Es gab sie immer,und es gibt sie bis heute : Menschheitsdrama Sklaverei

Michael Zeuskes Handbuch dokumentiert die vielfältigen Formen der Sklaverei.

Andreas Schlothauer
Ein Händler aus Europa handelt mit dem afrikanischen Sklavenbesitzer den Preis der angebotenen Sklaven aus (umn 1820).
Ein Händler aus Europa handelt mit dem afrikanischen Sklavenbesitzer den Preis der angebotenen Sklaven aus (umn 1820).Foto: akg-images

Die „Sklaverei in allen Zeiten und auf allen Kontinenten“ zu beschreiben, eine Welt- und Globalgeschichte „der versklavten Menschen und der Sklavenhandelssysteme“ von 10 000 v. u. Z. bis in die Gegenwart zu sein, ist das Ziel des von Michael Zeuske, bis 2018 Professor für Lateinamerikanische Geschichte in Köln, zusammengestellten Handbuches. Denn: „Menschen im Sklavenstatus gab es überall auf dem Globus, die meiste Zeit“.

Die „Entstehungsbedingungen der jeweiligen lokalen Sklavereien“ sind unbekannt, und niemand weiß, „wann es die ersten“ Versklavten gab. „Was wir kennen, ist der Streit darum, ob und seit wann der Begriff anwendbar ist.“ Eine Definition sei „deshalb so schwierig, weil Sklaverei eine Frage der Definition ist“, schreibt Zeuske, und im allgemeinen Sprachgebrauch diene das Wort „oftmals nur noch als Metapher für Ausbeutung und Unterdrückung.“ Auf eine eigene Definition möchte er sich ungern festlegen, doch finden sich mehrere ähnlich lautende Stellen: „Gewalt, Statuszerstörung und Zwangsmobilität/Zwangsfixierung und extreme Arbeitszeiten waren immer das Alpha und Omega von Sklavereien.“

Die Stimme der Sklaven fehlt

Fast alle Geschichten der Sklaverei seien „aus der Perspektive der Institution, der Sklavenhalter, des Staates, der Sklavenhändler geschrieben“. Die Hauptakteure, die Versklavten, seien die Unbekannten. Daher fordert Zeuske einen „Wechsel der Perspektive: weg von den Strukturen und Rechten der Herren, hin zu den Erlebnissen“ der Versklavten. Ein Problem sei das fast völlige Fehlen „von Ego-Dokumenten von Versklavten“.

Sklaven mit weißer Haut und blauen Augen

Als „Grundproblem der Diskurse“ sieht Zeuske deren „Fixierung auf ,große‘ und ,hegemoniale‘ Sklavereien“. Seine Exkurse in den europäischen Raum zeigen, in welchem Ausmaß die Menschen auch hier Opfer von Sklavenjagden waren. Weiße und „blauäugige Menschen aus Europa waren im frühen Mittelalter durchaus Sklaven von dunkelhäutigen Menschen aus Nordafrika oder Arabien“. Die Anzahl zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert wird auf mehrere Millionen geschätzt. Etwa im 16. Jahrhundert beginnt die Phase der von Europäern „kontrollierten wirtschaftsorientierten Massensklaverei“. Die Versklavten kamen zwar nur in geringer Zahl in europäische Länder, aber dortige Städte hätten „als Vermittler-, Kredit- und Profitzentren in einem mehrheitlichen Süd-Süd-Geschäft“ fungiert. Der „atlantische Sklavenhandel“ habe „die Industrialisierung Europas und die Entwicklung seines Finanzsystems begünstigt“. Doch was „hatten Unter- und Mittelschichten“, etwa in der „Klassengesellschaft Englands“, mit den Versklavten „in anderen Weltgegenden wirklich zu tun?“ Die Hauptverbindung sieht Zeuske im Konsum. So habe das britische Weltreich „seinen Mittel- und Unterschichten, den bis dahin eher aristokratischen Konsum und Luxus tropischer Produkte ermöglicht.“ „Kolonialwaren“ seien „in Europa immer stärker nachgefragt“ worden; „Genussmittel wie Zucker, Tabak und Kaffee oder Kakao sowie Industrieressourcen wie Baumwolle oder Indigo“. Dieser Luxuskonsum sei „seit ca. 1800 eine Grundbedingung für den Aufstieg der europäischen Variante des Kapitalismus“ gewesen. Andere Historiker sehen technische Entwicklungen sowie neue Arbeitsabläufe und Organisationsstrukturen als Motor der Industrialisierung seit dem 19. Jahrhundert. Behauptet Zeuske also, dass Tee und Zucker, Kaffee und Rum die Kreativität europäischer Ingenieure und Betriebswirte befeuerten?

Kontrolle über Land? Über Menschen!

„Menschenjagd und -handel war keine Erfindung Europas“. Afrika war „Lehrmeister der Europäer in Bezug auf die Kapitalisierung von Körpern“, denn dort sei „Kontrolle über Menschen als Basis von Politik und Gesellschaft immer wichtiger als die Kontrolle über Land“ gewesen. „Möglicherweise gab es innerhalb Afrikas mehr Sklaven als exportiert wurden“, es sei „seit jeher Territorium vieler Sklavereien und vieler Kriege“ gewesen. Die meisten Reiche „betrieben Menschenjagd sowie aktiven Menschen- und Sklavenhandel“.

„Ab 1460 transportierten portugiesische Schiffe Sklaven für afrikanische Eliten“, und in den westafrikanischen Königreichen Kongos und Benins kämpften „Portugiesen als Söldner unter afrikanischem Befehl“. Doch die Europäer „hatten keinen Zugang zu den Razziengebieten im Interior Afrikas.“ Bis zur europäischen Kolonialzeit um 1880 behielten „afrikanische Eliten die Kontrolle über den land-, fluss- und küstengestützten Menschenkapitalismus“. Sie lieferten die „Kriegsgefangenen und Sklaven aus dem Innern des Kontinents“ an die „europäischen Kaufleute und Sklavenhändler“, von denen die „meisten Schwarze und Mestizen waren, aber auch ,Weiße‘, oft Deserteure, Geflohene und Abenteurer“. Die westafrikanischen Reiche im heutigen Benin, in Ghana, Nigeria und Kongo waren „Zulieferer mit eigenen Interessen“. Doch gibt es keine „nennenswerte afrikanische nationale Historiographie aus der jeweiligen Binnenperspektive“. Postkoloniale und panafrikanische Theoretiker vermeiden diesen Teil der Geschichte in ihren Narrativen.

Kreolen als Zwischenhändler

Europäer erkrankten in den Tropen meist schnell, und ein hoher Prozentsatz verstarb. Als „Spezialisten der Sklavenbeschaffung zwischen Afrikanern und Europäern“ etablierten sich die Atlantikkreolen: „in der ersten Generation oft Söhne von iberischen Vätern und afrikanischen Müttern.“ Diese „ersten Menschen (auch) europäischer Herkunft, die daran gewöhnt waren, dauerhaft in den Tropen zu leben“ wurden „in der Frühzeit der Atlantisierung (1350-1550) führend im Menschenhandel“, oft auf Seiten von Piraten und Korsaren, und bewahrten das „Slaving-Monopol der Anlieferung auf europäische Schiffe etwa 400 Jahre lang.“ Die afrikanischen Eliten und die Atlantikkreolen seien „die Hauptschuldigen am brutalen Sklavenfang sowie Transport“ gewesen. Sie wurden in einigen Regionen als „Portugiesen“ oder auch einfach als „Weiße“ bezeichnet.

Zur Frage, wer die Weiten des Atlantiks kontrollierte, findet sich im Handbuch Widersprüchliches. Zwar konnte „keine Monarchie die Kapitäne auf den Meeren wirklich kontrollieren“, doch gewannen „die Europäer zwischen 1400 und 1850, besonders zwischen 1495 und 1650“ die „Kontrolle über den Atlantik“. An anderer Stelle heißt es, dass diese „im 17. Jahrhundert zeitweilig massiv von Piraten, Atlantikkreolen und Korsaren bedroht“ bzw. im 19. Jahrhundert eine „Hochzeit des illegalen Menschen- und Sklavenschmuggels“ war. Trotzdem behielten die Europäer „die Kontrolle, indem sie die Hochseeschiffe, die Kapitäne sowie Flotten streng reglementierten und kontrollierten“. Bleibt die Frage, wie Regierungen Piraten und Schmuggler kontrollieren konnten, wenn dies nicht einmal bei den eigenen Kapitänen gelang?

Legal ist die Sklaverei nirgends mehr - aber existent

Die Zeit der großen Sklavereien „und der meisten sklavereiähnlichen Zwangsarbeitssysteme des 20. Jahrhunderts“ ist vorbei. „Heute gibt es kein gültiges Rechtssystem mehr, das Sklaverei erlaubt.“ Doch auch „ohne eine legale Institution der Sklaverei“ gäbe es „in der heutigen Welt in absoluten Zahlen immer mehr Sklaven“. „Mehr denn je“ existierten unter unseren Augen „Sklavereien, Menschenhandel und unfreie Arbeit – und wir sehen sie nicht.“ Die Schätzungen „reichen von 12 Millionen über 27 bis zu 250 Millionen Menschen“.

Das „erste Paradox“ sei, „dass ,Hegemonische‘ Sklaverei allen bekannt ist, aber keiner das Leben Versklavter und Sklavereien wirklich kennt “. Denn Sklaven haben nur selten über ihr Leben berichtet. „Wenn überhaupt ,sprechen‘ meist Andere für Menschen, die Versklavte sind oder waren.“ „Ein zweites Paradox besteht darin, dass europäische Leibeigenschaft oder asiatische und afrikanische Sklavereien nicht mit den Sklavereien Amerikas im 18. und 19. Jahrhundert verglichen werden sollen.“ Diese Schwachstelle ist in Verbindung zu sehen mit einer der wichtigsten Debatten, der Frage der „Definition des Sklaven“. Ohne eine Definition mit empirisch messbaren Indikatoren verschwimmen die Übergänge zur Unfreiheit. Wahrscheinlich stimmt, dass bis „um 1890 die Masse aller Menschen auf der Erbe in unfreien Verhältnissen lebte“, aber waren sie deshalb alle Sklaven?

Sklaverei ungleich Rassismus

Ein drittes Paradoxon sei, schreibt Zeuske, dass „Sklaverei fast immer mit Rassismus verwechselt“ wird. Hier liegt das große Verdienst des Handbuches: Es widmet sich dem weltweiten Verbrechen Sklaverei. Die Hautfarben von Herren und Sklaven wechseln – wesentlich ist das Unrecht der totalen Herrschaft eines Menschen über einen anderen.

Michael Zeuske: Handbuch Geschichte der Sklaverei. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Verlag De Gruyter Oldenbourg, Berlin/Boston 2019. 2 Teilbände, zus. XXV., 1399 S., 279 €.

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