Kunst vorm Bau (2) : Sprung durch den Vorhang

Veronike Hinsbergs Stahlskulptur an der Staatlichen Ballettschule in Prenzlauer Berg ist ein Versprechen für die angehenden Tänzer und Tänzerinnen.

Für Transparenz sollte die Stahlskulptur vor dem Gebäude der Staatlichen Ballettschule und Schule für Artistik stehen.
Für Transparenz sollte die Stahlskulptur vor dem Gebäude der Staatlichen Ballettschule und Schule für Artistik stehen.Foto: Mike Wolff

Jetzt sind hier Ferien wie an den anderen Berliner Schulen. Aber dies ist keine Schule wie jede andere – oder sollten nicht Bildungseinrichtungen generell von dem Geist beflügelt sein, der durch die lichten Räume der Staatlichen Ballettschule und Schule für Artistik weht?

Neugier und Disziplin, Wissen und Bewegung, Körper und Kopf, eine auskömmliche Balance von Praxis und Theorie: Der Unterricht dreht sich um klassische Werte, um die Bildung einer künstlerischen Persönlichkeit. Mit dem Ballett- Drill der russischen Tradition hat das nichts zu tun. Es wird, trotz des alten, aus DDR-Zeiten stammenden Namens der Schule, auch nicht nur Ballett unterrichtet, sondern Bühnentanz mit seinen modernen und zeitgenössischen Stilprägungen. Die angehenden Artisten üben sich in Akrobatik, die Show, Zirkus und neue Formen von Entertainment verbindet.

Die Anlage an der Erich-Weinert- Straße im nördlichen Prenzlauer Berg strahlt Offenheit aus – wie die Stahlskulptur, die im Grünen vor dem Gebäudekomplex steht. Die 1968 in Karlsruhe geborene, in Berlin lebende Veronike Hinsberg hat 2011 mit diesem programmatischen Werk den Kunst-am-Bau-Wettbewerb gewonnen. Die Künstlerin nennt es „öffnen-bauschen-fließen-lüften-gleiten- schließen“, das klingt auch schon nach einem tänzerischen Auftritt.

Der Vorhang als Einladung, als Portal

Es ist ein Vorhang, der sich nicht bewegt und doch so bewegt erscheint. Rote Lamellen wie bei einer vertikalen Jalousie, gut sechs Meter breit, 3,60 Meter hoch. Man kann hindurchsehen, dieser eiserne Vorhang besitzt Transparenz und Eleganz, sein Schwung ist im Material festgehalten. Auch wenn im heutigen Theater der Vorhang kaum mehr benutzt wird, bleibt er doch das Symbol der Welt, in die sich die Schülerinnen und Schüler hier hineinarbeiten. Ein Vorhang ist ein Versprechen, er trennt und verbindet auch die Profis von den Amateuren.

Der 16-jährige Giovanni sagt: „Der Vorhang da draußen war das Erste, was ich von der Schule gesehen habe.“ Giovanni stammt aus Sizilien, sein Vater ist Kraftfahrer, die Mutter Hausfrau. Er war drei Jahre jung, als er wegen einer Fernsehshow den frühen Entschluss fasste, Tänzer zu werden. Ein Lehrer der Staatlichen Berliner Ballettschule hat ihn bei einem Vortanzen in Catania entdeckt. Es geschieht häufiger, dass die Schule ihre Schüler selbst irgendwo auf der Welt ausfindig macht. Bis zu 100 Kandidaten werden zu den mehrtägigen Eignungsprüfungen zugelassen – und 20 bis 25 neue Schülerinnen und Schüler schließlich angenommen. Wie die in Berlin geborene Isabelle. Für sie ist die Vorhangsskulptur auf der Wiese eine Einladung, ein Portal. Und die Schule ist das Theater.

Im vergangenen Schuljahr – man möchte fast sagen: der Spielzeit – waren 266 Schülerinnen und Schüler eingeschrieben. Sie kommen aus Süd- und Osteuropa, Nord- und Südamerika und ganz Deutschland. Die Ausbildung beginnt mit der 5. Klasse, sie streben nach dem Realschulabschluss oder Abitur. Später kann auch der Bachelor erworben werden. Das Ziel aber ist die Bühne. Für die meisten, die den anspruchsvollen Auswahlprozess durchlaufen und die Aufnahme geschafft haben, heißt das, eines Tages Mitglied zu werden in einem der großen Tanzensembles der Welt. Dafür trainieren sie täglich mehrere Stunden und gehen außerdem dem normalen Schulbetrieb nach. Auch in den Ferien halten sie sich fit.

Lockere Verbindung zur Architektur

Fließende Grenzen: Veronike Hinsberg hat für die Europäische Schule und den Europäischen Kindergarten in München ein ähnliches Objekt realisiert. Auf dem Gelände der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Oberschöneweide schuf sie zusammen mit Olf Kreisel 2014 die Skulptur „Leitung & Linie“. Ein überdimensioniertes dickes rotes Kabel kommt da aus dem Boden, macht einen Looping in der Luft und verschwindet wieder im Erdreich. Wenn Hinsbergs Arbeiten etwas gemeinsam haben, ist es die Leichtigkeit und der Witz und die lockere Verbindung zu der Architektur, die hier ihren eigenen Dreh und Drive hat.

Die Übungshalle der Artisten, die mit ihrer Holzlamellenverkleidung und dynamischen Bogenform auffällt, hat Christoph Langhof entworfen, das Gebäude für den Ballettbereich und Schulunterricht stammt von den Architekten Gerkan Marg und Partner. Der Clou: Eine haushohe Halle verbindet das alte, umgebaute Schulgebäude mit dem neuen Saalbau und den Tanzstudios. Helligkeit herrscht vor, eine Atmosphäre warmer Modernität. „Aus dieser Schule muss man die Schüler abends vertreiben, die wollen hier gar nicht weg“, sagt Schulleiter Ralf Stabel. Gemeinsam mit Gregor Seyfferth, dem künstlerischen Leiter, führt er diese so besondere Einrichtung.

Der Wettbewerb ist hart, die Tänzerkarriere kurz

Hugo, sechzehn Jahre jung, aber wie die meisten Schüler hier viel reifer wirkend, stammt aus Spanien. Er will einmal, wie Giovanni, zum berühmten Nederlands Dans Theater nach Amsterdam; die zahlen auch gut, hat er gehört. Frieda aus Berlin möchte in ihrer Heimatstadt bleiben und zum Staatsballett gehen. Sie sind gut über das Tanzgeschehen informiert, besuchen gemeinsam Proben und Aufführungen. Die Diskussionen um Nacho Duato, den früheren Chef des Staatsballetts, und seine Nachfolger Johannes Öhmann und Sasha Waltz sind ihnen nicht entgangen: der zum Teil erbittert geführte Streit um das klassische Repertoire auf der einen und das Tanztheater auf der anderen Seite.

In ihrer Schule lernen sie die Grundlagen für die diversen Tanzrichtungen kennen, sie sind offen und aufnahmebereit. Bei der Gala der Ballettschulen vor einigen Wochen in der Volksbühne hat man das gesehen – wie weit diese Lernenden bereits sind. Wie exzellent sie dastehen im internationalen Vergleich, auf den es in ihrer Welt schließlich ankommt. Der Wettbewerb ist hart, und das aktive Tänzerleben ist kurz. Frieda findet den Bühnenboden in der Volksbühne zu weich, sie tanzt lieber in der Deutschen Oper oder im Schiller-Theater. Oder in der Schule, wo die Choreografien mit den Schülern entstehen. Sie gehen damit auch regelmäßig auf Gastspielreise.

Wer als Besucher in die Staatliche Ballettschule kommt, fühlt die Spiellust und die Spannung und geht mit guter Energie beschenkt davon. An einem hellen Sommertag scheinen die Stäbe des Vorhangs in der Sonne zu flirren. Dahinter das strahlende Weiß der Fassade. Es ist kein leeres Versprechen, das den jungen Menschen hier gemacht wird. Sie haben schon viele Schritte gemacht, und sie haben eine Berufsausbildung, eine, von der sie geträumt haben, wenn andere erst damit anfangen.

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Bisher erschienen: Henry Moores „Liegende“ (8. Juli).

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