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Grün sind nicht alle meine Kleider. Die südkoreanische Schriftstellerin Han Kang, Jahrgang 1970.

© Baek Dahum/Verlag

Han Kang und ihr Roman „Die Vegetarierin“: Lasst mich zur Pflanze werden

Die südkoreanische Schriftstellerin Han Kang erzählt in ihrem Roman „Die Vegetarierin“ von einer jungen Frau, die von einer seltsamen Metamorphose träumt.

Von Gregor Dotzauer

Ohne Fährleute und Lotsen hat auch die beste Literatur keine Chance, die Grenzen ihrer Herkunftsländer zu überwinden. Manche Stoffe reisen schlecht, manchmal wehrt sich die Sprache dagegen, in fremde Bahnen gelenkt zu werden. Im Fall der Südkoreanerin Han Kang, die das Talent hat, komplizierte Dinge in schlichten Worten zu sagen, kann davon keine Rede sein. Dass ihr bald zehn Jahre alter Roman „Die Vegetarierin“ seit Kurzem als kleines Weltwunder gefeiert wird, lässt sich allerdings vor allem auf die Begeisterungsfähigkeit einer Koreanistik-Studentin aus Cambridge, Deborah Smith, zurückführen. Sie trug das Buch der zuvor ins Englische übertragenen Schriftstellerin zum kleinen Londoner Verlag Portobello Books, um sich ihren ersten Übersetzungsauftrag zu verschaffen. Der wiederum reichte ihn zum Man Booker International Prize ein, wo die Jury es im Mai zum Sieger kürte.

Während die meisten Leser mitjubeln, schütteln einige den Kopf. Am heftigsten tat dies gerade Tim Parks in der „New York Review of Books“. Auch ohne Koreanischkenntnisse weist er Deborah Smith Unstimmigkeiten des Tons und logische Fragwürdigkeiten nach: Stellen, die in Ki-Hyang Lees deutscher Übersetzung völlig unproblematisch sind. Zugleich wirft er der Autorin einen Hang zu melodramatischen Klischees vor – und eine kulturell abgeschliffene Gesichtslosigkeit, von der er glaubt, dass sie Kritiker aller Länder im dumpfen Konsens über diese global fiction vereint. Da wird es interessant. Könnte es nicht sein, dass man sich an der vermeintlichen Widerstandslosigkeit, mit der westliche Leser das Buch ihrer Empfindungswelt anverwandeln, nicht doch die Zähne ausbeißen kann? Ist das, was die Anziehungskraft der „Vegetarierin“ ausmacht, nicht regionaler getränkt, als es den Anschein hat?

Ovid, Kafka und koreanische Mythologie

Eine junge Frau, Yong-Hye, beschließt vom einen auf den anderen Tag, kein Fleisch mehr zu essen. Das ist der Ausgangspunkt. Die Eskalation zur Magersucht wird, in zeitlichen und räumlichen Sprüngen, erst aus der Sicht des gleichgültigen Ehemanns erzählt, dann aus der des Schwagers, der sein künstlerisches und sexuelles Begehren auf den dürren Körper der Schwägerin richtet, schließlich aus der Sicht der älteren Schwester In-Hye, die zusehen muss, wie die Jüngere alles daransetzt, sich in eine Pflanze zu verwandeln. Am Ende steht Yong-Hye auf dem Kopf, mit wirren Haaren, die sich als Wurzeln in die Erde einsenken sollen, und dem Wunsch, mit nichts als Sonne auszukommen. Keine Heilige, die sich in Askese übt, keine Hungerkünstlerin, sondern ein Häufchen Haut und Knochen auf dem Weg zur Zwangsernährung.

„Die Vegetarierin“, deren drei Teile ursprünglich separat erschienen, offenbart auf den ersten Blick tatsächlich wenig koreanisches Lokalkolorit. Doch schon die Schlichtheit des Stils, ein Merkmal vieler zeitgenössischer südostasiatischer Literaturen, gehorcht der Ökonomie eines Satzbaus, die sich in den verwinkelteren Architekturen indogermanischer Sprachen wie bewusste Reduktion ausnimmt. Die Ehekäfige, die Yong-Hye und In-Hye bewohnen, sind in einem Land von extremer Prüderie aufgestellt. Die Körperbemalungsfantasien, die In-Hyes Mann bis zum Missbrauch seiner kranken Schwägerin auslebt, sind da ein Ventil. Und Yong-Hyes Wunsch nach einer Metamorphose mag sich in eine Tradition von Ovid bis Kafka einbetten lassen. Sie fügt sich aber mindestens so sehr in die Legenden und Märchen der koreanischen Mythologie ein und die bis heute animistisch geprägte Kultur.

Auch ist Han Kang mit ihrer Motivik nicht allein – ganz abgesehen davon, dass sie selbst schon einmal eine Erzählung geschrieben hat, in der eine Frau von ihrem Mann buchstäblich als Topfpflanze gehegt und gepflegt wird. Lee Sung-U, ein anderer bedeutender zeitgenössischer Autor Koreas, spielt in seinem Roman „Das verborgene Leben der Pflanzen“ (Unionsverlag) mit ganz ähnlichen Phantasmen, mit Pflanzen, die dem Menschen so tief in die Seele schauen, dass sie ihn beim Lügen ertappen, und einem Mann, der sich in einen Baum verwandelt.

Unheimliche Schönheit und satirische Bitterkeit

Nichts davon sollte westliche Leser daran hindern, die unheimliche Schönheit, Grausamkeit und satirische Bitterkeit der „Vegetarierin“ innerhalb der eigenen Koordinaten zu entdecken. Was bleibt ihm sonst auch übrig? Eine Figur wie YongHye, die das Leben ihrer Nächsten von Grund auf aus dem Gleichgewicht bringt, wirkt in einer barbecuefreudigen Umgebung, wie es die koreanische Küche noch immer ist, allerdings radikaler als in unseren Breiten, wo das Bekenntnis zum Vegetarismus schon wegen Bedenken gegen die Massentierhaltung fast zum guten Ton gehört. Der stumpfe Ehemann, der die sich zusehends Verschließende mehr oder weniger zu vergewaltigen beginnt, der Vater, der gegen Yong-Hyes Weigerung, Fleisch zu essen, kraft familiärer Autorität mit Gewalt vorgeht, woraufhin sie sich die Pulsadern aufschneidet – auch sie haben eine besondere koreanische Härte.

Han Kang, 1970 in Gwangju geboren und heute in Seoul zu Hause, wo sie Kreatives Schreiben lehrt, hat bisher drei Erzählungsbände, einen Band mit gesammelten Gedichten und fünf weitere Romane veröffentlicht, darunter einen über die Geschehnisse in ihrer Geburtsstadt, die 1980 zum Schauplatz eines Massakers wurde. Nach der Ermordung des langjährigen Diktators Park Chung-Hee (seine Tochter Park Geun-hye ist heute Südkoreas gewählte Präsidentin) hatte General Chun Doo-Hwan die Führung des Landes übernommen, im Schatten von Premierminister Choi Kyu-Ha. Die letzten Reste der Proteste und Demonstrationen ließ er Ende Mai nach Verhängung des Kriegsrechts hinwegfegen. Hunderte von Toten, Tausende von Verwundeten und Verhafteten waren die Folge. Wie Han Kang versuchte, diesem Ausbruch von Gewalt ein wiederum multiperspektivisches Gesicht zu geben, das kann man auf Englisch in „Human Acts“ (Portobello) nachlesen und auf Französisch unter dem originalgetreueren Titel „Celui qui revient“ (Serpent à plumes). Bei Decrescenzo ist im Übrigen Han Kangs Künstlerroman „Pars, le vent se lève“ erschienen, der den Gründen eines Selbstmörders nachgeht.

Prägende Stimme ihrer Generation

Grün sind nicht alle meine Kleider. Die südkoreanische Schriftstellerin Han Kang, Jahrgang 1970.
Grün sind nicht alle meine Kleider. Die südkoreanische Schriftstellerin Han Kang, Jahrgang 1970.

© Baek Dahum/Verlag

In ihrer Heimat ist Han Kang mit alledem schon seit einer Weile die meistgepriesene Autorin ihrer Generation und hat sich überdies als Sängerin einen Namen gemacht. Im Zuge ihres Buchs „Stille Lieder“ hat sie ein ganzes Album mit sanft hingehauchten Balladen aufgenommen. Nach der Handvoll koreanischer Autoren, die sich wie Hwang Sok-Yong, Kim Young-Ha oder der Dichter Ko Un in Europa profilieren konnten, dürfte sie seit Langem die erste literarische Stimme sein, die das Zeug hat, auf Dauer ein Echo zu finden. Die Erfahrungen, die sie im Rahmen des Iowa Writers Workshop und als Stipendiatin in Polen erworben hat, sind dabei sicher von Vorteil. Nun haben die Deutschen Gelegenheit, fürs Erste „Die Vegetarierin“ kennenzulernen.

Han Kang macht kein Hehl daraus, dass es sich bei Yong-Hyes Traum vom rein vegetativen Dasein um eine Krankheit handelt. Die eingebildete Verwandlung ist nichts weiter als eine Verkümmerung: Tag für Tag schreitet die Selbstzerstörung voran. Die Psychiatrie, wo überdies Schizophrenie bei ihr diagnostiziert wird, ist deshalb genau die richtige Umgebung, um ihr Leben zu retten – und dennoch nur der Austragungsort tiefer liegender Konflikte. Denn für ihr Leiden mag es psychologisch einleuchtende Gründe geben: eben den Ehemann oder den prügelnden Vater, der den Hund, der sie als Neunjährige gebissen hatte, am Motorrad festgebunden vor ihren Augen zu Tode hetzte. Die Nachtgesichte, die Yong-Hye heimsuchen, überschreiten jedes individuelle Fassungsvermögen.

Das Durchqueren eines Waldes von rohem Fleisch an langen Bambusstangen, die Schreie im Magen eingeschlossener Seelen, die sich einfach nicht verdauen lassen, die überraschenden Mordgelüste an Tauben und Katzen: Die kursiv gesetzten Szenen, in denen Han Kang dem stillen Wahn ihrer Protagonistin eine Stimme verleiht, erzählen von einer menschheitlichen Schuld, die Yong-Hye stellvertretend abbüßt – weit über die Ernährungsroutinen von Jagd und Zucht, Schlachtung und Tierverzehr hinaus.

Die Krankheit als Metapher

Yong-Hye will heraustreten aus einer blutigen Fatalität des Kämpfens und Sich-Bekriegens, zurück zu einer Unschuld, die es nie gegeben hat. „Die Vegetarierin“ ist von daher ein denkbar umfassendes Exempel für „Krankheit als Metapher“ – eine Interpretation, die Susan Sontag in ihrem gleichnamigen Buch als unmoralisch und falsch ablehnte, weil die Lesart Kranke für ihre Krankheit persönlich verantwortlich mache.

Indem der Roman einen Zusammenhang herstellt, der Menschen Spannungen ausagieren lässt, die jenseits ihres Handlungshorizonts stehen, versucht er sich gar nicht erst an einer Wahrheit, wie sie Therapeut und Patient miteinander rekonstruieren würden. Er zeugt sogar von einer Begrenztheit der Selbsterkenntnis, einer Unversöhnlichkeit der Blickwinkel.

Han Kans dreifache Multiperspektivität dient nicht dazu, das Geschehen im 360-Grad-Winkel abzuschreiten und sich anschließend im Besitz des Überblicks zu wähnen. Die Figuren bleiben in der Ausschnitthaftigkeit ihrer eigenen Welt gefangen. Und die Ausbruchsversuche, die sie unternehmen, blind für den Schaden, den sie damit bei sich und anderen anrichten, führen zu keinerlei Erlösung.

In jeder Hinsicht bigger than life

Natürlich kommt auch in dieser Zusammenschau von gestalteten Fragmenten eine Wahrheit zum Vorschein. Aber das literarische Ganze, das dabei entsteht, hat eine völlig andere Konsistenz als die Erzählungen und Rechtfertigungen, mit denen man sich für gewöhnlich sein Leben einrichtet. „Die Vegetarierin“ legt Zeugnis ab für das Auseinandertreten von literarischer und autobiografischer Fiktion, wie es der Romancier J. M. Coetzee und die Psychoanalytikerin Annabella Kurtz in ihrem faszinierenden „Gespräch über Wahrheit, Erfindung und Psychotherapie“ unter dem Titel „Eine gute Geschichte“ (im November bei S. Fischer auf Deutsch) ergründen.

Han Kangs Roman ist in jeder Hinsicht bigger than life. Was den reinen Illusionscharakter ihres Schreibens betrifft, ist das vielleicht unvermeidlich. Was die Dimension dessen angeht, worauf sie aus ist, nämlich die Stellung des Menschen in einem Universum zu bestimmen, das anderen Gesetzen folgt als denen seiner angemaßten Selbstherrlichkeit, ist das eine Leistung, die ihr auf zweifellos weibliche Weise hochsuggestiv gelingt.

Han Kang: Die Vegetarierin. Roman. Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee. Aufbau Verlag, Berlin 2016. 190 Seiten, 18,95 €.

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