Kunst und Corona : Keine Münze ist illegal

Das Künstlertrio „Die Bekenner“ setzt sich in der Elisabeth-Kirche mit der Coronakrise auseinander.

Lederjacke, Maske, Schild. Fertig ist Werner Bauers "Großdemo".
Lederjacke, Maske, Schild. Fertig ist Werner Bauers "Großdemo".Foto: Werner Bauer

Die Beteiligung an der Demo fällt mager aus. Auch wenn das Schild, das der Demonstrant hochhält, trotzig das Gegenteil behauptet. Auf dem großformatigen Schwarz-Weiß-Bild von Werner Bauer dominiert die Linienstruktur der Architektur, nicht das maskierte Menschlein. Erst Prusten, dann Gruseln.

Diese Reaktion ruft auch das mit „Homeoffice“ betitelte Selbstporträt hervor, das den Fotografen mit Laptop auf den Knien, einen Blumenstrauß neben sich, im Verhau am Fuß einer Kellertreppe zeigt. Ein trautes Heim sieht anders aus.

Prints zum Mitnehmen? Das dann doch nicht

Bauers Auseinandersetzung mit der Coronakrise liegt in großen Stapeln am Eingang der Ausstellung „Alles Okay“. Als seien die Prints zum Mitnehmen hingelegt. Der Bayer schüttelt den Kopf. Werke umsonst abgeben passt nicht in eine Zeit, in der die Kunst darbt.

Der in Dachau ansässige Fotograf hat nur was dagegen, Bilder brav gerahmt an die Wand zu dübeln. Im atmosphärischen Gemäuer der Schinkelkirche St. Elisabeth, die in Mitte als Ausstellungsraum und Konzertsaal dient, ist das sowieso nicht einfach so erlaubt.

„Die Bekenner“ nennt sich das Konzeptkünstlertrio aus Bauer, Peter Kees und Thomas Neumaier, deren Corona-Ausstellung trotz der ernsten Lage einen ironischen Einschlag aufweist. Das ist vom ewigen Fluxus-Jünger Peter Kees auch nicht anders zu erwarten.

Gepresstes Auto mit Rudern. Peter Kees - "Fluchtfahrzeug Nr. 1".
Gepresstes Auto mit Rudern. Peter Kees - "Fluchtfahrzeug Nr. 1".Foto: Peter Kees

Kees, der vor einigen Jahren von Berlin nach München umgezogen ist, firmiert als Botschafter von Arkadien – mit Brief, Siegel und Pass – und okkupiert in ganz Europa ohne Rücksicht auf das Missfallen betroffener Staaten „Arkadische Quadratmeter“, als poetisches Gegenbild zur zivilisatorischen Verderbtheit.

Vergangenes Jahr habe er die 2017 auch in einer Berliner Ausstellung dokumentierte serielle Kunstaktion erstmals mittels roter Bojen zu Wasser ausgeführt, erzählt er. „Im Mittelmeer, südlich von Sizilien.“ Filmisch dokumentiert vom Mitbekenner Bauer.

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Eigentlich wollten die Aktionskünstler im März „Störungen“ im öffentlichen Raum veranstalten, die sich an jedermann, nicht nur an ein elitäres Kunstpublikum richten sollten. Die Pandemie vereitelte das. Stattdessen setzte die Arbeit an den Fotografien, Videos, Objekten und Installationen ein, die sich mit deren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Dimensionen befassen und darüber hinausweisen.

Zum Arbeiten in den Keller. Werner Bauers Fotografie „Homeoffice“.
Zum Arbeiten in den Keller. Werner Bauers Fotografie „Homeoffice“.Foto: Werner Bauer

So wie Peter Kees’ kuriose „Fluchtfahrzeuge“, die er aus schrottigen Rädern, Booten, Flugzeugen, Orgelpfeifen und Autos baut. Sie taugen als Metapher für Migration, Virus- und Weltflucht zugleich. Mit dem Stempel „Illegal“ versehene Geldscheine und eine zur „Money Control“ umfunktionierte Polizeikelle konterkarieren die Ächtung des Bargelds in der Corona-Zeit, die den Verfechtern des bargeldlosen Geldverkehrs gerade recht kam.

[St. Elisabeth-Kirche, Invalidenstr. 3, bis 5. 7., Mo–Fr 14–20 Uhr, Sa/So 12–21 Uhr]

Die mit der Pandemie einhergehende Furcht vor einer unsichtbaren feindlichen Natur bannt Werner Bauer in eine aus 18 Dia-Guckis und Folien bestehende Installation mit dem Titel „Gestern sah es noch anders aus“. Sprechend sind auch seine Videokommentare zum digitalen Schub, namens „Pixelpandemie 2“ und „Digital Nudity“.

Kees und Bauer sorgen sich, dass die aus der Not geborene Streaming-Offensive des Kulturbetriebs mehr schaden als nützen könnte. Besonders Jüngere entfernten sich innerlich vom Liveerlebnis und fänden ihre Lebensrealität im Netz, glaubt der 58 Jahre alte Bauer.

„Deswegen haben wir uns entschieden, diese Ausstellung nicht online zu zeigen“, sagt Peter Kees. Die Perserteppiche, in die er das durch die Krise gefährdete humanistische Credo „Liberté, Fraternité, Egalité“ gebrannt hat, sehen im rohen Kirchenschiff auch gleich viel bedeutsamer aus.

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