Männerpaare auf historischen Fotos : Schau in meine Augen, Liebster

Der beeindruckende Fotoband „Loving. Männer, die sich lieben“ zeigt Privataufnahmen aus hundert Jahren. Gesammelt wurden sie von Hugh Nini und Neal Treadwell.

Ein Matrosenpaar auf einer undatierten Aufnahme aus dem Band "Loving".
Ein Matrosenpaar auf einer undatierten Aufnahme aus dem Band "Loving".Courtesy of the Nini-Treadwell Collection © “Loving" by 5 Continents Editions/Elisabeth Sandmann Verlag

Verliebtsein lässt sich schwer verbergen. Es macht etwas mit dem Blick der Menschen. Er wird weicher, zärtlicher – sogar, wenn er sich gar nicht auf die geliebte Person richtet, sondern diese nur in der Nähe ist. Hugh Nini und Neal Treadwell haben ein Auge für „diesen Blick“, wie sie ihn nennen. So identifizieren sie, ob auf einer Fotografie ein Liebespaar zu sehen ist oder ob es sich schlicht um Freunde handelt. Besteht ein Bild ihren Test, ist es sehr wahrscheinlich, dass sie es erwerben. Über 2800 Originalaufnahmen von Männerpaaren haben sie in den letzten 20 Jahren zusammengetragen. Eine Auswahl von rund 350 Bildern haben sie jetzt in dem beeindruckenden Band „Loving. Männer, die sich lieben“ veröffentlicht.

Was mit dem Zufallsfund in einem Antiquitätengeschäft in Texas begann – sie stießen auf ein Foto aus den Zwanzigern, das zwei Männer in zärtlichen Umarmung zeigt – wurde nach und nach zu einer ausgedehnten Suche nach ähnlichen Motiven. Dabei durchstöberten Nini und Treadwell, die seit den Neunzigern ein Paar sind, Flohmärkte, Trödel- und Antikläden in den USA, Kanada, Argentinien, Thailand, Japan, Australien und diversen europäischen Ländern. Später arbeiteten sie auch mit nationalen und internationalen Händlern. Der Fokus ihres Buches liegt auf Bildern, die zwischen 1850 und 1950 in den USA und Europa aufgenommen wurden. Womit Nini und Treadwell belegen, dass schon kurz nach der Erfindung der Fotografie Aufnahmen schwuler Paare entstanden. In ihrem Band zeigen sie zum Beispiel eine um 1870 entstandene Ferrotypie mit zwei jungen Männern in Anzügen und Fliegen. Der eine steht, der andere sitzt, hinter ihnen befindet ich ein Tisch mit einer Pflanze. Beide gucken ernst und verliebt in die Kamera. Ihre Beziehung spiegelt jedoch nicht nur „der Blick“, sondern verraten vor allem ihre Hände, die die Bildmitte bilden. Ganz sanft ruhen die Hände des sitzenden Mannes in denen des stehenden. Maximale Innigkeit bei minimalem Kontakt.

„Loving“ bildet ein großes Spektrum von Berührungen ab, das von Händchenhalten über schüchterne und enge Umarmungen bis hin zu einigen wenigen Küssen reicht. Dabei sind sowohl edle Herren als auch Arbeiter zu sehen – überwiegend jung und weiß. Mitunter gibt es in dem opulenten Band kleine Themenblöcke, etwa mit Paaren am Strand oder vor Automobilen. Ein besonders erstaunlicher Schwerpunkt sind die Soldatenbilder, wobei vor allem die Matrosen mit ihren schicken Uniformen herausstechen. Meist sind nur die Paare selbst zu sehen, doch auf zwei übereinander abgebildeten Fotos sieht man sie auch umringt von Kameraden, die mit ihnen auf einer Wiese liegen. Leider ist bei keinem der Motive überliefert, wann und wo sie entstanden sind. Doch zeigen sie beide, dass es in der strengen Militärwelt offenbar immer wieder Raum für offen gelebte Homoerotik gab.

Trotzdem brauchte es Mut für solche Aufnahmen. Was für alle in „Loving“ versammelten Fotos gilt, sind sie doch zu Zeiten entstanden, in denen männliche Homosexualität noch in höchstem Maße tabuisiert und größtenteils auch strafbar war. Sieht man von einigen mit Selbstauslösern oder in Automaten aufgenommenen Bildern ab, mussten alle gezeigten Paare darauf vertrauen, dass ihnen die Person hinter der Kamera wohlgesonnen war – genau wie das Laborpersonal. Auch die Fotos selbst konnten gegen die Männer verwendet werden und dürften deshalb wohl versteckt aufbewahrt worden sein. „Trotz dieses Risikos wollten sie mit diesen Fotos ihren Gefühlen füreinander ein Denkmal setzen“, schreiben Nini und Treadwell im Vorwort. Ihr Buch ist nun ebenfalls eine Art Denkmal geworden – für die lange zur Unsichtbarkeit verdammte schwule Liebe und nicht zuletzt für die Liebe selbst.

„Loving“ demonstriert überdies, dass auch der Wunsch ihr in Form einer Eheschließung Ausdruck zu verleihen von jeher ein universeller war. So ist etwa auf einer gegen Ende angesiedelten Doppelseite eine improvisierte Trauung zu sehen, bei der ein junger Mann einem anderen einen Ring an den Finger steckt, während ein dritter mit einer Bibel vor ihnen steht. Geradezu kühn sind die beiden Stehkragen-Jünglinge auf einer weiteren in den USA entstandenen Aufnahme. Sie halten ein Schild in die Kamera, auf dem sie verkünden, dass sie gerne heiraten würden. Rund hundert Jahre später hätten sie es in ihrer Heimat dann gedurft.

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Neal Treadwell/Hugh Nini (Hg.): Loving. Männer, die sich lieben – Fotografien von 1850–1950. Elisabeth Sandmann Verlag, 336 Seiten, 49 €. Ausstellung: Buchhandlung Geistesblüten, Walter-Benjamin-Pl. 2, bis 31. 1., Di–Fr 11–19 Uhr, Sa 11–16 Uhr

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