Koskys "Candide" : Sternschnuppenleuchten

Übertreibung, Parodie und Energie: Barrie Kosky inszeniert Leonard Bernsteins „Candide“ an der Komischen Oper.

Tenor Allan Clayton (Mitte) in der Titelrolle.
Tenor Allan Clayton (Mitte) in der Titelrolle.Foto: Monika Rittershaus

Das Ding ist riesig. Ein grau durchwirktes Wollknäuel, staubig, zopfig, es muss unglaublich schwer sein: Die Last der Tradition? Wollte Voltaire als Vordenker der Aufklärung die nicht gerade beiseite fegen? Und tatsächlich entledigt sich der kleine Mensch, der unter dieser Perücke steckt und von ihr fast erdrückt wird, binnen Sekunden des gigantischen Trumms.

Es wird auch nicht wiederkehren, so wie vieles in Barrie Koskys Inszenierung von Leonard Bernsteins „Candide“ an der Komischen Oper nur kurz und sternschnuppenhaft aufleuchtet, um alsbald wieder zu erlöschen. Was dem Charakter dieses schwierigen, verworrenen Stücks ja auch ganz gut entspricht. Auftritt also Franz Hawlata in einer Doppelrolle als Erzähler Voltaire und zugleich als dessen ideologischer Gegenspieler Pangloss.

Schön wienerisch hinterfotzig ist dieser Pangloss

Hawlata stammt aus Bayern, hat aber lange an der Wiener Staatsoper gesungen, und wie er hier beide Figuren mit unverkennbarem Schmäh-Einschlag ausstattet, bei Pangloss vor allem das „l“ mit einer herzhaften, fast ins Tschechische ausufernden, sackartigen Breite und Tiefe in den Saal gleiten lässt, das hat große Klasse. Schön wienerisch hinterfotzig ist dieser Pangloss, die Ironie schimmert bei ihm aus jeder Silbe, in keinem Moment kann man sich sicher sein, ob er wirklich an das glaubt, was er da seinem armen Schüler Candide eintrichtert, auch als er selbst schon an der Syphilis erkrankt ist: dass alles Übel in der Welt letztlich seinen Sinn hat, weil es nur zum Guten hinführt.

Pangloss ist eine vom realen, historischen Voltaire in dessen satirischem Roman „Candide ou l’optimisme“ (1759) entworfene Karikatur von Gottfried Wilhelm Leibniz und dessen oft missverstandener Lehre, wir würden in der „besten aller möglichen Welten“ leben. In einem seltsamen Twist der Geistesgeschichte wurde damals ausgerechnet aus Frankreich der deutschen Philosophie, die oft den Ruf der weltfremden Gedankenschwere hat, zu viel naiver Optimismus vorgeworfen.

Seit der Uraufführung 1956 taten sich die Bühnen schwer mit „Candide“

Seltsam war auch, dass sich Bernstein nach seinem Welterfolg mit der „West Side Story“ ausgerechnet diesem für ein Musical ungewöhnlichen Stoff zuwandte. Eine Rolle dabei mag seine lebenslange Sehnsucht gespielt haben, als klassischer Komponist ernst genommen zu werden, die ihn später auch die großen Symphonien schreiben ließ. Seit der Uraufführung 1956 taten sich die Bühnen trotz teils mitreißender musikalischer Einfälle schwer mit „Candide“.

Die krude Story um einen hoffnungslos optimistischen Jüngling, der durch die Welt taumelt und auch angesichts schlimmster Katastrophen nicht von Pangloss’ Lehre lassen will, wollte sich einfach nicht bändigen lassen. Auch, weil musikalisch so viel Unvereinbares drin steckt: Vaudeville, Mahlersche Walzerzertrümmerung, barocke Exaltiertheit, Operette, große Oper. Einen Generalschlüssel dafür gibt es nicht. Im Jubiläumsjahr Bernsteins will Barrie Kosky in einer deutschsprachigen Fassung von Martin G. Berger die Flucht nach vorne antreten: „Man muss diese musikalische Schizophrenie zelebrieren“, sagt der Intendant, der seine 25. Inszenierung an der Komischen Oper abliefert.

Der englische Tenor Allan Clayton als Candide.
Der englische Tenor Allan Clayton als Candide.Foto: Monika Rittershaus

Also schärft er an, treibt aber viele Szenen parodistisch auf die Spitze, auch wenn er die Spannung nicht immer durchhalten kann – alles in der Hoffnung, dass das Disparate für sich spricht und letztlich doch auf einer höheren Ebene eine Einheit bildet. Gut gearbeitet ist das, die Übergänge sitzen, es geht Schlag auf Schlag: Monströse Ventilatoren beim Erdbeben in Lissabon, ein wogendes Sombrero- Meer in Spanien, poetischer Goldflitterregen in Eldorado, Tanz der Pierrots in einem nachtschattenen Venedig.

Die Kostüme von Klaus Bruns sind unfassbar vielfältig

Alles ereignet sich auf schwarzer, weitgehend leergeräumter Bühne, was automatisch den Schwerpunkt der Aufmerksamkeit auf die unfassbar vielfältigen Kostüme legt, die Klaus Bruns in einem Kreativitätsrausch entworfen hat, von der schülerhaften Lederhose bis zum Outfit der bulgarischen Soldaten. Trotzdem hat Bühnenbildnerin Rebecca Ringst gut zu tun, zum Beispiel türmt sich in der Portugal-Szene eine Hinrichtungsstätte auf („Juchhe, heute gehe ich zum Autodafé“). An ihr wird nicht nur, wie von Bernstein und seiner Librettistin Lillian Hellman vorgesehen, Candide ausgepeitscht und Pangloss gehängt. Kosky lässt zusätzlich auch Geflüchtete und Juden von einem Maschinengewehr niedermähen. Rabenschwarz wird es hier, die Satire ist kaum noch als solche wahrnehmbar. Die Auseinandersetzung nicht nur mit Antisemitismus, sondern überhaupt mit dem Hass auf alles, was anders ist – sie begleitet Kosky nicht erst seit seiner Bayreuther „Meistersinger-Inszenierung“.

Was fehlt, ist eine Wandlung der Figur

Zwischen all dem Ungemach kriecht und schlurft Candide mehr, als dass er läuft. Jünglingshaft und unbeschwert ist an Allan Clayton nur die tenoral-schlanke Stimme, sein recht gewichtiges Äußeres widerspricht den Erwartungen an eine Candide-Figur radikal. Es ist, als hätte sich dieser Antiheld schon von Beginn an aufgegeben, nähere Auskünfte darüber, ob der Stresstest sein Weltbild ins Wanken bringt, sind von ihm nicht zu erwarten. Was – allerdings schon in Bernsteins Vorlage – fehlt, ist eine irgendwie geartete wagnersche Wandlung, die Metamorphose vom reinen Tor zum Gralsritter.

Viel mehr als bei der Titelfigur geht Koskys Strategie der gezielten Übertreibung bei Kunigunde auf, der Geliebten Candides seit Schülertagen. Die gewohnt fulminante Nicole Chevalier lässt keine Sekunde aus, Hysterie in all ihren Facetten zu beleuchten, und kann natürlich vor allem in der berühmten, barocke Vorbilder karikierenden Turbo-Koloraturarie „Glitter And Be Gay“ punkten, auch wenn ihr gegen Ende ein bisschen die Puste ausgeht. Den puren Zynismus dieses Augenblicks, der mit Glücklichsein so viel zu tun hat wie Donald Trump mit Klimapolitik, ist vielleicht von noch keinem Regisseur so bitter und wahrhaftig gezeigt worden: Chevalier singt auf einem Tisch, angelehnt an einen Dancepole. Denn sie ist Hure, für zwei Herren gleichzeitig.

Otto Pichler hat die Tanzszenen hervorragend choreografiert

Kapellmeister Jordan de Souza treibt das Orchester in der Ouvertüre zunächst zu einem knackig-krachledernen Sound an, der sich aber später rundet und sanfter wird, viel Raum lässt für Stimmen, Stimmungen, Gefühle. So geben denn viele Beteiligte ihr Äußerstes: der von David Cavelius einstudierte, zugkräftig singende und spielende Chor, eine von Otto Pichler hervorragend choreografierte Tänzergruppe, Anne Sofie von Otter als in ihrer Zerbrechlichkeit starke alte Frau, Tom Erik Lie als Martin, Candides grundpessimistischer Begleiter im zweiten Akt.

Und doch mündet diese kollektive Kraftanstrengung in einen eigenartigen Leerlauf. Candide bestellt am Ende mit Kunigunde den Garten, wird endgültig zu der Pflanze, die er schon immer war. Für ihn ist nichts Besseres drin. Für den Besucher auch nicht. Der erfährt auch diesmal nicht wesentlich mehr über diesen kuriosen Candide, über seine Kraftquellen, seine Hoffnungen und Illusionen – und über die Frage, ob Optimismus möglicherweise doch das Einzige ist, was uns retten kann.

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