Das weltweite Wirtschaftssystem im Wandel : Sicher ist nur die Unsicherheit

Lea Haller und Corinne Michaela Flick beschreiben Funktion und Zukunft des Kapitalismus.

Unfassbar groß. Für den Film „Metropolis“ von Fritz Lang entwarf der Designer Erich Kettelhut 1927 dieses Szenenbild, das die Stadt der Zukunft als baulichen Ausdruck des (Monopol-)Kapitalismus vorstellt.
Unfassbar groß. Für den Film „Metropolis“ von Fritz Lang entwarf der Designer Erich Kettelhut 1927 dieses Szenenbild, das die...Foto: Deutsche Kinemathek Berlin

Wie funktioniert eigentlich der Kapitalismus? Neuerdings gibt es eine ganze Fülle an Literatur, die sich mit diesem längst nicht mehr nur „westlichen“ Wirtschaftssystem beschäftigt. Wer weiß schon, wie etwa die Geld- und Warenströme im globalen Kapitalismus verlaufen? Wer kennt den Weg der Waren, die für das Funktionieren der Weltwirtschaft essenziell sind und quer über die Weltmeere verschifft werden? Wem ist bewusst, dass Zwischenhändler die treibende Kraft dieser Warenwirtschaft sind?

All diese Fragen beantwortet Lea Haller. Die Schweizer Historikerin legt die Früchte eines Forschungsprojekts zur Geschichte des Transithandels vor, der einen gewaltigen Teil der globalen Wirtschaft ausmacht. Darin spielt Hallers Heimat eine Schlüsselrolle. Detailliert zeichnet sie nach, wie die Schweiz seit Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem „Global Hub“ wurde, über den heute schätzungsweise ein Viertel des weltweiten Rohstoffhandels abgewickelt wird. Zugleich zeigt sie, wie sich dabei zentrale Techniken und Institutionen der Globalisierung herausbildeten: von Terminbörsen über internationale Schiedsgerichte bis hin zu Steuerprivilegien für multinationale Konzerne.

Die Schweiz blüht auf

Haller, seit 2018 verantwortliche Redakteurin für „NZZ Geschichte“, führt anschaulich vor Augen, dass die Schweiz – zusammen mit Singapur, London und Dubai – eine der größten Drehscheiben des globalen Rohstoffhandels darstellt. Ihr neues Buch behandelt nicht nur den Aufstieg eines Kleinstaats zu einem gigantischen Handelsplatz. Sie beleuchtet darüber hinaus auch die Veränderungen des Welthandels im Zuge technologischer Entwicklungen und politischer Krisen. Und sie erzählt die Geschichte einer kapitalistischen Wirtschaft, in der Verkäufer und Käufer nicht auf wundersame Weise im wertfreien Raum eines sich selbst regulierenden Marktes zueinanderfinden, sondern erst durch Vermittlung überhaupt in Erscheinung treten.

Nach Hallers Darstellung sind es die Zwischenhändler, welche die globale Warenwirtschaft organisieren: Sie kaufen Waren, bezahlen sie, versichern sie, verschiffen sie, verkaufen sie wieder und schlagen daraus Profit. Haben sie noch dazu ihren Firmensitz in einem Drittstaat, handelte es sich bislang um einen chronisch unterbelichteten Bereich der globalen Wirtschaft – den Transithandel.

Geld- und Warenströme

An ihm erklärt Haller auch, warum die Geld- und Warenströme bis heute nicht parallel verlaufen: Bereits im 19. Jahrhundert hatte die Schweiz einen großen Transithandel. Er übertraf den Import und Export des Kleinstaats um ein Vielfaches. Als Vermittler zwischen Produzenten und Abnehmern in verschiedenen Weltregionen organisierten die Schweizer Handelsfirmen den Warenhandel vollkommen unabhängig von ihrem Domizilland. Sie lieferten japanische Seide, indische Baumwolle, westafrikanischen Kakao und zahlreiche Rohstoffe in alle Welt. Hier lässt sich über einen langen Zeitraum beobachten, was im ausgehenden 20. Jahrhundert allgemeine Praxis geworden ist: dass Unternehmen ihren Firmensitz und ihr Geschäft trennen.

Gewinner der Globalisierung

Und dies, obwohl eine solche Trennung auf den ersten Blick von Nachteil zu sein scheint: Wenn das Management und der rechtliche Sitz einer Firma weit entfernt vom Einkauf und Verkauf der gehandelten Waren liegen, steigen Kosten und vervielfachen sich Kontroll- und Übersetzungsprobleme. Die Währungsrisiken und Zahlungsmodalitäten, kurzum die ganze Logistik werden komplizierter.

Doch bei Haller wird zugleich deutlich, warum die multinationalen Unternehmensstrukturen auch Vorteile hatten und haben – nicht zuletzt für die Schweiz: Unter sich verändernden rechtlichen, technologischen und geopolitischen Bedingungen entstanden gerade im stark mit der Weltwirtschaft verflochtenen Kleinstaat immer wieder ideale Bedingungen für ein kapitalintensives Geschäft im Weltmaßstab. Die Schweiz zeigte sich nicht nur als eine Globalisierungsgewinnerin im Kräftespiel der Großmächte. Sie wurde darüber hinaus zu einem Motor der weltwirtschaftlichen Expansion.

China als Herausforderung

Kann man bei Haller lernen, wie der globalisierte Kapitalismus entstanden ist, so sollte man zu Corinne Michaela Flick greifen, wenn man zumindest erahnen können möchte, wohin sich der Kapitalismus in Zukunft entwickeln wird oder soll. Denn in der sich rapide wandelnden Welt des 21. Jahrhunderts scheint die zukünftige Entwicklung des gegenwärtigen globalen Wirtschaftssystems unvorhersehbarer denn je. Die voranschreitende Digitalisierung bringt bereits heute drastische Veränderungen auf den Arbeitsmärkten mit sich. Die Globalisierung hat neue Formen des Kapitalismus wie in China hervorgebracht, die sich von westlichen Marktwirtschaften deutlich unterscheiden. Hinzu kommt eine durch die Krisen der letzten Jahre gesteigerte Kapitalismuskritik, die zu einer zusätzlichen Herausforderung für das Wirtschaftssystem des Westens geworden ist.

Umso mehr stellt Flick die Frage in den Mittelpunkt ihres neuen Buches, wie sich der Kapitalismus wandeln muss, damit er weiterhin ein erfolgreiches Modell nicht nur für die westliche Gesellschaft bleiben kann, sondern darüber hinaus noch mehr Menschen an ihm partizipieren und von ihm profitieren können. Um Antworten zu finden, hat Flick Stimmen aus Theorie und Praxis unterschiedlicher Disziplinen versammelt, wobei sie selbst viele zukünftige Formen der Marktwirtschaft für denkbar hält. Selbst das vollkommene Scheitern werde von manchen in Betracht gezogen. Möglich sei auch, dass der Kapitalismus sich auflöse.

Wohlstand für die Vielen

Doch wohin geht die Entwicklung? Kai A. Konrad, Direktor am Max-Planck-Institut für Steuerrecht und öffentliche Finanzen, ruft in Erinnerung, dass das marktwirtschaftliche System breiten Bevölkerungsschichten in Europa nie gekannten Wohlstand gebracht hat. Die industrielle Revolution 4.0 könne diese Entwicklung fortsetzen. Dies erfordere aber eine für Fortschritt und Wandel offene Gesellschaft. Falls Europa solche Veränderungen blockiere, werde der Wohlstand künftig andernorts entstehen.

Herbert A. Reitsamer, Professor für Neuro- und Sinnesphysiologie, weist darauf hin, dass der Belohnungsmechanismus des Gehirns den Menschen nach Wohlstand streben und Reichtümer anhäufen lasse. Man könne die Gier nach dem Mehr als Relikt der phylogenetischen Entwicklung sehen und wahlweise als Bürde oder Segen der Evolution. Es müsse einem jedoch bei allen Handlungen klar sein, dass die Menschen im gewissen Sinne immer noch auf der Basis eines Froschgehirns agierten und primitive neuronale Regelkreise Einfluss auf ihre Entscheidungen nähmen.

Wachstum durch Kreativität

Beim Wesen des Menschen setzt auch Jörg Rocholl an. Für den Präsidenten der European School of Management Berlin stellt Wachstum keine Entscheidungs-, sondern eine Zielvariable dar. Es entstehe durch Kreativität, gegenseitig nützlichen Handel und Arbeit, mithin durch menschliches Streben. Arbiträre Interventionen, wie von radikalen Wachstumskritikern gefordert, stellten einen immensen Eingriff in die Freiheit dar und könnten zu einem autoritären System führen.

Damit würden wahrscheinlich wieder Zeiten anbrechen, wie sie der Ära der Marktwirtschaft vorausgingen. Bis ins Mittelalter hatten religiöse und institutionelle Schranken die Herausbildung des Kapitalismus behindert. Daran erinnert Albrecht Ritschl, der Wirtschaftsgeschichte an der London School of Economics lehrt. Die italienischen Handelsgesellschaften seien ein erster Schritt zur Überwindung dieser Hemmnisse gewesen. Die Herausbildung von Märkten für haftungsbeschränktes Aktienkapital in den Niederlanden habe dann den Durchbruch des Kapitalismus gebracht.

Geht er? Nein - er bleibt

Doch wer wird den Kapitalismus der Zukunft formen? Einzig sicher scheint nur die Aussicht auf dessen Fortbestehen – in welcher Prägung auch immer.

Corinne Michaela Flick (Hrsg.): Die Zukunft des Kapitalismus. Wallstein Verlag, Göttingen 2019. 296 S., 14,90 €. - Lea Haller: Transithandel. Geld- und Warenströme im globalen Kapitalismus. Suhrkamp, Berlin 2019. 512 S., 20 €.