Maler Ulrich Baehr wird 80 : Im deutschen Unterholz

Geschichte und Landschaft: Der Maler Ulrich Baehr feiert 80. Geburtstag mit zwei Ausstellungen.

Der Wald spricht. Ulrich Baehrs Gemälde „Vor Frühling“ von 2014.
Der Wald spricht. Ulrich Baehrs Gemälde „Vor Frühling“ von 2014.Foto: Luise Wagener/VG Bild-Kunst Bonn, 2018

Was für ein Bildausschnitt! Die Figur beginnt unterhalb der Gürtellinie, Ulrich Baehr malt den Schritt, die Falten der Reithose, die Lederstiefel – er malt Verführungskraft und Bedrohlichkeit des Nationalsozialismus. „Deutsche Torsi“ heißt die wohl bekannteste Serie des Künstlers. Dafür hat er sich Anfang der 70er Jahre an Hitlers Machtposen abgearbeitet, wie sie in der Serie des Fotografen Heinrich Hoffmann dokumentiert sind. Für sein Gemälde legte Baehr mehrere Fotos übereinander, verdichtet so die Vorlage und erreicht damit ein Kondensat des Faschismus. Der Bildausschnitt erinnert an die Halbtotale im Western, bei der die Colts zu sehen sind. Aber er schneidet Oberkörper und Kopf ab und setzt die aggressive Männlichkeit ins Zentrum.

Wenn man zurückblickt auf die Entwicklung des Werkes von Ulrich Baehr, stößt man immer wieder auf die vom Kalten Krieg geprägte Glaubensfrage in der Kunst: Abstraktion oder Gegenständlichkeit? Zumindest in Deutschland wurde die Entscheidung als Bekenntnis zu einem der beiden Systeme gedeutet, als Wahl zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Je nach Blickwinkel galt die Abstraktion als Höchstmaß an Freiheit oder Beliebigkeit. Die Gegenständlichkeit als Nähe zur Wirklichkeit oder zur Propaganda. So leidenschaftlich die Diskussion geführt wurde, heute erscheint sie obsolet. Baehrs Werk zeigt, wie die politische Konfrontation den Blick auf die Malerei verengte.

Baehr wurde 1938 in Bad Kösen an der Saale geboren. An diesem Samstag feiert er seinen 80. Geburtstag. Die Kindheit erlebte er im Krieg, machte in Osnabrück Abitur und ging mit zwanzig Jahren nach Berlin, um an der Hochschule für Bildende Künste Kunsterziehung zu studieren. Sein Lehrer war Werner Volkert, ein heute vergessener Maler des deutschen Informel. Als einer der Mitbegründer von Großgörschen 35 zeigte Ulrich Baehr 1964 in der Selbsthilfegalerie seine erste Einzelausstellung. Im gleichen Jahr begann seine künstlerische Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte.

Geschwind und leicht, manchmal wie gewischt

Das erste Historienbild „Ermordung eines Düsseldorfer Anarchisten“ bezieht sich auf den Versuch von Separatisten, 1923 eine Rheinische Republik zu begründen. Schon hier erzählt Ulrich Baehr die Straßenszene fast filmisch, rahmt das Zentrum mit Ausschnitten in der Nahaufnahme. Die Malerei wirkt geschwind, leicht, manchmal wie gewischt. Baehrs Farben bleiben empfindsam und dünnhäutig, anders als es das Label „Kritischer Realismus“ suggeriert, das ihm bald anhaftet.

Bei einem Studienaufenthalt in Paris hatte Ulrich Baehr 1963 die amerikanische Pop Art kennengelernt. Larry Rivers und Robert Rauschenberg wurden seine Vorbilder, ebenso der britische Pop Künstler R.B. Kitaj, bei dem unter lustvollen Farben dunkle Abgründe lauern. Während die Amerikaner den Sex-Appeal des Konsums auf die Spitze treiben, arbeitet sich Baehr an den Demagogen des 20. Jahrhunderts ab. Er setzt sich auseinander mit den Männerbildern seiner Kindheit, mit Hitler, Stalin, Hindenburg. Mit den deutschen Torsi, verstümmelten Leibern.

Als sein „Haupt- und Schlüsselwerk“ bezeichnete der Künstler einmal die Porträt-Serie zu Herrn K. von 1975/76. Da beobachtet der Maler einen passionierten Amateurschützen am Schießstand. In dem abgeschlossenen Raum entlädt sich die unterdrückte Aggression des unauffälligen Kleinbürgers. Bei dem Porträtierten handelte es sich um einen Lehrerkollegen von Ulrich Baehr.

Heute wirken diese Arbeiten wie Vorläufer zu Luc Tuymans’ beharrlicher Auseinandersetzung mit der Banalität des Bösen oder zu Norbert Biskys besessenem Kampf mit propagandistischen Vorstellungen von Männlichkeit. Ganz entkam Ulrich Baehr der politischen Vereinnahmung nicht. 1975 wurde er gemeinsam mit 35 Kollegen von der Rostocker Kunsthalle eingeladen zu der Schau „Westberliner Künstler stellen aus“. Dort zeigte der Maler ein Bild des ehemaligen Wehrmachtsoffiziers Siegfried Müller, der in den 60er Jahren als Söldner im Kongo sein Unwesen trieb. Baehr porträtierte ihn als harmlosen Patriarchen mit afrikanischer Dienerschar im Hintergrund.

Farben wie bei Leistikow

Nach der Wende entstanden im Atelier am Checkpoint Charlie Bilder der Kräne, die an diesem Ort bis heute in den Berliner Himmel ragen als Riesenarme eines atemlosen Wandels. Und dann zieht der Maler Baehr sein dunkles Resümee. Das 20. Jahrhundert ist ein untergehendes Schiff, eine Serie im Großformat, die 2005 in der St. Matthäus-Kirche am Kulturforum zu sehen war. Mal wird der Dampfer von den Wellen auf die Seite geworfen, mal versinkt er oder zerbricht.

Auch die brandenburgischen Landschaften, die Baehr nach dem Kauf eines Pfarrhauses bei Rheinsberg schuf, bergen die Last der Vergangenheit. „Landschaft mit Unterholz“ heißt die zweiteilige Geburtstagsausstellung in Ribbeck und Lübben, die anschließend durch das Berliner Umland tourt. Die Alleen, die Seen, die Wälder erinnern in ihren Farben an Walter Leistikow, sind aber spürbar kontaminiert vom Erbe des Krieges. Zwischen den Bäumen kämpfen Geistersoldaten, im Unterholz findet der Maler die Hinterlassenschaften der Sowjetarmee. Aber wenn sich das Laub verdichtet oder die Stämme der Kiefern zusammenrücken, wenn Ulrich Baehr das Grün und das Blau von Wasser und Wald mit dem Spachtel zerkratzt, dann verwandelt sich der Realismus in Abstraktion.

Die Ausstellung „Landschaft mit Unterholz“ ist an mehreren Orten zu sehen. Bis 21. Mai im Museum Schloss Ribbeck, Theodor-Fontane-Straße 10, Nauen OT Ribbeck, Di – So 10 – 17 Uhr, und bis 20. Mai im Museum Schloss Lübben, Ernst-von-Houwald-Damm 14, Lübben im Spreewald, Mi – So 10 – 17 Uhr.

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