Kultur in der Coronakrise : „Der kreative Prozess kommt zu kurz“

Freie Gruppen fördern und für Kontinuität sorgen: Bundeskulturstiftungs-Chefin Hortensia Völckers über Kommunikation und Förderung in der Krise.

Hortensia Völckers, 1957 in Argentinien geboren, ist seit 2002 künstlerische Direktion der Bundeskulturstiftung in Halle.
Hortensia Völckers, 1957 in Argentinien geboren, ist seit 2002 künstlerische Direktion der Bundeskulturstiftung in Halle.Foto: Falk Wenzel

Frau Völckers, landauf, landab haben die Bühnen notgedrungen auf digitale Präsenz umgestellt. Selbst das Theatertreffen – eins der Leuchtturmprojekte der Kulturstiftung des Bundes – fand in diesem Jahr nur virtuell statt. Wie fanden Sie diese Form?
Ich habe die Eröffnung gesehen und fand sie gut. Beim „Hamlet“ bin ich zwei Stunden vor meinem kleinen Rechner sitzen geblieben. Das funktionierte. Aber worüber reden wir? Der Auflauf, die Begegnungen mit Menschen, das manchmal stundenlange Sitzen im Haus der Berliner Festspiele – das alles ist nicht ersetzbar. Dennoch war es eine würdige und auch eine über Erwarten nachgefragte Lösung in diesen komplizierten Zeiten. Ich wäre traurig gewesen, wenn das Theatertreffen komplett hätte ausfallen müssen. Das Theater soll präsent bleiben, so gut es geht. Und die Menschen sollen in Arbeit bleiben. Das ist die Linie bei all unseren geförderten Projekten.

Ist das Streaming als Zukunftsmodell fürs Theater denkbar?
Es wird eine Form sein, die sich neben dem Gewohnten etabliert. Zumindest stelle ich mir das so vor. Wir haben all unseren Partnern gesagt: Verschiebt eure Projekte, sucht nach Ersatz, Hauptsache, ihr bleibt sichtbar. Alle befinden sich momentan in einer Lernphase, für die Häuser und Gruppen ist es ein großes Laboratorium. Und für die Zuschauer stellt sich die Frage, worauf sie abends noch Lust haben. Wer tagsüber sechs oder sieben Stunden in Zoom-Meetings verbracht hat, möchte vielleicht nicht noch länger in den Kasten gucken. So geht es mir jedenfalls oft.

Sie unterstützen ja auch den digitalen Wandel in Kulturinstitutionen mit einem eigenen Programm. Wie gut sind die Theater aufgestellt?
Generell sind die Museen hier sicher weiter, weil sie sich schon länger mit der Digitalisierung ihrer Sammlungen beschäftigen. Aber bei vielen Theatern ist doch Bewegung zu sehen. Aus dem Fonds Digital fördern wir zum Beispiel ein Projekt der Komischen Oper und des Berliner Ensembles, die gemeinsam nach virtuellen Erlebnisräumen suchen.

In der früheren Intendanz des BE wurde das Digitale weniger groß geschrieben.
An vielen Häusern war ja eher die Haltung verbreitet: Wozu brauchen wir das, für uns ist das Analoge das Normale und das Unverzichtbare. Jetzt gibt es keinen normalen Betrieb mehr, und die Künstlerinnen und Künstler sind gezwungen, sich neue Formate auszudenken. Ich weiß nicht, ob das einen Fortschritt bedeutet. Aber es ist eine Innovation. Egal ob Theater oder Museum – es stellt sich doch für alle die Frage, wie sie unter den jetzigen Bedingungen ihr Publikum erreichen und ihren Betrieb sichern können.

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Bedeutet die Coronakrise für eine Institution wie die Kulturstiftung des Bundes nicht einen logistischen Albtraum?
Nein, das ist kein Albtraum. Nach den ersten Tagen in kompletter Schockstarre haben wir begonnen, mit 140 akut betroffenen Partnern zu telefonieren. 60 Leute arbeiten bei uns im Homeoffice, sie schreiben mir Mails zu allen Tages- und Nachtzeiten, manchmal denke ich mir als Chefin schon, ich muss sie in ihrem Eifer bremsen! (lacht) Das Organisatorische funktioniert jedenfalls bestens. Was zu kurz kommt, ist der kreative Prozess, der mir so am Herzen liegt, das gemeinsame Entwickeln von Ideen mit unseren Mitarbeitern, die zusammen die gesamte deutsche Kulturlandschaft im Blick haben. Miteinander zu denken, das finde ich digital extrem schwierig.

Wie können Sie den Förderempfängern konkret helfen, zum Beispiel den freien Gruppen, die im Fonds Doppelpass gefördert werden?
Für die freien Gruppen ist die Lage natürlich prekär. Unser Ziel war von Anfang an, ihnen möglichst unbürokratisch zu helfen. Zum Beispiel, indem wir Förderzeiträume verlängern und Verschiebungen ihrer Projekte ermöglichen. Das ist normalerweise ein großer bürokratischer Akt, für den wir unseren Stiftungsrat hinzuziehen müssen. Wir haben aber vom Staatsministerium für Kultur und Medien freie Hand bekommen. Die Frage bleibt trotzdem: Wie überstehen die freien Gruppen die Zwischenzeit?

Was ja nicht zuletzt eine finanzielle Frage ist.
Wir haben dafür gerade das Stipendienprogramm „Reload“ aufgelegt, das mit 3,25 Millionen Euro ausgestattet ist. Vergeben werden 130 Stipendien zu je 25 000 Euro an freie Gruppen aus den Sparten Musik, Tanz und Theater, die seit mindestens drei Jahren zusammenarbeiten. Entscheiden wird eine dreiköpfige Jury. Wir sind gespannt, wie viele Anträge uns erreichen.

Ein großes Thema für freie Künstlerinnen und Künstler sind Ausfallhonorare…
Ja, diesbezüglich herrscht viel Verwirrung. Manche Theater haben den nicht fest Angestellten die vereinbarten Honorare ausbezahlt, andere nicht, das wird je nach Bundesland unterschiedlich gehandhabt. Der Deutsche Bühnenverein hat momentan gut zu tun, weil die Intendanten so verschieden agieren, wobei die sich wiederum auf die Vorgaben berufen, die sie von ihrer jeweiligen Landesregierung bekommen.

Dürfen von den Fördermitteln der Kulturstiftung des Bundes Ausfallhonorare gezahlt werden?
Ja. Monika Grütters hat schwer darum gekämpft, das möglich zu machen. Sie müssen sich das so vorstellen: Wenn wir im „Fonds Doppelpass“ die Kooperation zwischen einem Haus und einer freien Gruppe fördern, muss die Institution einen Eigenanteil von 20 Prozent aufbringen, komplementär zu unserer Förderung. Auch mit dem Anteil der Kulturstiftung dürfen die Häuser nun in einem bestimmten Umfang Ausfallhonorare an die Künstler zahlen.

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Viele selbständige Künstlerinnen und Künstler hätten sich vom Bund mehr Hilfe erwartet. Wer in existenzielle Not gerät, dem bleibt nur, Grundsicherung zu beantragen.
Ich weiß, dass viele das nicht wollen und argumentieren, sie seien ja nicht arbeitslos, sie könnten nur ihre Arbeit nicht zeigen oder damit Einnahmen erzielen. Es gibt inzwischen neben der Grundsicherung im Sozialschutz-Paket eine ganze Reihe weiterer Maßnahmen, auch in den Ländern. Ich denke schon, dass Künstler eine Art Sonderstatus für sich geltend machen können. Unter dem Strich ließe sich alles zusammengenommen positiv als ein Schritt zum bedingungslosen Grundeinkommen verstehen, das für viele Kulturschaffende eine echte Perspektive ist. Mit unserem Stipendienprogramm „Reload“ gehen wir eine Art Mittelweg zwischen Projektförderung und Existenzsicherung. Projekte in Zukunft, Förderung jetzt.

Welche Sparte ist von der Krise in Ihren Augen am härtesten getroffen? Theater, Kinos, Museen?
Natürlich diejenigen Institutionen, in denen die Menschen normalerweise eng beieinandersitzen. Museen können den Einlass gut dosieren. Das Grüne Gewölbe kann vielleicht nicht die gleiche Besucherzahl empfangen wie früher, auch da fehlen Einnahmen. Aber der Museumsbesuch ist wieder vorstellbar geworden – im Gegensatz zu einem Opernabend. Selbst wenn wieder geöffnet wird, bleibt ja die Frage, ob die Leute sich in die Kinos und Theater trauen. Ich würde im Moment auch nicht in ein Flugzeug mit 300 anderen Menschen steigen.

Was bedeutet die gegenwärtige Situation für die internationale Ausrichtung der Kulturstiftung, zum Beispiel für den Fonds TURN, der Kooperationen zwischen Deutschland und afrikanischen Ländern fördert?
Wir sind momentan in der Planung für die zweite Ausgabe von TURN. Ich sehe es als unsere satzungsgemäße Aufgabe an, die internationalen Kooperationen lebendig zu halten. Aber es ist schwierig, für das kommende Jahr zu planen. Wird es eine digitale Zusammenarbeit, oder reisen die Leute doch und sind bereit, sich im Zweifelsfall im anderen Land für zwei Wochen in Quarantäne zu begeben? Ich bin sicher, das Reisen wird generell abnehmen. Mal eben für zwei Tage zu einer weit entfernten Biennale zu fliegen – das werden viele nicht mehr machen.

Was sind die dringlichsten Aufgaben, vor denen Sie gerade stehen?
Unsere Stiftung hat jetzt zwei Aufgaben. Die eine ist das Verhindern von Schäden für unsere Partner. Die andere ist, für Kontinuität zu sorgen. Wir machen weiter. Gerade hatten wir unsere jüngste Jurysitzung, die Juroren kamen bei uns in Halle zusammen, natürlich mit Abstand. Ich denke, die Projekte werden sich den Bedingungen anpassen. Die Künstler werden Formate vorschlagen, die wir vielleicht noch gar nicht kennen. Dafür müssen wir offen bleiben.

Zeichnen sich da schon Entwicklungen ab?
Die Anträge, die wir jetzt auf dem Tisch hatten, stammen sämtlich noch aus der Vor-Corona-Zeit. Es ist schon seltsam, sie zu lesen. Es geht viel ums Klima, um Diversität und Nachhaltigkeit. Alles Themen, die gerade auf der Agenda weit nach unten gerutscht sind. Eine Diversitätsagentin in einer Institution ist gerade nicht die Hauptperson. Aber die Themen werden uns ja weiter begleiten. Sobald der Shutdown Geschichte ist, drängen sie zurück. Die große Frage ist ja gegenwärtig, ob wir die Krise nutzen werden, um bewusster und nachhaltiger zu leben – oder ob wir weitermachen wollen wie früher.

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