Die ganz eigene Luftbrücke : Ein Leben zwischen den Schrecken des Krieges in Berlin und der Karriere in den USA

Karl von der Heyden erinnert sich an das Wachsen der deutsch-amerikanischen Beziehungen. Darüber hat er jetzt ein Buch geschrieben.

Berlin: "Rosinenbomber" fliegen 70 Jahre nach dem Ende der Luftbrücke über das Tempelhofer Feld.
Berlin: "Rosinenbomber" fliegen 70 Jahre nach dem Ende der Luftbrücke über das Tempelhofer Feld.Foto: Paul Zinken/dpa

Man kann wohl sagen, dass dieses Buch zur richtigen Zeit kommt. Über Krieg und Nachkriegszeit, über Luftbrücke und die daraus resultierenden Beziehungen zwischen Deutschen und Amerikanern ist unendlich viel Kluges und Differenziertes geschrieben worden. Ganze Bibliotheken ließen sich damit füllen. Nur wer von den Nachgeborenen soll das alles lesen – oder auch nur wissen, wo man anfangen könnte? Hier bekommt man das alles in einer Nussschale, wie die Amerikaner sagen würden. Die persönlichen Erinnerungen von Karl von der Heyden sind aus mehreren Gründen eine gute Lektüre gerade für jüngere Leser, die einen realistischen Einblick in die Kriegs- und Nachkriegszeit in Berlin bekommen wollen, ohne sich durch dicke Geschichtsbücher quälen zu müssen.

Karl von der Heyden, Jahrgang 1936, ist in Berlin-Spandau aufgewachsen. Zunächst nur für ein Jahr ging er 1957 zum Studium in die USA. Am Ende blieb er dort und wurde Top-Manager und Aufsichtsrat in großen Unternehmen wie Pepsi Cola, H. J. Heinz und Dreamworks Animation. „Von Berlin nach New York“ heißt sein Buch folgerichtig, dazu mit dem präzisen Untertitel: „Ein Leben in zwei Welten“.

Wie sich die Einstellung zu den einstigen Feinden, dann Siegern und Besatzern, aus denen später Freunde wurden, allmählich änderte, schreibt Karl von der Heyden aus der Sicht eines Kindes sehr eindrücklich.

Buch entstand aus der mündlichen Erzählung

Gleichzeitig werden gewichtige moralische Fragen aufgeworfen, spielt das Thema Gewissen eine große Rolle, auch für die Beziehung zwischen Vätern und Söhnen. Im Grunde wird hier vieles anhand des einen Beispiels herunterdekliniert, was später in Westdeutschland die ganze 68er-Bewegung ausgelöst hat. Mit wenigen, sehr eindrücklichen Bildern skizziert der Autor die Schwierigkeiten, in die Familien gestürzt wurden, wenn traumatisierte Väter aus dem Krieg und der anschließenden Gefangenschaft in eine ihnen fremd gewordene Welt heimkehrten.

[Karl M. von der Heyden: Von Berlin nach New York. Ein Leben in zwei Welten. Aus dem amerikanischen Englisch von Barbara v. Bechtolsheim. be.bra verlag, Berlin 2019. 208 S., 22 €.]

Dass er sich in der Erzählung der Geschichte nicht allein auf sein eigenes Gedächtnis verlässt, sondern immer wieder einmal kursiv gesetzte Passagen mit Erinnerungen von Menschen aus seinem engen Umfeld einfügt, denen seiner Schwester Gisela oder seiner Frau Mary Ellen, macht das Buch so modern. Junge Rezipienten tun sich bisweilen schwer mit bleiern durchgeschriebenen Büchern, weshalb etwa auch moderne Romanciers ihre Texte auflockern mit Textbotschaften und anderen Einsprengseln.

Dieses Buch ist aus einer mündlichen Erzählung heraus entstanden. Der New Yorker Fernsehproduzent Marc Rosenwasser leistete die notwendige Überzeugungsarbeit. Was soll denn interessant sein an der Geschichte eines Deutschen, der nicht von den Nazis verfolgt wurde?

Diese Frage stellte sich von der Heyden am Anfang wohl allzu selbstkritisch. Gerade der ganz normale Alltag während des Krieges und der Blockade macht die Lektüre so spannend. Hinzu kommt, zwölf Jahre nach dem Ende des Krieges, der Aufbruch in eine neue Welt. Mancher Leser mag staunen darüber, wie fremd sich für den Jugendlichen die USA zunächst anfühlten, wie viele kulturelle Unterschiede es zu überwinden galt. Wie viel man damals nicht wusste über das andere Land. Und über das eigene.

Denn auch das langsame Begreifen der grausamen Abgründe Nazideutschlands, das erst die intensive Lektüre in der Bibliothek der Duke University in North Carolina möglich machte, und umgekehrt die Wahrnehmung der Rassentrennung, die damals noch in den Südstaaten praktiziert wurde, erzählt er in einfachen Worten, manchmal fast anekdotisch, aber stets fesselnd und unterhaltsam.

Manchmal ist da dieses Magengrummeln

Kein Wunder, denn der Autor hat auf Zureden seines geliebten Onkels Hugo zwar in der Wirtschaft Karriere gemacht und konnte seine Talente dort auch bestens zur Geltung bringen. Aber ursprünglich wollte er Journalist werden und setzte diesen Wunsch in notleidenden Zeiten sogar gewinnbringend für seine Familie in die Tat um. Unmittelbar nach dem Krieg gründete er im Alter von neun Jahren (!) die „Berliner Kinderzeitung“, deren erste Ausgabe am 26. Mai 1946 erschien. Das Layout orientierte er am Tagesspiegel, den die Familie zu Hause regelmäßig las. Jeden Tag verbrachte er ein bis zwei Stunden damit, vier Seiten handschriftlich zu füllen. Fünf Jahre lang widmete er sich diesem Vorhaben, benannte das Blatt später um in „Die Mücke“, weil die Schulzeitung am Kant-Gymnasium, das er damals besuchte, „Die Hornisse“ hieß. So dokumentierte er damals unter anderem seine Erfahrungen mit der Luftbrücke.

Als Aufsichtsratsvorsitzender der American Academy kehrte er später öfter zurück in die alte Heimat, obwohl der schon Ende der sechziger Jahre amerikanischer Staatsbürger wurde. Wenn er kommt – so beschreibt er es –, erlebt er ein friedliches Land, das in die EU integriert ist. Trotzdem ist da manchmal dieses Magengrummeln, wenn ihm Antisemitismus begegnet, wenn er alte Ressentiments unter der Oberfläche spürt.

Karl von der Heyden hat eine persönliche Theorie. Danach verschwinden nach jeweils 80 Jahren die Erinnerungen an die Geschichte. Lange geht es gut, dann beginnt wieder eine gefährliche Zeit. Solchen Gefahren kann man entgegenwirken, indem man die Erinnerung pflegt und wachhält. Das genau tut er mit diesem Buch.

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