„Maleficent“ mit Angelina Jolie im Kino : Kräftemessen der Feenmütter

Hier haben die Herrscherinnen das Sagen: Angelina Jolie, Michelle Pfeiffer und Elle Fanning im Disney-Sequel „Maleficent – Mächte der Finsternis“.

Mit Maleficent hat Angelina Jolie das Stereotyp der bösen Märchenfee 2014 zu einem schillernden Charakter gemacht.
Mit Maleficent hat Angelina Jolie das Stereotyp der bösen Märchenfee 2014 zu einem schillernden Charakter gemacht.Foto: Disney

Mit Königin Ingrith ist nicht gut Abendbrot essen. So freundlich, wie sie tut, so eisenhart und machtbesessen ist sie auch. Die reinste Eiskönigin. Das kann Maleficent, die Herrscherin der Moore, so schlecht ertragen wie das für Feen unverträgliche Eisenbesteck auf der königlichen Tafel. Und als die zukünftige Schwiegermutter bei der Verlobungsfeier von Maleficents Ziehtochter Prinzessin Aurora mit Ingriths Sohn Prinz Philip die Schwiegertochter gezielt provokant „ihr eigen“ nennt, schießen die grünen Zornesblitze aus Maleficents Augen quer durch die Halle.

Schaut man sich bei diesem explosiven Schlagabtausch der Herrscherinnen die Weicheier König John, Ingriths Gatten, und ihren Filius Philip an, ist glasklar, wer im Königreich Ulstead und in „Malificent – Mächte der Finsternis“ die Hosen anhat: die Frauen.

Mit Michelle Pfeiffer (60 plus), Angelina Jolie (40 plus) und Elle Fanning (20 plus) hat Disney in der Fortsetzung des Realfilmmärchens „Maleficent – Die dunkle Fee“ von 2014 ein prachtvolles Generationentrio installiert. Wobei die jüngste nur den allzu harmlosen Part der friedliebenden, verliebten Aurora abbekommen hat, die dem krachenden Kräftemessen der Supermütter tränenselig zusehen muss.

Die Überraschung jedoch, die der komplexe, Sanftmut und Aggression vereinende Charakter der von Angelina Jolie verkörperten Hörnerflügelfee im ersten Teil bereitete, fällt diesmal genau wie das Staunen über die Maßstäbe setzende Verschmelzung von wirklicher und computergenerierter Welt naturgemäß geringer aus.

Da kreuchen und fleuchen Pixies, Kobolde und Viecher

Drehbuchautorin Linda Woolverton hatte aus Malefiz, der langgliederigen, schwarz gewandeten, eindimensional bösen Zeichentrickfigur aus Disneys „Dornröschen“ (1959) eine von Menschen verratene und verletzte, ihre Wut und Rache dann aber schließlich bändigende Anti-Heldin gemacht. Ein aufregend anderes, imposantes Geschöpf in ikonischem Düsterlook, wie geschaffen für die Physis und Coolness von Angelina Jolie. Wer wollte sich von Maleficents rasiermesserscharfen Wangenknochen nicht das Herz aufschlitzen lassen?

Ein durch Weichzeichner und Postproduktion verstärkter Effekt, dessen Massenwirksamkeit „Maleficent 2“ als Teil der Disney-Realverfilmungswelle man jetzt nicht mehr komplett vertrauen mag. Deswegen hat Woolverton den gleichrangigen Neuzugang Ingrith und die Herkunftsgeschichte der Hörnerflügelfee dazuerfunden. Und Regisseur Joachim Ronning hat eine Schippe Psychologie rausgenommen und eine Ladung Action und Augenpulver draufgepackt.

Das paradiesische Reich der Moore, die magisch-demokratische Gegenwelt zur von Hierarchien und Gier geprägten urbanen Zivilisation der Menschen, gleicht diesmal einem nicht mehr im Detail wahrnehmbaren Figurenkonfetti. Da schwirren, kreuchen und fleuchen Pixies, Kobolde und Viecher. Da schießen Blüten und Dornen ins Kraut.

Da explodieren im Schlachtgetümmel des Krieges beider Reiche rosa Giftbomben als Feenkillerstaub. Es rauschen im Königspalast die Kostüme, dass einem schwindelig wird. Von Maleficents atemberaubenden Flugsequenzen ganz abgesehen.

Die hübsch in eine Vielzahl von Waldwesen übertragene, den Naturreligionen und der Naturphilosophie entlehnte Idee, dass jeder Baum, jede Blume ein beseeltes Wesen ist, birgt dabei mehr romantischen Zauber als aller von sinfonischem Bombast umtoster Material-Overkill.

Michelle Pfeiffer (rechts) und Angelina Jolie bei der Filmpremiere in Rom.
Michelle Pfeiffer (rechts) und Angelina Jolie bei der Filmpremiere in Rom.Foto: REUTERS/Yara Nardi

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Apropos Romantik. Maleficents Diener Diawal, der mal in Raben- und mal in Sam Rileys Menschengestalt erscheint, spielt als ironischer Sidekick die einzige gute Männerrolle im Märchenmatriarchat. Selbst Neuzugang Chiwetel Ejiofor, der die von einer Schergin der Königin mit der Armbrust abgeschossene Maleficent rettet und ins Exil der von den Menschen verfolgten Hörnerflügelfeen führt, reicht nicht an Rileys Charisma heran.

Immerhin beschert die Zuflucht der ethnisch betont diversen Spezies in einer Riesenhöhle weitere spektakuläre Computerbilder. Etwa die auf grafisches Schwarz, Weiß und Grau reduzierte Sequenz, als die bandagierte Maleficent in einem Tunnel aus Wurzeln versinkt.

Menschen sind die eigentlichen Monster

Der Konflikt zwischen dem Flügel-Krieger Borra (Es Skrein), der die menschlichen Vernichtungsfeldzüge mit Rache quittiert, und dem auf friedliche Koexistenz setzenden Conall (Ejiofor) fungiert als Spiegelung des Disputs zwischen den Herrscherinnen. Frieden möchte auch Versöhnerin Aurora mit einem an Schwieger- und Ziehmutter gerichteten Plädoyer für mehr Miteinander wiederherstellen.

Neben der in Fantasyfilmen weidlich beackerten Erkenntnis, dass Menschen die eigentlichen Monster sind, die die Natur und alles Andersartige verachten, mag die Botschaft dieses amüsanten Bilderrausches ohne störenden Tiefgang sein: Die Jungen können den Starrsinn und den Hass der Alten brechen. Selbst Feenmütter sind gut beraten, mitunter auf ihre Töchter zu hören. Aber Gott sei Dank erst, nachdem sie Kraft ihrer Magie das ganze verdammte Königreich zum Einsturz gebracht haben.

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