„Maria Stuarda“ an der Deutschen Oper : Im Angesicht der Feindin

Fulminant: Diana Damrau und Jana Kurucová in der konzertanten Aufführung von „Maria Stuarda“ an der Deutschen Oper Berlin.

Royaler Zoff. Diana Damrau und Jana Kurucová in „Maria Stuarda“.
Royaler Zoff. Diana Damrau und Jana Kurucová in „Maria Stuarda“.Foto: Bettina Stöß

Zehn Zentimeter. Näher kommen sie sich an diesem Abend nicht mehr, aber das ist schon sehr viel angesichts des Abgrunds, der die beiden Frauen trennt: Elisabeth I. und Maria Stuart, die Pro- oder besser Antagonistinnen von Gaetano Donizettis Oper „Maria Stuarda“. Königin Englands die eine, mit dem Anspruch darauf die andere. Die eine, protestantisch, wurde nach dem Bruch Heinrichs VIII. mit Rom gezeugt. Die andere, katholisch, fühlt sich als legitime Anwärterin auf die Krone. „Schwestern“ nennt man sie, tatsächlich waren sie Cousinen zweiten Grades – und Todfeindinnen. 19 Jahre schon soll Maria zum Zeitpunkt dieser Begegnung im Kerker geschmachtet haben und immer noch eine sehr schöne Frau gewesen sein.

Bei der konzertanten Aufführung in der Deutschen Oper Berlin singt Ensemblemitglied Jana Kurucová Elisabetta mit majestätisch-eisernem Mezzo, der zunächst genauso frostig wirkt, wie es dem Klischee der „jungfräulichen Königin“ entspricht. Dann aber liefert Kurucová eine feine Charakterzeichnung, deckt Unsicherheiten und Traumata auf: eine Herrscherin, verletzlich und schwankend zwischen ihren Beratern, dem Scharfmacher Cecil (Dong-Hwan Lee mit prächtigem, gleichmäßig geführtem Bariton), Talbot (mit reifem Bass: Nicolas Testé) und vor allem dem jungen Graf Leicester. Der mexikanische Tenor Javier Camarena übertreibt es gelegentlich mit der Leidenschaft, singt aber kraftvoll und höhensicher, ein leicht nervöses Flackern in der Stimme passt gut zu diesem Mann zwischen zwei Frauen.

Diana Damrau ist als Maria Stuarda eine Naturgewalt. Wie sie sich reckt und mit kindlicher Freude beim ersten Spaziergang im Garten die Blumen begrüßt! Wie sich die Miene verdüstert, als Leicester von Elisabeth spricht, wie sie in Haltung und Ausstrahlung verschmilzt mit ihrer Figur. Damrau ist eine der größten Sänger- Darstellerinnen unserer Zeit. Eine, die sich mit Haut und Haaren in die Rolle stürzt, man spürt: weil sie muss, weil sie gar nicht anders kann. Und die dabei bezwingend singt, mit der Dynamik spielt, Töne kometenhaft lang aushält, zwischen Höllentiefe und Engelshöhen alles auslotet, was die Partie zu bieten hat – der sie eine ungeheure Farblichkeit verleiht. Grandios. Allerdings hat Donizetti für Maria auch Musik geschrieben, die unmittelbar emotional wirkt, während der Politikerin Elisabeth eher die staatstragenden Arien zugedacht sind. Trotzdem Verständnis für die Königin zu wecken, das ist wiederum die Kunst von Jana Kurucová.

Bebend die Nasenflügel, stechend die Blicke

Dirigent Francesco Ivan Ciampa hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Die Fortissimi knallen viel zu sehr heraus, vor allem im Schlagwerk, seine Gestik wirkt uninspiriert, er lässt vieles treiben. Doch das ändert sich, Ciampa nestelt sich in die Partitur hinein, dirigiert zunehmend filigraner, das Klangbild vereinheitlicht sich, strömt bald aufwühlend und dramatisch dahin. Und der Chor (Einstudierung: Jeremy Bines) ist sowieso eine sichere Bank.

Zehn Zentimeter also. Bebend die Nasenflügel, stechend die Blicke. Eine fiktive Begegnung im Wald von Fotheringhay, die so nie stattgefunden hat. Höhepunkt eines Librettos, das zwingend auf diesen Moment zuläuft. Was natürlich Verdienst eines gewissen Friedrich Schiller ist, auf dessen Drama die Oper aufbaut. Maria hat Angst, doch sie trifft die Rivalin. Und wird gedemütigt. Verletzt Elisabeth an der einzigen Stelle, an der diese verwundbar ist: Ihre Mutter, Anne Boleyn, war nie von der Kirche anerkannt. Was für ein Psychoterror. Verständlich, dass sich die Primadonnen bei einer der Uraufführungen 1834 – es gab mehrere – so in die Haare bekamen, dass eine von ihnen 14 Tage ins Krankenhaus musste. Diven in der Politik sterben natürlich nie aus. Vielleicht schreibt mal jemand eine Oper über die Begegnung von Trump und Kim. Wie „Maria Stuarda“ zeigt, muss die dafür nicht mal wirklich stattfinden.

Wieder am: 31.5., 19.30 Uhr.

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