• Mailänder Lehrer schreibt Brief an Schüler: „Das größte Risiko ist nicht das Coronavirus“

Mailänder Lehrer schreibt Brief an Schüler : „Das größte Risiko ist nicht das Coronavirus“

In der italienischen Stadt Mailand häufen sich Infektionsfälle, auch Schulen wurden geschlossen. Ein Rektor wendet sich nun an seine Schüler.

Domenico Squillace
Kaum Menschen unterwegs. Eine Straße in Mailand.
Kaum Menschen unterwegs. Eine Straße in Mailand.Foto: Claudio Furlan/dpa

Der Autor, Schulleiter des Mailänder Liceo Alessandro Volta, verfasste diesen Brief vor wenigen Tagen. Aus dem Italienischen von Andrea Dernbach.

„Die Pest, von der die Gesundheitsaufsicht bereits gefürchtet hatte, dass sie mit den deutschen Truppen in die Gegend von Mailand kommen würde, war, wie man sah, tatsächlich gekommen; und genauso sah man, dass sie dort nicht bleiben würde, sondern einen guten Teil Italiens befallen und entvölkern würde.“

Mit diesen Worten beginnt das 31. Kapitel der „Verlobten“ von Alessandro Manzoni. Dieses und das folgende Kapitel sind ganz der Pest gewidmet, die Mailand im Jahre 1630 heimsuchte.

Es ist ein lehrreicher, ungemein moderner Text, ich empfehle euch, ihn aufmerksam zu lesen in diesen verworrenen Tagen. Alles findet man hier: die Gewissheit, dass Fremde gefährlich sind, den Streit der Behörden, die verzweifelte Suche nach dem Patienten null, die Verachtung von Fachleuten, die Jagd auf Krankheitsüberträger, die Gerüchte, die verrücktesten Heilmittel, das Hamstern von Lebensmitteln, den Ausnahmezustand …

Hier findet ihr auch Namen, die ihr von den Straßen rings um unser Gymnasium kennt: Ludovico Settala, Alessandro Tadino, Felice Casati.

Unsere Schule steht, wir sollten das nicht vergessen, genau dort, wo früher Mailands Lazzaretto war, das historische Seuchenhospital. Also: Mehr als aus Manzonis Roman scheinen seine Worte aus einer Zeitung von heute zu stammen.

Posing for the Gram. Die Viktor-Emanuel-Passage ist ein Hotspot für Social-Media-Gepose. In Corona-Zeiten ist sie fast leer.
Posing for the Gram. Die Viktor-Emanuel-Passage ist ein Hotspot für Social-Media-Gepose. In Corona-Zeiten ist sie fast leer.Foto: Luca Bruno/dpa

Liebe Schüler, „nichts Neues unter der Sonne“ liegt mir da auf der Zunge. Aber angesichts unserer geschlossenen Schule muss ich reden. Eine Schule gehört zu den Einrichtungen, deren Rhythmen und Riten den Verlauf der Zeit und den geordneten Ablauf des Zivillebens anzeigen. Nicht umsonst verfügen Behörden die zwangsweise Schließung von Schulen nur selten und in Ausnahmefällen.

Ich kann nicht beurteilen, ob die Anordnung angemessen war, ich bin weder Experte noch will ich so tun, als sei ich es. Ich respektiere die Behörden, vertraue ihnen und folge ihren Empfehlungen. Was ich euch allerdings sagen will, ist: ruhig Blut! Lasst euch nicht in die allgemeine Hysterie ziehen, führt bei aller nötigen Vorsicht weiter euer normales Leben. Nutzt diese Tage für Spaziergänge, lest ein gutes Buch!

Es gibt, wenn ihr gesund seid, keinen Grund, euch zu Hause einzuschließen. Es gibt keinen Grund für einen Run auf Apotheken und Supermärkte. Überlasst Atemmasken den Kranken, nur sie brauchen sie. Die Geschwindigkeit, mit der es ein Virus vom einen Ende der Welt ans andere schafft, gehört zu unserer Zeit.

Fragen und Antworten zum Coronavirus

Die Barbarisierung des Umgangs ist die große Gefahr

Es gibt keine Mauern, die es aufhalten könnten. In früheren Jahrhunderten passierte das genauso, nur etwas langsamer. Allgemein ist das größte Risiko in solchen Situationen – das lehrt Manzoni und Boccaccio vielleicht noch etwas mehr – ist die Vergiftung des gesellschaftlichen Lebens, der menschlichen Beziehungen, die Barbarisierung des zivilen Umgangs.

Es ist ein urzeitlicher Instinkt bei einem unsichtbaren Feind, ihn überall zu vermuten. Man ist geneigt, alle Mitmenschen als Bedrohung und potenzielle Angreifer zu sehen. Anders als während der Epidemien des 14. und 17. Jahrhunderts haben wir heute die moderne Medizin an unserer Seite, ihre Fortschritte und Sicherheiten. Glaubt mir, das ist nicht wenig.

Benutzen wir unsere Vernunft, der wir auch diese Medizin verdanken, um das Kostbarste zu erhalten, das wir haben: unser soziales Gewebe, unsere Menschlichkeit. Sollten wir das nicht schaffen, hätte die Pest in der Tat gewonnen. Ich warte auf euch in der Schule.

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