frustrierend sein.
Mein Vater sagte: Du übst 45 Minuten pro Tag. Das habe ich hingenommen. Ich habe geübt, weil ich eine Melodie schön spielen wollte. So hat mich das Üben nie gelangweilt. Je älter ich wurde, desto mehr habe ich geübt. Als Teenager war ich besessen.

Keine Teenagerfaulheit?
Nein. Nur Üben. Ich wollte aber auch Fußballspieler werden, das habe ich auch noch gemacht.

Wann war klar, dass Sie Orchestermusiker werden wollen und nicht Solist?
Das entscheidet man nicht bewusst. Außer Anne-Sophie Mutter, die war so gut, dass sie es als Kind entscheiden konnte. Ich wollte Konzerte spielen, egal mit wie vielen Leuten. Selbstdarstellung liegt mir nicht. Im Studium spielte ich am letzten Pult in einem Kammerorchester. Dafür bekam ich Geld. Da habe ich mich geschämt! Geigen, das Schönste, was man machen kann, und dafür dann Geld?

„Ein Konzertmeister muss Emotionen weitergeben“

Danach wurden Sie Konzertmeister im Krakauer Orchester. Muss ein Konzertmeister ein besonders guter Geiger sein?
Ein guter Geiger muss er sein, keine Frage. Die Abschlussprüfung in meinem Studium war die Aufnahme als Konzertmeister. Man spielt wichtige Soli, die müssen sitzen, sonst ist es peinlich. Vor allem muss man gut mit Kollegen umgehen. Es ist eine soziale Aufgabe. Einerseits ist ein Orchester fragil, braucht Verständnis.

Andererseits darf man sich nicht plattmachen lassen von großen Egos. Ich habe früher oft auf unwichtige Fragen aus dem Orchester nicht reagiert. Aber das ist falsch. Wer fragt, hat ja wirklich ein Problem. Das Wichtigste, was ein Konzertmeister benötigt, ist die Gabe, Emotionen weiterzugeben. Dazu brauchen Sie eine vibrierende innere Spannung.

Gibt es Dirigenten, die die Geige als Instrument besonders gut verstanden haben?
Jeder Dirigent muss sie als das wichtigste Instrument ansehen. Natürlich sind alle Instrumente toll, aber Geige und Klavier, das sind zwei Instrumente, die man ununterbrochen, stundenlang hören kann. Es wird nie langweilig mit ihnen. Die Geige hat so viele Klangfarben, sie ist unendlich. Von den Komponisten ist die Geige daher als wichtigstes Instrument gedacht worden. Dem muss der Dirigent entsprechen.

Sie sind Nachfolger von Karajans legendärem Konzertmeister Michel Schwalbé. Was haben Sie von ihm gelernt?
Michel war ein großartiger Mann. Sein Polnisch war herausragend schön. Nur Poeten des 19. Jahrhunderts sprachen so wie er. Seine Soli waren voller Emotion, Verständnis und Schönheit. Ich dachte, so muss man jeden Ton spielen. Als er in Rente war, hat er alle meine Konzerte besucht, die ich mit meinem Quartett gespielt habe. Eine große Ehre für mich.

Von Solisten wird erwartet, wie eine CD zu klingen

Wie hat sich das Violinspiel verändert? Es wird beklagt, dass es heute technische Brillanz gebe, aber keine Romantik mehr.
Die Schuld muss man den Medien zuschieben. Aufnahmen, die im Studio manipuliert worden sind, setzen heute den klanglichen Standard. Alles klingt perfekt. Und all die jungen Geiger wollen dann auch so klingen.

Was ist schlecht an technischer Perfektion?
Unter technischer Perfektion leidet die Schönheit des Instruments, ja die Schönheit der Kunst. Sie besteht darin, kleine, unvorhersehbare Fehler zu machen, Abweichungen von der Norm. Wir sehen ein Quadrat, aber kein perfektes, das ist schön. 

Wenn heute ein Solist auf die Bühne kommt, erwartet man von ihm, dass er spielt wie auf einer CD. Die allerwenigsten können beides, Emotion und Perfektion. Itzhak Perlman kann es. Er spielt so schön wie kein Mensch auf der Erde – und fast perfekt.

Gibt es dann noch den speziellen Streicherklang der Berliner Philharmoniker, für den Sie unter Karajan berühmt waren?
Wenn man über Traditionen spricht, weiß man nie so genau, was das eigentlich sein soll. Ich glaube, Traditionen überleben unterbewusst. Der Wille, etwas Besonderes abzuliefern, ist bei uns immer vorhanden. Wenn wir einen guten Dirigenten haben, dann spricht der Dirigent dieses Unterbewusstsein an. Das gibt dann den speziellen Sound.

Schöner spielen, um Schmerz zu verhindern

Hatten Sie je eine Krise mit Ihrer Geige?
Die hat man eigentlich immer, deshalb übt man (lacht). Es ist schon ein Kampf, man ist halt unzureichend. Ich hatte mal eine Sehnenscheidenentzündung links. Es hat gequietscht und wehgetan. Ich bin aber mit Gewinn da raus. Die Schmerzen blieben nämlich. Um sie zu beherrschen, habe ich meine Technik verändert. Ich benutze jetzt weniger Kraft; um den Schmerz zu verhindern, habe ich quasi gelernt, schöner zu spielen.

Die nächste Saison wird Ihre letzte sein. Sind Sie schon traurig?
Ich verabschiede mich sehr langsam. Ende Mai hatte ich ein Solokonzert, das wir leider nur streamen konnten. Das sollte mein letztes Konzert als Solist der Berliner Philharmoniker sein. Die kommende Saison wird dann peu à peu zum Abschied. Wenn ich die nächste Saison beende, werde ich gar nicht wissen: Bin ich pensioniert? Spiele ich noch?

Sie machen das wie mit Drogen, die man langsam ausschleicht.
Man muss sich das langsam abgewöhnen.

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Wir hatten Probespiele, fanden aber niemanden. Ich will nicht unbedingt mehr dabei sein. Sehen Sie, es kommt die nächste Generation. Ich bin die Vergangenheit. Was kommt, wird gut, besser, anders.

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