Liebermann-Villa : Wer sich nicht grün ist

Ärger in der Liebermann-Villa am Wannsee: Der Direktor muss gehen, auch der Vorstandsvorsitzende ist fort. Und trotzdem läuft eine tolle Ausstellung.

Nasser Asphalt. In den zwanziger Jahren malte Lesser Ury die Leipziger Straße in Berlin.
Nasser Asphalt. In den zwanziger Jahren malte Lesser Ury die Leipziger Straße in Berlin.Foto: A. Kukulies © Galerie Ludorff, Düsseldorf

Die letzte Ausstellung des Vorgängers ist noch zu sehen, da muss der Nachfolger schon den Hut nehmen. In der Liebermann-Villa am Wannsee herrscht Krisenstimmung, weil der neue Direktor keine drei Monate die Probezeit überstand. Am Freitagnachmittag informierte der Vorstand der Max-Liebermann-Gesellschaft, dass man sich mit sofortiger Wirkung von Daniel Spanke getrennt habe. Kurz zuvor hatte der seit einem Jahr amtierende Vorsitzende des Trägervereins, Hans Gerd Hannesen, sein Amt niedergelegt und gleichzeitig seinen Austritt erklärt. Nun steht die Max-Liebermann-Gesellschaft vor den Scherben. Sie muss zunächst einen neuen Direktor finden. Glücklicherweise ließ sich Martin Faass, der die Liebermann-Villa seit ihrer Eröffnung 2006 leitete und Anfang des Jahres als Direktor ans Hessische Landesmuseum in Darmstadt ging, als neues Vorstandsmitglied gewinnen. Bis ein neuer Nachfolger seinen Posten antritt, übernimmt der Vorstand geschäftsführend die Leitung.

Für das Erfolg gewohnte Haus – 80 000 Besucher kamen im vergangenen Jahr – sind die personellen Verwerfungen ein herber Dämpfer. Das Verhältnis zwischen Spanke und dem kleinen Team fest angestellter Mitarbeiter sowie der großen Schar von 120 ehrenamtlichen Helfern, die den reibungslosen Ablauf sichert, war offensichtlich in Teilen von Anfang an belastet. Hinzu kam, dass der neue Direktor in einer Konfliktphase innerhalb des Vorstands der Trägergesellschaft seinen Posten antrat. Mit dem Weggang Hannesens verlor Spanke einen wichtigen Unterstützer. Die noch von ihm geplante Ausstellung der Schweizer Impressionistin Martha Stettler wird vermutlich nicht zustande kommen.

Liebermann und Ury malten Berlin bei Tag und Nacht

Bis Ende August bleibt noch Zeit, umzuplanen. So lange läuft die von Martin Faass vorbereitete und Spanke eingerichtete Ausstellung „Max Liebermann und Lesser Ury. Zweimal Großstadt Berlin“ (Wannsee, Colomierstr. 3, bis 26. 8., Mi–Mo 10–18 Uhr). Der eine malte den Tag, der andere die Nacht. Den einen reizten die großstädtischen Parks, den anderen eher die verkehrsumtosten Straßen. Im Direktvergleich ihrer urbanen Impressionen wird trennscharf klar, dass Max Liebermann und Lesser Ury mehr scheidet als eine in Anekdoten überlieferte persönliche Animosität.

Zu Lebzeiten hätte der Hausherr den 14 Jahre jüngeren Ury jedenfalls nicht in seinen vier Wänden empfangen. Zum Stein des Anstoßes für ihr lebenslanges Zerwürfnis wurde ein Gemälde, das heute wie damals in der Nationalgalerie hängt: Liebermanns frühe „Flachsscheuer in Laren“. Frech verkündete Ury, die Lichtreflexe im Bild stammten von seiner Hand. Liebermann konterte trocken: „Ich würde erst dann den Staatsanwalt anrufen, wenn er behauptete, ich hätte seine Bilder gemalt.“ Schroffe, eigensinnige Charaktere waren sie beide. Dabei verband sie viel.

Liebermann wie Ury waren jüdischer Herkunft, verbrachten den Großteil ihres Lebens in Berlin und ließen sich vom französischen Impressionismus anstecken. Was sie aus der luftigen Pinseltupferei der Pariser Kollegen machten, unterscheidet sich erheblich. Genau das lässt sich an den Ölgemälden, Pastellen, Zeichnungen und Grafiken in Liebermanns Sommerhaus am Wannsee jetzt verfolgen. Dem Gast überlässt die Schau den Vortritt, das Gros der Werke stammt von Ury. Er blieb, trotz seines Erfolgs zu Lebzeiten, der weitaus Unbekanntere: ein Lokalmatador, dessen Werke jetzt aus Berliner Sammlungen wie dem Stadtmuseum in erster Qualität beigesteuert wurden. In den intimen Räumen der Villa kommt ihre Peinture perfekt zur Geltung.

Sein Atelier am Nollendorfplatz diente als Ausguck

Gleich im ersten Raum blitzen grell die Autoscheinwerfer auf nassem Großstadtasphalt. Nachtschwärmerinnen streben übers Trottoir und entgehen nur knapp einer Pferdedroschke. Wenn es regnete und Berlin sich im Glanz seines modernen Großstadtverkehrs und seiner künstlichen Lichter spiegelte, war Ury in seinem Element. Er tupfte sahnig-dick die weißen Glanzpunkte als pure Farbmaterie auf, konnte die Leinwand aber auch in hauchzarten, transparenten Farbschleiern mit samtigem Dunkel überziehen. Für solche Effekte wurde der Bäckermeistersohn aus Birnbaum in Posen, der als Jugendlicher nach Berlin kam, geschätzt.

Im Berliner Kunstbetrieb blieb er ein Einzelgänger, der oft aneckte. Sein Atelier am Nollendorfplatz nahm er gern als Ausguck für nächtliche Stadtansichten. In schwindelerregender Schrägsicht rutscht einem die rasch hingeworfene Straßenszenerie auf einem Gemälde von 1925 entgegen. Nichts gibt darin Halt. Wie unheimliche Augenpaare leuchten die Scheinwerferkegel der Fahrzeuge. Dann wieder räumt der Maler seine Straßenschluchten fast leer, schiebt die wenigen Passanten an den Rand oder vernebelt das gesamte Bildzentrum mit weißlichem Dunst und Rauch. Dass er seine Lieblingsmotive allzu oft wiederholte, war auch der Nachfrage geschuldet.

Liebermann hingegen interessierte das alles nicht: Nacht, Großstadtgewühl und grelles Kunstlicht? Das war nicht sein Berlin. Ohnehin bewegte sich der gut situierte Spross einer alteingesessenen Kaufmannsfamilie in anderen gesellschaftlichen Kreisen. Aber von seinem innerstädtischen Wohnsitz am Pariser Platz aus hat auch Liebermann auf das urbane Treiben herabgeschaut. Darin ist er Ury ähnlich. Von seinem Atelier aus ließ er auf einem großformatigen Pastell den Blick über den verschneiten Boulevard Unter den Linden schweifen: ein Bravourstück in eisig-silbrigen Farbtönen. Auch als 1918 die Truppen in die Stadt einzogen, direkt an seinem Haus vorbei, zückte er den Stift. Aber dem Geschiebe der Passanten wich der Maler lieber aus. Wenn schon Großstadt, dann bitte grün: Liebermann zog es unter die lustwandelnden Tiergartenbesucher, die mit Kind an der Hand oder Liebchen im Arm flanierten.

Kurator Faass verschaffte dem Haus internationales Renommee

Ury wiederum war die Natur augenscheinlich schnuppe. Wenn bei ihm überhaupt Bäume vorkommen, stilisiert er sie silhouettenhaft zur dunklen Wand. Die Ausstellung schärft den Blick für solche Unterschiede der beiden ungleichen Konkurrenten. Und sie zeigt, welch hervorragenden Kurator die Liebermann-Villa in Martin Faass besaß. Als Direktor verschaffte er dem Haus internationales Renommee, vernetzte es weithin durch Kooperationen. Dreißig Ausstellungen stemmte er in zwölf Jahren und beleuchtete Liebermanns Kunstkosmos immer wieder neu, mal motivisch fokussiert auf Sport oder Seestücke, mal im Dialog mit Secessionskolleginnen oder berühmten Zeitgenossen wie Van Gogh, Emil Nolde und Paul Klee. Dabei gelang es ihm, hochkarätige Leihgaben zu akquirieren und der Forschung Impulse zu geben.

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Wer an den Wannsee zu Liebermann fuhr, wusste immer: Es gibt was Schönes zu sehen und neue Aspekte im Vertrauten zu entdecken. Dabei wird es auch in Zukunft bleiben. Hans Gerd Hannesen – zuvor 25 Jahre lang Präsidialsekretär der Akademie der Künste – wollte als Vorstandsvorsitzender der Max-Liebermann-Gesellschaft das Haus noch weiter internationalisieren und strebte eine öffentliche Förderung an. Weil er mit seinen Veränderungsvorschlägen auf wenig Resonanz stieß, zog er die Konsequenz und ging. Für ihn rückte neben Martin Faass unter anderem die Beauftragte für Kulturelles Erbe beim Stadtmuseum Berlin, Martina Weinland, in den Vorstand der Liebermann-Gesellschaft auf.

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